Tanz der Hegemonen
Jemen: Rund um den Krieg gegen die Ansarollah zerbrechen Regionalbündnisse und gründen sich neu
Nach außen zeigt man sich geeint: Am 18. Oktober traf der saudische Verteidigungsminister Khalid bin Salman zum Treffen mit dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Scheich Mohammed bin Sajed, in Abu Dhabi ein. Um sich über »die regionale Entwicklung auszutauschen«, hieß es nichtssagend. Bin Salman, jüngerer Bruder des Kronprinzen und saudischen Regierungschefs Mohammed bin Salman, pries auf X »die Tiefe der brüderlichen und historischen Beziehungen zwischen unseren beiden befreundeten Ländern«. Inhaltlich gab es nichts zu berichten: Das hochrangige Treffen selbst war die Nachricht.
Einen Tag zuvor hatte der Guardian berichtet, dass die Emirate wieder eine aktivere Rolle im Krieg gegen die Ansarollah (»Huthis«) spielen wollen. Demnach hätten sich die VAE bereit erklärt, Zahlungen an die Kräfte des sogenannten Südlichen Übergangsrats (STC) im Jemen wiederaufzunehmen, um sie bei der Bekämpfung der Ansarollah zu unterstützen, nachdem diese mehrfach das vom STC gehaltene Aden angegriffen hatten. Dieser Wiedereintritt der Emirate als Kriegsfinanzier wurde gemeinhin als Handreichung an die Saudis gelesen: »Der tiefe Graben zwischen den VAE und Saudi-Arabien über die Zukunft des Jemen« könnte sich nun schließen, kommentiert der Guardian.
Konkurrierende Interessen
Der STC ist formal Teil der breiten Allianz im Krieg gegen die Ansarollah. Sie besteht aus der seit Jahren verfassungsrechtlich illegitimen, medial aber als »international anerkannt« bezeichneten jemenitischen Regierung, internationalen Söldnertruppen, lokalen Dschihadistenmilizen und der von Riad und Abu Dhabi geführten Allianz. Der Krieg würde wenige Wochen dauern, versprach der heutige Kronprinz und damalige Verteidigungsminister bin Salman – das war im März 2015. Auf dem Papier zwar verbündet, verfolgten Saudi-Arabien und die Emirate von Beginn an unterschiedliche Interessen. Riad wollte die Ansarollah zurückschlagen und durch Unterstützung der »international anerkannten Regierung« jemenitische Einheit und somit Ruhe beim südlichen Nachbarn schaffen. Abu Dhabi unterstützt seit jeher jemenitische Separatisten mit dem Ziel der Wiederabspaltung des Südjemen als Vasallenrepublik des Emirats.
Nach der Gründung des separatistischen STC 2017 eskalierte dieser Stellvertreterkonflikt mehrfach zu direkten militärischen Auseinandersetzungen. Der vorläufige Höhepunkt ereignete sich vergangenes Jahr, als der STC Anfang Dezember innerhalb weniger Tage die beiden riesigen Wüstengouvernements Hadramaut und Al-Mahra an den Grenzen zu Saudi-Arabien und Oman unter seine Kontrolle bringen konnte. Die saudische Führung ließ im Grenzgebiet als Drohkulisse rund 15.000 Soldaten aufmarschieren. Riads Luftwaffe bombardierte in den Morgenstunden des 30. Dezember zwei emiratische Frachtschiffe in der Provinzhauptstadt Mukalla, die große Mengen an Waffen geladen hatten, darunter Panzerfahrzeuge für die südlichen Separatisten. Am selben Tag kündigte der Vorsitzende des jemenitischen Präsidialrats, Raschad Al-Alimi, das gemeinsame Verteidigungsabkommen mit den VAE auf und forderte die emiratischen Streitkräfte auf, das Land binnen 24 Stunden zu verlassen. Abu Dhabi verkündete Stunden später das offizielle Ende seiner militärischen Präsenz im Jemen.
Kurz nach dem Jahreswechsel hatte der STC noch ein Referendum über die Abspaltung Südjemens binnen zwei Jahren angekündigt. In den darauffolgenden Tagen gelang es den von Saudi-Arabien unterstützten Truppen jedoch, weite Teile der zuvor vom STC eingenommenen Gebiete zurückzuerobern. Einen bedeutenden Rückschlag erlitt der STC am 7. Januar, als die »Regierungstruppen« die Kontrolle über die Hafenstadt Aden zurückerlangten, die dem Übergangsrat als De-facto-Hauptstadt des Südjemen gedient hatte. Der STC-Führer Aidarus Al-Subaidi wurde wegen »Hochverrats« angeklagt, konnte jedoch über Somaliland und Somalia nach Abu Dhabi fliehen. Einen Tag später verkündete der STC nach neun Jahren seines Bestehens seine formale Auflösung.
Feind meines Feindes
Die Emirate haben damit im Jemen eine schallende Niederlage eingefahren, erwecken aber den Anschein, sich zähneknirschend damit arrangiert zu haben. Eine neue Recherche des US-Mediums Drop Site News straft diese Auffassung allerdings Lügen: Die Emirate haben sich in den vergangenen Monaten zu heimlichen Unterstützern der Ansarollah im Jemen entwickelt, erklären vier Quellen gegenüber Drop Site. Einerseits umfasste diese Unterstützung demnach Hilfe bei der Zielauswahl gegen die von Saudi-Arabien unterstützten »Regierungstruppen« durch verschiedene jemenitische Gruppen und Milizen, die von den VAE unterstützt werden. Andererseits gab es auch direkte Weitergabe von Geheimdienstinformationen an Ansarollah durch die Emirate selbst. »Die VAE haben der in Sanaa ansässigen Regierung eine erhebliche Menge an Geheimdienstinformationen übermittelt«, erklärte eine Person. Die Gesprächskanäle seien »weiterhin offen«.
Die Informationsbeschaffung betreffe ausdrücklich keine Ziele in Saudi-Arabien, sondern richte sich ausschließlich gegen Verbündete innerhalb Jemens. Kürzlich hätten die USA von der geheimen Unterstützung erfahren, erklärte eine Quelle gegenüber Drop Site, woraufhin »ein hochrangiger amerikanischer Regierungsvertreter« die Einstellung forderte. Der emiratische Botschafter in den USA, Jusef Al-Otaiba, das Weiße Haus und ein Sprecher der saudischen Militärkoalition reagierten nicht auf Anfragen von Drop Site, während die Ansarollah die Berichte zurückwiesen. »Die VAE haben dem Jemen keinerlei Unterstützung geleistet – weder gegen Saudi-Arabien noch gegen dessen Stellvertreter innerhalb Jemens«, sagte Mohammed Al-Bukhaiti, ein hochrangiger Ansarollah-Vertreter, gegenüber Drop Site. Trotz wiederholter Anfragen durch Kronprinz bin Salman habe sich Abu Dhabi »geweigert, sich erneut an der Aggression gegen den Jemen an der Seite Saudi-Arabiens zu beteiligen«, so Al-Bukhaiti weiter; die Emirate hielten »weiterhin an ihrer Neutralität fest«. Ein hochrangiger Vertreter des STC erklärte, dass dieser »keine Kommunikationskanäle zu den Huthis unterhält«.
Imperium der Häfen
Mitte Oktober hat Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im Rahmen einer Präsentation zur nationalen Sicherheitsstrategie eine Karte gezeigt, auf der Bündniskonstellationen in Westasien und angrenzenden Regionen dargestellt sind. Die Karte wurde von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) erstellt und bietet eine Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung geläufiger geostrategischer Modelle, die die Allianzen entlang konfessioneller Linien, insbesondere entlang schiitischer und sunnitischer Gruppen zu erklären versuchen. Da gibt es einmal die »Achse des Widerstands« um Iran, Hisbollah, Ansarollah, Hamas und schiitische Milizen im Irak. Ihr stellt die FES den sunnitischen Block um Saudi-Arabien und Ägypten gegenüber, ergänzt durch Türkei und Pakistan samt verbündeten Golfmonarchien und weiteren westlichen Partnern wie Jordanien sowie Syrien unter dem Dschihadistenführer Ahmed Al-Scharaa. Hinzu kommt ein dritter Block mit Israel und den VAE im Zentrum und Griechenland, Zypern, Äthiopien, den abtrünnigen somalischen Teilrepubliken Puntland und Somaliland sowie den Separatisten im Jemen in der Peripherie. Auch die sudanesischen Schnellen Eingreiftruppen (RSF), die laut UNO im Sudan einen Völkermord begehen, werden in der Kategorie »von Israel und den VAE als freundlich eingestuft« gelistet.
Dass die Ebert-Stiftung die Emirate hier ausdrücklich in Opposition zum sunnitisch-arabischen Block und in einer Allianz mit Israel sieht, bildet die Entwicklungen der letzten Jahre ab. Diese emiratisch-israelisch geführte Koalition habe »Ambitionen, die bis hin zum Streben nach regionaler Vorherrschaft reichen«, heißt es dort. Seit langem verfolgen die Emirate imperiale Ambitionen in Westasien und Nordafrika und bis hinein in den europäischen Mittelmeerraum. Durch ein Netzwerk strategisch gelegener Häfen, das von der jemenitischen Insel Sokotra, Somaliland, Dschibuti über den Sudan bis nach Ägypten und Syrien reicht, und durch strategische Investitionen in europäische Mittelmeerhäfen, etwa in Zypern und Spanien, haben sich die Emirate als maritime Regionalmacht etabliert. Durch Rückeroberung strategisch bedeutender Städte und Regionen durch die Ansarollah und die von Saudi-Arabien unterstützte »Regierung« ist im vergangenen Jahr der jemenitische Zweig dieses emiratischen »Imperiums der Häfen« weggebrochen.
Nachdem Saudi-Arabien im Juli mit der Bombardierung des Flughafens von Sanaa nach mehr als vier Jahren eines relativ stabilen Waffenstillstands das Wiederaufflammen des Kriegs gegen die Ansarollah eingeleitet hatte, sucht Riad nun international nach Verbündeten. Neben Zusagen militärischer Unterstützung im Rahmen der Bündnisverpflichtungen des im August gegründeten »Mekka-Pakts« durch Pakistan und die Türkei hat vergangene Woche auch das ägyptische Parlament mit Zweidrittelmehrheit Präsident Abd Al-Fattah Al-Sisi mit der Entsendung von Truppen zur Unterstützung Saudi-Arabiens mandatiert. Großbritannien hat ein Luftbetankungsflugzeug »Voyager« zur Unterstützung der Angriffe gegen die Ansarollah im Einsatz, und die USA helfen mit 200 Analysten in den saudischen Kommandozentren bei der Auswahl der Ziele im Jemen. Auch Frankreich und Italien haben Truppen und militärisches Gerät nach Saudi-Arabien entsandt. Dass sich nun eine erneute Rolle der Emirate im saudischen Krieg abzeichnet, kann nicht als neu entstehendes Vertrauen oder gewachsene Partnerschaft zwischen Abu Dhabi und Riad interpretiert werden, sondern spiegelt die anhaltenden imperialen Ambitionen der Emirate im Südjemen wider.
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