»Wir müssen jungen Menschen Fidels Werte vermitteln«
Über das Erbe Fidel Castros, die Bewahrung der Geschichte der kubanischen Revolution und die Weitergabe ihrer Ideale. Ein Gespräch mit René González Barrios
Auf Kuba wurde der 100. Geburtstag von Fidel Castro am 13. August in diesem Jahr trotz der angespannten Lage aufgrund der verschärften US-Blockade mit Feierlichkeiten, Gedenkveranstaltungen und einem internationalen Kolloquium begangen. Was hielt Fidel eigentlich von Personenkult?
Fidel war vor allem ein Mann von außergewöhnlicher Bildung, sowohl was seine historischen Kenntnisse als auch sein Allgemeinwissen betraf. Er schöpfte aus der Geschichte Kubas ebenso wie aus der Weltgeschichte. Eines der Dinge, die ihn als Politiker, gerade aufgrund seiner historischen Kenntnisse, besonders störten, war der Personenkult.
Er wusste um das Gebaren der kubanischen Präsidenten während der neokolonialen Epoche zwischen der Gründung der Republik 1902 und dem Revolutionsjahr 1958, als wir die tatsächliche Unabhängigkeit von der US-Vorherrschaft erreichten. Präsident Alfredo Zayas ließ sich beispielsweise noch zu Lebzeiten mit öffentlichen Geldern eine Statue errichten.
Hinzu kamen Fidels Analysen darüber, welche negativen Auswirkungen der Personenkult um Stalin, Mao und andere sozialistische Führer auf den Sozialismus hatte. Aus dieser konsequenten Ablehnung des Personenkults heraus verfügte Fidel ausdrücklich, dass nach seinem Tod weder Straßen noch Schulen, Fabriken oder andere Einrichtungen nach ihm benannt werden sollten. Diese Vorgabe wurde in Kuba eingehalten. Auch die Kommerzialisierung seines Namens wurde untersagt.
Doch wie konnte das Andenken an Fidel dann gewahrt werden?
Das kubanische Parlament traf noch im Jahr 2016, einen Monat nach Fidels Tod, eine Entscheidung: Es sollte eine Institution geschaffen werden, die sich dem Studium seines Denkens, seines Lebens und seines Wirkens widmet. Deshalb wurde dieses Zentrum gegründet. Im Centro Fidel Castro haben wir die drei zentralen Akteure der Geschichte der kubanischen Revolution miteinander in Verbindung und auf eine gleichberechtigte Ebene gestellt. Das sind José Martí als der große Vordenker, der seine Vision eines künftigen Kuba entwarf; Fidel Castro als der große Interpret von Martís Denken und als Anführer der revolutionären Bewegung; und das kubanische Volk, das der eigentliche Protagonist dieser Revolution ist. Fidel allein hätte die Revolution nicht vollbringen können.
Was erwartet die Besucher im Centro Fidel Castro Ruz?
Das Centro Fidel Castro Ruz ist eine vielseitige öffentliche Einrichtung. Wir haben einen eigenen Verlag und eine eigene Druckerei. Unsere Druckerei heißt Imprenta del Cubano Libre, also »Druckerei des freien Kubaners«. Außerdem verfügen wir über eine audiovisuelle Arbeitsgruppe, die Beiträge über Fidels Leben und Wirken produziert. Mit dieser Gruppe haben wir ein interaktives Kommunikationsprojekt ins Leben gerufen: Wir filmen alle Menschen, die etwas über Fidel zu erzählen haben. Diese Aufnahmen werden Teil eines Archivs, das wir Fondo de la Palabra, also »Archiv des gesprochenen Wortes«, nennen.
Zum Zentrum gehört außerdem eine Kommunikationsabteilung, die einen zentralen Beitrag zur kulturellen Arbeit leistet und zahlreiche Vermittlungsangebote organisiert. Wir haben neun Ausstellungsräume, die mit interaktiven, besonders für junge Menschen interessanten Medien ausgestattet sind. Auf diese Weise wollen wir Fidels Leben und das Leben des kubanischen Volkes im jeweiligen historischen Kontext vermitteln.
Welche Dokumente sammelt das Zentrum?
In unserem Informationszentrum bewahren wir sämtliche öffentlich zugänglichen Dokumente bezüglich Fidel auf, die in Kuba freigegeben und gesammelt wurden. Wir digitalisieren praktisch sämtliche fotografischen und dokumentarischen Bestände, die mit dem Comandante verbunden sind. Viele Menschen kommen zu uns und schenken dem Zentrum Dokumente, Fotografien und Bücher. Wir nehmen diese Schenkungen gerne entgegen.
Ein Beispiel ist der Mexikaner Antonio del Conde Pontones, der Besitzer der Yacht »Granma«, der unter dem Spitznamen »El Cuate« bekannt war. Er hatte zu Lebzeiten erklärt, dass sämtliche seiner Dokumente dem Zentrum überlassen werden sollten. Dann übergab er uns alle Kisten mit seinen Dokumenten. Auf dieser Grundlage haben wir einen eigenen Archivbestand aufgebaut. Wir schließen derzeit die Digitalisierung ab und ergänzen Informationen über ihn, die sich im kubanischen Bestand befinden, damit wir dieses Material mit Mexiko teilen können.
Fidel wirkte ja nicht nur durch seine revolutionären Taten, sondern auch durch seine Reden und seine Schriften. Wie werden diese für die Nachwelt erhalten?
Wir haben noch vor der Eröffnung des Zentrums beschlossen, ein besonderes Projekt in Angriff zu nehmen: die Herausgabe einer Auswahl von Fidels Werken. Dieses Projekt haben wir im Dezember 2025 abgeschlossen. In diesem Jahr haben wir die Ausgabe am Tag vor seinem Geburtstag im Palacio de Convenciones in Havanna im Rahmen des internationalen Kolloquiums vorgestellt. Allen Teilnehmern überreichten wir dabei USB-Sticks, auf denen 23 Bände der ausgewählten Werke Fidels gespeichert waren.
Ist das Centro Fidel Castro Ruz nur für Wissenschaftler und Akademiker zugänglich?
Wir bieten sowohl Kubanern als auch ausländischen Besuchern kostenlose Informationsdienstleistungen an. Wer über Fidel forschen möchte, findet bei uns Fotografien, Dokumente, Literatur und audiovisuelle Materialien. Diese Dienstleistungen bieten wir sowohl vor Ort als auch online an. Menschen aus aller Welt schreiben uns und bitten um Dokumente oder Fotos. Wir stellen alle Dokumente unentgeltlich zur Verfügung und teilen sie mit allen – gerade aus Respekt vor Fidels Andenken.
Das Zentrum verfügt zudem über ein Kino, eine Kunstgalerie, ein Amphitheater und drei ökologische Bereiche. Wir organisieren zahlreiche Aktivitäten für die örtliche Gemeinschaft. Das Zentrum bleibt nicht in seinen eigenen Räumen eingeschlossen, sondern trägt seine Arbeit nach außen. Wir haben alle Informationen auch digital zugänglich gemacht. Über unsere Website kann man das Zentrum von überall auf der Welt virtuell besuchen – sofern die entsprechenden Zugänge nicht blockiert werden.
Darüber hinaus arbeiten wir mit Schulen und Seniorenheimen zusammen. Einen besonders hohen Stellenwert hat für uns auch die Arbeit mit Gefängnissen und Inhaftierten. Wir betrachten das als Möglichkeit der Resozialisierung und wollen Werte und Hoffnung vermitteln. Das war für Fidel stets eine Priorität. Seiner Auffassung nach waren viele Inhaftierte letztlich Opfer sozialer Umstände, die selbst der revolutionäre Prozess nicht hatte lösen können.
Besuchen auch Touristen das Zentrum? Und wie sieht die Situation derzeit für Touristen aus, die nach Kuba reisen möchten?
Bislang wurde das Zentrum von mehr als 200.000 Menschen aus 174 Ländern besucht. Zeitweise kam eine Touristengruppe nach der anderen zu uns. Der Tourismus in Kuba ist inzwischen aufgrund der Maßnahmen der US-Regierung praktisch zum Erliegen gekommen. Doch ausländische Besucher, die Kuba bereisen und der Kubanischen Revolution mit Respekt oder Bewunderung begegnen, besuchen fast immer das Centro Fidel Castro Ruz.
Uns haben auch zahlreiche ausländische Staats- und Regierungschefs besucht. Wenn sie durch die Ausstellungsräume gehen, sagen sie zu uns: »Passt gut auf dieses Zentrum auf. Fidel gehört nicht nur euch. Fidel gehört nicht allein euch.« Unser Team ist sich der Bedeutung des Zentrums und dessen bewusst, was Fidel nicht nur für Kuba, sondern für die ganze Welt bedeutet.
Können Sie diese Bedeutung beschreiben?
Wir als Volk haben uns daran gewöhnt, Fidel immer unter uns zu spüren. Als Fidel zur Zuckerrohrernte aufrief, war er der erste, der Zuckerrohr schnitt. Meine Generation wurde in diesem Geist der Revolution geboren und ist in diesem Geist aufgewachsen. Wenn Fidel von den internationalistischen Missionen sprach, waren wir dabei. Wir gingen nach Angola und überall dorthin, wo wir gebraucht wurden.
Doch es ging auch um Träume: Durch Fidel wurden die Träume all jener verwirklicht, die für die Unabhängigkeit Kubas gekämpft hatten. Fidel prägte die Ideologie der Kubanischen Revolution, etwas, das viele Menschen auf der Welt nicht verstehen und völlig verzerrt darstellen. Eine ihrer wichtigsten Eigenschaften, die ihr Glaubwürdigkeit verlieh, war meiner Meinung nach, dass sie mitten im Volk stattfand.
Fidel war kein Staatschef, der mit seinen Ministern unterwegs war und sie ständig kontrollierte. Er ging zum Volk, überzeugte sich selbst von der Lage, sprach mit den Menschen und hörte ihnen zu. Denn es ging darum, die Bedürfnisse und Sorgen des Volkes zu erfüllen – nicht darum, ein Amt zu bekleiden.
Er lebte sehr bescheiden. Das kann man auch im Zentrum sehen. Und er war ein Mensch, der niemals Angst davor hatte, öffentlich Fehler einzugestehen, die er selbst oder der revolutionäre Prozess gemacht hatten. Auch das ist ein Wert, der die Moral stärkt: wenn eine Führungspersönlichkeit den Mut hat, zu sagen: »Hier haben wir Fehler gemacht. Wir müssen etwas verändern und die Dinge korrigieren.«
Sowohl Fidel als auch der Che hatten eine außergewöhnliche Hoffnung und ein großes Vertrauen in die Menschen und in die Möglichkeit, das Bewusstsein verändern zu können. Doch das braucht sehr viel Zeit. Heute ist es tatsächlich eine Herausforderung, dieses Denken lebendig zu halten, denn die Zeiten ändern sich.
Inwiefern?
Es setzt sich zunehmend eine Pseudokultur durch, das Banale gewinnt an Bedeutung, und Hollywoodmodelle eines hedonistischen US-amerikanischen Lebensstils werden immer dominanter. Deshalb müssen wir mit den jüngeren Generationen arbeiten und ihnen Werkzeuge an die Hand geben, die zu ihrem Alltag passen. Wir müssen den jungen Menschen die Werte vermitteln, für die Fidel stand, damit sie diese verstehen, verinnerlichen und weitertragen können.
Wir haben in unserem Zentrum diesbezüglich sehr schöne Erfahrungen gemacht. Jeden Sommer, während der Schulferien, wird das Zentrum von Kindern und Jugendlichen besucht. Die jungen Museumsführer sind zwischen fünf und zwölf Jahre alt. Die Kinder selbst erklären die Ausstellungsräume. Wir vermitteln ihnen historische Kenntnisse und geben ihnen das nötige Rüstzeug. Manchmal sind wir wirklich beeindruckt, denn die Kinder erklären die Geschichte sogar besser als die professionellen Museumsführer. Sie tauchen tief in die Geschichte ein.
René González Barrios ist Leiter des Centro Fidel Castro Ruz in Havanna, eines Forschungszentrums und Museums, das dem Anführer der Kubanischen Revolution gewidmet ist.
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