Kapitalismus des Begehrens
Creatorinnen und Creator sind formal selbständig, bleiben aber abhängig vom Algorithmus: Die Plattformökonomie hinter dem Portal Onlyfans
Mit der sogenannten Plattformökonomie hat der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts eine ganz besondere Form des Wirtschaftens hervorgebracht. Große, international tätige Konzerne beherrschen als Vermittler teilweise monopolartig bestimmte Dienstleistungen. Das US-Unternehmen Uber besitzt keine eigene Pkw-Flotte, vermittelt aber täglich weltweit rund 40 Millionen Fahrten. An jeder Tour verdient Uber eine Provision. Ebenso der Übernachtungsvermittler Airbnb, der keine eigenen Unterkünfte betreibt. Mit OnlyFans kam 2016 eine Plattform hinzu, auf der Nutzerinnen und Nutzer – sie werden »Creators« genannt – Fotos, Videos und Livestreams gegen eine monatliche Abogebühr oder Einmalzahlungen anbieten. Die Seite ist themenoffen, doch neben Lifestyle oder Fitness dominieren sexuelle Inhalte. Im Unterschied zu werbefinanzierten Portalen wie Youporn oder Pornhub stehen bei Onlyfans die individuellen Profile der zumeist weiblichen Creators, direkte Kommunikation sowie exklusive Inhalte für die in der Regel männliche Kundschaft im Vordergrund.
Hinter Onlyfans steht die Firma Fenix International. Mit der Covidpandemie entwickelte sich die Plattform zu einem ökonomischen Schwergewicht. Durch erhöhtes Ansteckungsrisiko kam damals die Ausübung traditioneller Sexarbeit weitgehend zum Erliegen. Ohne Einkommen suchten Sexarbeiterinnen nach digitalen Möglichkeiten und wichen auf Onlyfans aus. Gleichzeitig verbrachten durch die Kontaktbeschränkungen viele Menschen ihre Freizeit zuhause, was sich auch in einem erhöhten Aufrufen pornographischer Websites äußerte. Der Umsatz der Plattform explodierte und schnellte von 0,27 Milliarden US-Dollar (2019) auf 4,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 empor. Für 2025 wird der Gesamtumsatz mit 7,8 Milliarden US-Dollar angegeben.
Während der Covidpandemie kam hinzu, dass Menschen, die ihren Beruf durch die Maßnahmen nicht ausüben konnten, nach alternativen Einkommensformen suchten. So fanden auch Personen zu Onlyfans, die bisher nicht als Sexarbeitende tätig waren. Als dann auch noch mehr oder weniger prominente Künstler und Popstars begannen, die Plattform als weiteren Kanal für den Kontakt zu ihren Fans oder zur Vermarktung ihrer Alben zu nutzen, verlor Onlyfans binnen kurzer Zeit sein Schmuddelimage. Allerdings präsentieren die wenigsten Stars dort pornographische Inhalte. Die britische Sängerin Lily Allen teilte Bilder ihrer nackten Füße. Die Kunden mussten zehn Euro pro Monat zahlen, wenn sie die Fotos sehen wollten. Auf der Plattform X soll Allen nach Angaben des Onlinemagazins Desired später geschrieben haben: »Stell dir vor, du bist Künstlerin und hast fast acht Millionen monatliche Hörer auf Spotify, verdienst aber mehr Geld, wenn 1.000 Leute Bilder deiner Füße abonnieren.«
Das Geschäftsmodell hinter der Plattform ist einfach. Etwa fünf Millionen Creatorinnen treffen auf etwa 437 Millionen Abonnenten weltweit. Ein Monatsabo kostet im Durchschnitt 10–15 US-Dollar, Onlyfans deckelt den Preis bei 49,99 US-Dollar. Rund ein Viertel der Accounts sind gratis. Sie finanzieren sich über sogenannte Pay-per-view-Inhalte, das heißt, der Kunde zahlt für einzelne Fotos oder Videos. Von jeder Zahlung behält die Firma Fenix International, die das Portal betreibt, 20 Prozent Provision. Dafür stellt sie die Website, Serverinfrastruktur, Moderation etc. Die restlichen 80 Prozent der Geldeingänge gehen an die Creatorinnen. Mit der Gebühr befindet sich Onlyfans im Mittelfeld. Airbnb streicht bei jeder Übernachtung 15,5 Prozent Provision ein, bei Uber variieren die Angaben zwischen 25 und 35 Prozent.
Fenix International ist hochprofitabel. Im Jahr 2024 blieb ein Vorsteuergewinn in Höhe von 684 Millionen US-Dollar, 2025 sogar 715 Millionen Dollar. Der Gewinn ging als Dividende vollständig an den alleinigen Eigentümer Leonid Radvinsky. Laut dem Magazin Forbes erhielt Radvinsky zwischen 2021 und Anfang 2025 insgesamt 1,8 Milliarden US-Dollar Dividenden. Der ukrainisch-US-amerikanische Unternehmer starb im März dieses Jahres im Alter von 43 Jahren an Krebs. Die Firma ging auf eine Familienstiftung über. Zwei Monate nach Radvinskys Tod übernahm erstmals ein Finanzinvestor für 535 Millionen US-Dollar rund 16 Prozent der Firmenanteile von Fenix.
Den Körper monetarisieren
Eine Grund für die hohe Profitabilität sind die geringen eigenen Kosten. Onlyfans betreibt kaum eigene technische Infrastruktur: Webservice, Serverkapazität etc. mietet Fenix beim Techgiganten Amazon. Sämtliche rechtliche und psychische Risiken liegen dagegen bei den Creatorinnen.
Ökonomisch gilt das für Plattformen typische Dreiecksverhältnis Creator – Plattform – Kunde. Onlyfans stellt den technischen Rahmen, den Inhalt produzieren die Creatorinnen. Rechtlich gelten sie als selbständig, bei erheblicher indirekter Kontrolle durch die Plattform. Sie tragen das volle Risiko: keine Lohnfortzahlung, keine Arbeitslosenversicherung und kein Kündigungsschutz, dafür Gefahr von Onlinebelästigung und eigenständige Steuerpflicht. Formell sind sie Besitzerinnen der Produktionsmittel: Kamera, Körper und Wohnung. Die entscheidende Infrastruktur – neben der Serverkapazität sind das vor allem die Zahlungsabwicklung, Nutzerdaten und der Algorithmus – liegt bei Onlyfans. Pierre Brasseur, Soziologe und Professor an der Freien Universität Brüssel, hat dafür den Begriff der »totalen Selbstkommodifizierung« geprägt. Er hat im September 2026 sein Buch »Onlyfans, le capitalisme du désir« (Onlyfans, der Kapitalismus des Begehrens) veröffentlicht. Darin untersuchte er die digitale Arbeitswelt, emotionalen und unsichtbaren Arbeitseinsatz, algorithmische Abhängigkeit sowie die Kommerzialisierung von Intimität.
Im Vergleich zur Offlinesexarbeit zeigten Studien, dass sich die Risiken der Tätigkeiten verschieben. Ohne den direkten Kontakt zu den zumeist männlichen Kunden steigt die physische Sicherheit. Andererseits kommen digitale Gefahren hinzu, wie Cyberstalking (virtuelle Belästigung), das Ausfindigmachen und Veröffentlichen privater Daten (»Doxing«) und die illegale Weiterverbreitung kostenpflichtiger Bilder und Videos. Hinzu kommt außerdem: Um ökonomisch erfolgreich zu sein, wird von Abonnenten oft eine permanente Erreichbarkeit und intime Interaktion gefordert. Feierabend kennen die Frauen oft nicht, weil jede verpasste Nachricht eines Kunden eine entgangene Einnahme sein kann. Diese konstante Arbeit kann zu psychischer Erschöpfung und Burnout führen.
Marxistisch gelesen ist Onlyfans ein weiteres Beispiel für die Verwandlung von Arbeitskraft in Ware. Die Creatorinnen verwandeln Intimität und den Zugang zur Darstellung des Körpers in eine Ware, der Körper selbst wird nicht verkauft. Die Produktionsmittel bleiben nur teilweise in eigener Hand, was die Hunderte Millionen Dollar Dividende verdeutlichen.
Eine Forschungsarbeit am Institut für Sexualpädagogik- und Sexualtherapie in Zürich arbeitete heraus, wie komplex die Arbeit ist. Creatorinnen inszenieren »ihre Körper für die Monetarisierung: durch Kameraperspektiven, Teasingstrukturen, Serienformate oder personalisierte Contentangebote«. Sie bedienen sich »differenzierter Preisarchitekturen, Segmentierung der Fangruppen, abgestufter Accountangebote und arbeitsteilig umgesetzter Kommunikations- und Produktionsprozesse.« Die ökonomischen Modelle sind sehr unterschiedlich: von vollständig selbstorganisierten Einzelprofilen bis hin zu agenturbasierter Rundumbetreuung mit externem Management.
Wenn nachts und am Wochenende mehr Abonnenten online sind, können Creatorinnen meist nicht mehr jedem Fan persönlich antworten. Sie lagern die Kommunikation voll oder teilweise aus. Doch auch die sogenannten Chatter können nur eine begrenzte Zahl Kunden gleichzeitig betreuen. Antwortgeschwindigkeit ist jedoch ein entscheidender Faktor für den Umsatz. So ist rund um die Creatorinnen ein Netz von Agenturen entstanden, die zunehmend auch künstliche Intelligenz für den Kontakt mit den Abonnenten einsetzen. Die französische Firma Desirely bietet solche kompletten KI-Lösungen: Ein Chatbot baut zunächst eine Beziehung zum Kunden auf und schafft Verlangen, ohne dass Fotos oder Videos gesendet werden. Zeigt der Fan eine Kaufabsicht, folgt die KI einem Skript und verhandelt automatisiert den Preis. Dann wartet die KI, bevor sie ein neues Angebot macht. Firmen wie Desirely haben KI-Assistenten speziell auf die Besonderheiten von Onlyfans und anderen Plattformen trainiert.
Von solchen Agenturen profitieren vor allem Creatorinnen mit vielen Abonnenten. Insgesamt ist das Einkommen auf Onlyfans extrem ungleich verteilt. Der Median liegt bei nur rund 150 bis 180 US-Dollar im Monat, bei einer niedrigen zweistelligen Zahl Abonnenten. Ab etwa 950 US-Dollar pro Monat gehört man schon zu den oberen zehn Prozent, auf die fast drei Viertel aller Einnahmen fallen. Nach oben staffelt sich das Monatseinkommen exponentiell: An der Spitze liegen die erfolgreichsten Vollzeitcreatorinnen mit angeschlossenen Agenturen. Das oberste 0,01 Prozent soll Monatseinkünfte von bis zu 300.000 US-Dollar generieren. Das ist allerdings nur ein Bruchteil zur Dividende von Leonid Radvinsky: Er kassierte im Jahr 2023 pro Tag (!) 1,2 Millionen US-Dollar.
Zu den Spitzenverdienerinnen bei Onlyfans zählt beispielsweise die Schauspielerin und Sängerin Bella Thorne. Als sie im Jahr 2020 ihren Kanal eröffnete, soll sie binnen 24 Stunden mehr als eine Million Euro verdient haben. Später gab es Streit, weil Bilder die Künstlerin nicht vollkommen nackt zeigten, weshalb viele Abonnenten ihr Geld zurückverlangt hätten.
Wo bleibt die Gegenwehr?
Große Leerstelle bleibt die kollektive Gegenwehr der Creatorinnen, die als Millionen einzelne, formal selbständige Konkurrentinnen in der Regel isoliert, zuhause und oft unter Pseudonym arbeiten. Aufgrund des geringen Verdiensts ist Onlyfans für viele Frauen nicht die einzige Tätigkeit – schlechte Voraussetzungen für die Bildung eines Arbeiterinnenkollektivs. Eine Gewerkschaft existiert nicht. Etwas Protest regte sich im Jahr 2023, nachdem berichtet wurde, Radvinsky habe der proisraelische Lobbyorganisation AIPAC elf Millionen US-Dollar gespendet. Welche Wirkung der Protest entfaltete, ist nicht bekannt.
Aus feministischer Perspektive setzt sich die Kontroverse aus den Pornographie- und Prostitutionsdebatten fort. Sogenannte sexpositive Feministinnen betonen Wahlfreiheit sowie körperliche und ökonomische Selbstbestimmung. Andere Feministinnen entgegnen, Onlyfans kommodifiziere Frauenkörper innerhalb des patriarchalen Systems.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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