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Digitaler Wandel und soziale Frage

»Digitalisierung ist zum Selbstzweck geworden«

Technikfolgenforscher Armin Grunwald warnt vor der Macht weniger IT-Konzerne, wachsender Abhängigkeit von digitalen Systemen und einer Debatte, die die Risiken des Wandels zu lange ausgeblendet habe

Foto: Cronos/IMAGO
Business Office im Techsektor: Etage für Etage, Großraumbüro für Großraumbüro durchdigitalisiert

Herr Professor Grunwald, Digitalisierung wird politisch fast immer als Fortschrittsgeschichte erzählt. Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Technikfolgen. Wo sehen Sie derzeit die größten gesellschaftlichen Risiken des digitalen Wandels, die in der öffentlichen Debatte unterschätzt werden?

Während viele sich Sorgen um die KI und gar die mögliche Auslöschung der Menschheit machen, werden zwei zentrale Gefahren oft übersehen oder als nicht so wichtig angesehen. Die erste ist, dass die Macht über die Digitalisierung weltweit bei wenigen Konzernen und deren Chefs liegt. Diese üben abseits jeder demokratischen Legitimierung eine ungeheure Macht aus, etwa durch die sozialen Medien, ohne die modernes Leben gar nicht mehr vorstellbar ist. Dies führt zum zweiten Punkt: zur totalen Abhängigkeit aller gesellschaftlichen Prozesse vom Funktionieren digitaler Medien. Während uns allmählich klar geworden ist, wie stark wir von Energie abhängig sind, fehlt das Bewusstsein für die Abhängigkeit von digitalen Medien. Nur als Beispiel: Wenn diese einmal ausfallen, funktionieren weder die weltweite Finanzwirtschaft noch das Bezahlen mit Karte. Und Bargeld hat kaum noch jemand.

Bankfilialen schließen, Postfilialen verschwinden, Arzttermine werden online vergeben, Behörden kommunizieren digital. Für viele Menschen bedeutet Digitalisierung vor allem Abbau bisheriger Zugänge. Wird Effizienz inzwischen höher bewertet als gesellschaftliche Teilhabe?

Die hauptsächliche Werbung für Digitalprodukte läuft über Komfort und Bequemlichkeit. Die Botschaft lautet, dass man letztlich alles vom Sofa aus erledigen kann, ohne das Haus verlassen zu müssen. Dadurch wächst die Gefahr gesellschaftlicher Fragmentierung und sozialer Einsamkeit. Da Menschen soziale Wesen sind, gibt es allerdings Gegenbewegungen. Menschen erliegen zwar immer wieder der Versuchung der Bequemlichkeit, gleichzeitig vertraue ich aber auch auf unser Bedürfnis nach Gemeinschaft und gesellschaftlicher Teilhabe. Das wird mittelfristig neue Formen der Vergemeinschaftung hervorbringen. Und zwar keine digitale Vergemeinschaftung in Chatgruppen, sondern in »echt«, also in Präsenz.

In politischen Sonntagsreden soll die Digitalisierung den Alltag einfacher machen. Tatsächlich müssen Bürger immer häufiger technische Kompetenzen mitbringen, um überhaupt noch an öffentlichen Leistungen teilhaben zu können. Droht hier eine Umkehrung des ursprünglichen Gedankens staatlicher Daseinsvorsorge?

Die Rede davon, dass Digitalisierung alles einfacher macht, ist nicht nur politische Rhetorik, sondern auch ein gängiger Werbeslogan der IT-Branche. Und immer wieder stimmt das auch. Allerdings kennt wohl jeder die Verzweiflung, auch beim x-ten Versuch der Dateneingabe in ein digitales Formular nur unverständliche Fehlermeldungen zu erhalten. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Bürger, sich in diesen Systemen zurechtzufinden. Der Staat hält zwar die klassischen Zugangswege, etwa zu Behörden, offen. Sie werden jedoch zusehends mühsam und unattraktiv.

Die digitale Transformation wird häufig als Generationenfrage beschrieben. Ist das nicht zu kurz gegriffen? Sind nicht oft auch Menschen mit niedrigen Einkommen, geringer Bildung oder Behinderungen von digitaler Ausgrenzung betroffen?

Eindeutig ja. In der Frühzeit der Digitalisierung war tatsächlich die Befürchtung einer digitalen Spaltung zwischen den Generationen dominant. Diese Entwicklung hat sich jedoch nicht so dramatisch vollzogen. Statt dessen haben viele ältere Menschen die Vorteile der Digitalisierung erkannt und sich damit vertraut gemacht, wenn auch nicht die Hochbetagten. Vor allem während der Coronapandemie wurde jedoch deutlich, dass der Graben inzwischen woanders verläuft. Wer im Lockdown mehrere Kinder im Homeschooling hatte, weiß, dass dafür mehrere Räume und mehrere Computer mit gutem Internetzugang nötig sind. Diese Voraussetzungen waren und sind in ärmeren Schichten oft nicht vorhanden. Hier verläuft heute die eigentliche digitale Spaltung.

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Der Philosoph Jürgen Habermas beschrieb einst die Bedeutung öffentlicher Räume für demokratische Teilhabe. Geht mit dem Verschwinden von Bankfilialen, Poststellen oder Bürgerbüros möglicherweise auch ein Stück gesellschaftlicher Infrastruktur verloren, das über die konkrete Dienstleistung hinausgeht?

Ja, das ist der Fall. Eines meiner Argumente gegen digitale Wahlen, etwa zum Bundestag, ist, dass der Wahlgang als öffentliches Ereignis entfällt, wenn alle zu Hause sitzen und digital ihre Kreuzchen machen. Ich erlebe solche Wahlen als gemeinschaftliche Aktion, bei der ich regelmäßig Bekannte aus meinem Stadtviertel treffe und ins Gespräch komme. Fiele das flächendeckend weg, ginge ein Stück demokratischer Öffentlichkeit als Bedingung einer lebendigen Demokratie verloren.

Im Namen der Digitalisierung werden analoge Alternativen häufig als teuer, ineffizient oder überholt dargestellt. Muss ein Rechts- und Sozialstaat analoge Zugänge trotzdem dauerhaft garantieren, selbst wenn sie betriebswirtschaftlich unattraktiv sind?

Ja, und zwar aus zwei Gründen. Zum einen dürfen Menschen nicht gezwungen werden, bestimmte Technologien zu nutzen. Wer sich bewusst entscheidet, der digitalen Sphäre fernzubleiben, dessen Entscheidung muss der Staat respektieren und ihm andere Möglichkeiten eröffnen, die notwendigen Dinge zu erledigen. Zum anderen sollte der Staat aus Gründen der Daseinsvorsorge bedenken, dass digitale Systeme schwerwiegend und über längere Zeit ausfallen können, etwa durch besonders perfide Cyberangriffe. Auch deshalb gebietet die Daseinsvorsorge, analoge Alternativen vorzuhalten.

Aktuell erleben wir eine paradoxe Entwicklung: Einerseits sollen alle Lebensbereiche digitalisiert werden, andererseits wächst in vielen Bevölkerungsgruppen das Gefühl des Kontrollverlusts. Woher kommt dieses Spannungsverhältnis?

Viele haben das Gefühl, ihnen werde die Digitalisierung nach dem Motto »Friss oder stirb« aufgezwungen. Menschen wollen ihre persönlichen Angelegenheiten jedoch selbst in der Hand behalten. Das ist nicht mehr vollständig möglich, wenn sie sich digitalen Systemen anvertrauen müssen, die von anderen gesteuert werden. Ein Beispiel ist die langjährige politische Bevorzugung der Kartenzahlung mit dem Ziel, Bargeld zurückzudrängen. Hier haben jedoch Widerstände und die Sorge vor einer vollständigen Abhängigkeit dazu geführt, dass Schweden, lange Zeit ein Vorreiter auf dem Weg zur bargeldlosen Gesellschaft, wieder stärker auf Bargeld setzt und dessen Nutzung sogar aktiv einfordert. Das gibt vielen Menschen ein Stück Kontrolle zurück.

Künstliche Intelligenz zieht derzeit enorme Aufmerksamkeit auf sich. Besteht die Gefahr, dass wir die sozialen Folgen dieser Entwicklung erneut erst dann ernst nehmen, wenn sich neue Ungleichheiten bereits verfestigt haben?

Da besteht nicht nur die Gefahr, sondern das geschieht bereits. Psychologen haben herausgefunden, dass Gehirnaktivität und Leistungsvermögen von Menschen abnehmen können, wenn sie nicht mehr selbst mühsam denken, sondern beispielsweise Chat-GPT befragen. Bereits heute öffnet sich die Schere zwischen Menschen, die KI klug nutzen und damit ihre Fähigkeiten weiterentwickeln, und jenen, die lediglich konsumieren.

Viele politische Entscheidungen folgen heute einer impliziten Logik: Was technisch möglich ist, wird früher oder später auch umgesetzt. Brauchen wir wieder stärker die Debatte darüber, was überhaupt digitalisiert werden soll und was nicht?

Ja, diese Debatte fehlt komplett. Statt dessen gilt: Je mehr Digitalisierung und je schneller, desto besser. Digitalisierung ist zum Selbstzweck geworden, angeblich an sich gut und notwendig. Und das, obwohl ihre Schattenseiten längst bekannt sind: übermäßige Nutzung, Einsamkeit vieler junger Menschen, Suchtverhalten, die Erosion einer konstruktiven öffentlichen Debattenkultur und vieles mehr. Immerhin haben diese Entwicklungen dazu geführt, dass mittlerweile öffentlich über die Risiken der Digitalisierung sowie über Kinder- und Jugendschutz diskutiert wird. Allerdings sehr spät.

Wenn wir die Entwicklung der vergangenen Jahre fortschreiben: Wie sieht Deutschland im Jahr 2040 aus? Leben wir dann in einer inklusiven digitalen Gesellschaft oder in einem Land, in dem sich Teilhabe zunehmend über digitale Kompetenzen, Zugang zu Technik und Bildungsressourcen definiert?

Nun bin ich kein Prophet, sondern betrachte die Zukunft als einen offenen Raum, der davon geprägt wird, wie Menschen sich entscheiden und zur Gestaltung der Zukunft beitragen. Wenn sich allerdings die Trends der vergangenen zehn oder zwanzig Jahre einfach fortsetzen, bin ich nicht besonders optimistisch. Aber das muss nicht so kommen. Menschen sind zutiefst analoge Wesen. Ob das Leben gelingt, entscheidet sich in der analogen, nicht in der digitalen Welt. Die digitale Welt bleibt letztlich ein Mittel, um ein gutes analoges Leben zu ermöglichen. Deshalb setze ich darauf, dass Gegenbewegungen zu den Trends der vergangenen Jahrzehnte entstehen und sich ein nüchternerer Blick auf die Digitalisierung durchsetzt.

Armin Grunwald ist Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB). Der Philosoph gilt als einer der bekanntesten deutschen Experten für die gesellschaftlichen Folgen technologischen Wandels.

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Erschienen in der Ausgabe vom 03.11.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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