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Beilage Nahost

Riad hält sich alle Optionen offen

Auch Saudi-Arabien wird durch den Iran-Krieg erschüttert. Das Bündnis mit den USA scheint wackliger denn je – das Königreich könnte sich gen Osten orientieren

Foto: instagram.com/marahza91

Wie geht es weiter im Mittleren Osten, wenn der Iran-Krieg irgendwann zu seinem Ende gekommen ist? Die Frage stellt sich dringlich für alle Staaten der Region – nicht zuletzt für die Regionalmacht Saudi-Arabien. Außenpolitisch ist die Lage komplex. US-Präsident Donald Trump übt Druck auf das Land aus, den sogenannten Abraham Accords mit Israel beizutreten. Gleichzeitig spitzt sich der folgenreiche Konflikt mit den Vereinigten Arabischen Emiraten wieder zu. Riad hat jenseits der Kooperation mit den USA weitere Optionen: Es hat ein Militärbündnis mit Pakistan geschlossen, das ihm neue Chancen eröffnen könnte, und es hat das Beitrittsangebot des BRICS-Bündnisses zwar noch nicht angenommen, es aber auch nicht ausdrücklich abgelehnt. Geklärt werden muss, wie in Zukunft mit Iran umgegangen werden soll. Bei alledem befindet sich das Königreich in einer, ungeachtet all seines Ölreichtums, nicht ganz einfachen ökonomischen Lage.

Was die Wirtschaft anbelangt: Saudi-Arabien arbeitet weiterhin an seiner Transformation für die postfossile Ära – am Umstieg auf erneuerbare Energieträger und »grünen« Wasserstoff sowie an seiner ehrgeizigen Vision, mit dem Bau von KI-Rechenzentren zum dritten Hub für künstliche Intelligenz weltweit neben China und den Vereinigten Staaten zu werden. Im Bemühen, seine Position auch im Vergleich zu seinen Nachbarstaaten aufzuwerten, hat Riad angekündigt, Staatsaufträge lediglich an Firmen zu vergeben, die ihren regionalen Hauptsitz auf saudischem Territorium haben; das hat zahlreiche multinationale Konzerne veranlasst, ihre Mittelostzentralen in das Land zu verlegen – sehr zum Ärger vor allem der Vereinigten Arabischen Emirate. Zugleich zeichnet sich jedoch das Scheitern einiger besonders ehrgeiziger Projekte ab; die im Nordwesten des Landes am Roten Meer geplante Hightechzukunftsstadt Neom etwa muss ebenso drastisch abgespeckt werden wie der Plan, in den dortigen Bergen ein Skiresort aufzubauen. Jetzt kommen noch die Schäden und die heftigen materiellen Einbußen aufgrund des Iran-Kriegs hinzu.

Bevor der Krieg mit dem Überfall der USA und Israels auf Iran begann, hatte Saudi-Arabien versucht, die politischen Voraussetzungen für seine kostspielige ökonomische Transformation zu schaffen; und das hieß vor allem, einen Krieg in der Region zu verhindern, der potentielle Investoren abschrecken würde: Niemand baut ein viele Milliarden US-Dollar schweres KI-Rechenzentrum an einen Ort, an dem es womöglich rasch mit Drohnen und Raketen zerschossen wird. Das war der Grund, der Riad ab 2019 veranlasste, auf Ausgleich mit Teheran zu setzen. Der Prozess wurde seit 2023 von China als Mittler unterstützt. Er überstand extreme Belastungen, wie sie etwa der Gazakrieg mit sich brachte, und er dauerte offiziell bis zum Tag des US-amerikanisch-israelischen Angriffs an.

Eher auf Ausgleich bedacht

Tat er das wirklich? Unmittelbar nach Kriegsbeginn am 28. Februar machten Medienberichte die Runde, laut denen Riad zwar offiziell weiterhin darauf setze, den Krieg ganz im Interesse seiner eigenen Entwicklung zu verhindern. Doch habe Kronprinz Muhammad bin Salman, der eigentliche Machthaber im Land, sich persönlich bei Trump für Angriffe auf Iran stark gemacht. Die Berichte wurden von saudischen Stellen ebenso strikt dementiert wie Meldungen Ende März, Riad dringe auf eine Ausweitung der Bombardements. Verlässlich überprüfen lässt sich die Angelegenheit nicht. Bernard Haykel, ein bestens informierter Mittelostexperte der Princeton University, vermutete im Gespräch mit der Financial Times, die saudische Führung könne zu dem Schluss gelangt sein, wenn Israel Iran nach dem Zwölftagekrieg im vergangenen Sommer ohnehin erneut angreife – davon ging man aus –, dann sei es besser, wenn die USA sich beteiligten; so werde Teheran wenigstens zuverlässig geschwächt. Als sich zeigte, dass die Rechnung nicht aufging und Trump zudem ungehemmt zu eskalieren drohte, dabei verheerende iranische Gegenschläge auch auf Saudi-Arabien in Kauf nehmend, sei in Riad jedoch blankes Entsetzen eingekehrt.

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Ob das so zutrifft, ob die Berichte über ein klammheimliches saudisches Kriegsplädoyer überhaupt stimmen oder ob sie vielmehr ein geschickt lanciertes Element US-amerikanischer oder israelischer Informationskriegführung sind, lässt sich bisher nicht verlässlich feststellen. Klar ist aber: Schon am Tag nach dem Inkrafttreten der Waffenruhe am 8. April telefonierten die Außenminister Saudi-Arabiens und Irans erstmals wieder miteinander – und sondierten Möglichkeiten, die Spannungen abzubauen. Wenige Tage später folgte ein zweites Telefonat. Riad streckte seine Fühler erneut für einen Ausgleich mit Iran aus.

Parallel nehmen allerdings die Differenzen zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten weiter zu. Dies begann schon vor Jahren. Hatten Riad und Abu Dhabi vor rund einem Jahrzehnt noch überaus eng kooperiert und etwa gegen die Ansarollah im Jemen Seite an Seite Krieg geführt, so begannen die Emirate bald eigene Wege zu gehen. Im Kampf um Einfluss am Roten Meer setzten sie auf Kooperation mit Separatisten im Südjemen, mit dem nach Abspaltung von Somalia strebenden Somaliland sowie im Sudan mit den Paramilitärs der Rapid Support Forces (RSF), die im April 2023 einen Krieg gegen die regulären Streitkräfte anzettelten. In allen drei Fällen stellten sie sich gegen Saudi-Arabien, das auf die Zentralregierungen im Jemen (im saudischen Exil), in Somalia und im Sudan setzt. Im Jemen mündete der Streit zwischen Riad und Abu Dhabi Ende vergangenen Jahres in saudischen Bombenangriffen auf eine ganze Schiffsladung emiratischer Militärfahrzeuge, die an die südjemenitischen Separatisten übergeben werden sollten. Die Konflikte schwelen allesamt weiter.

Zunehmende Interessenkollision

Zugleich bauen die Emirate ihre Kooperation mit Israel aus, die sie mit dem Abschluss eines der »Abraham Accords« im Jahr 2020 eingeleitet haben. Die Zusammenarbeit erstreckt sich auch auf die Außen- und Militärpolitik: Mit emiratischer Hilfe setzt sich Tel Aviv inzwischen in Somaliland und damit am Golf von Oman fest, während etwa der israelische Rüstungskonzern Elbit Systems einen Ableger in den Emiraten etabliert hat. Im März verlegte Israel »Iron Dome«-Flugabwehrbatterien und Soldaten zu ihrer Bedienung in die Emirate, um iranische Drohnen und Raketen abzufangen. Das hat in Abu Dhabi und Dubai prowestliche Hardliner gestärkt, die jetzt ankündigen, die Emirate in eine noch deutlich intensivere Kooperation mit Israel zu führen. Die Chancen dafür, dass Trump mit seinen Bestrebungen Erfolg haben könnte, Saudi-Arabien ebenfalls zum Abschluss eines »Abraham Accords« mit Israel zu bringen, verbessert das nicht.

Riad testet vielmehr einen anderen Weg. Es hat im September 2025 einen Verteidigungspakt mit Pakistan geschlossen, der vor allem Wellen geschlagen hat, weil das Land Atommacht ist. Seit geraumer Zeit sind Gespräche über eine Erweiterung des Bündnisses um die Türkei im Gang; Die drei Staaten sind mittlerweile gemeinsam um eine Lösung für den Iran-Krieg bemüht. Andererseits gilt Ankara manchen als nächstes Objekt israelischer Aggression im Nahen und Mittleren Osten nach Iran. Zeichnet sich da schon die zukünftige harte Konfliktlinie in der Region ab? Nun, man wird sehen. Saudi-Arabien hat sich außenpolitisch jedenfalls verschiedene Optionen bewahrt. Auch die Tür zu den BRICS ist nicht verschlossen; indische Medien berichteten zuletzt, der saudische Außenminister nehme womöglich am nächsten Treffen seiner BRICS-Amtskollegen Mitte Mai in Neu-Delhi teil. Erwartet werden auch die Außenminister Irans und der Vereinigten Arabischen Emirate.

Vieles ist im Fluss; und dies auch auf dem Feld, auf das es letztlich ankommt: auf dem Feld der Ökonomie. Neom etwa, als glitzernde Hightechzukunftsstadt geplant, könnte eine ganz andere, gewöhnlichere, aber womöglich profitablere Perspektive erhalten. Kürzlich berichtete die Financial Times, der Hafen von Neom am nördlichen Roten Meer sei zwar noch nicht komplett fertiggestellt, doch er boome schon. Seit Handelsschiffe die Straße von Hormus nicht mehr passieren könnten, biete er sich als Alternative für den Außenhandel Saudi-Arabiens an. Entwickelt sich Neom, weit weg von Iran im Nordwesten des Landes gelegen, nun zur ordinären Handelsmetropole mit Hightecheinsprengseln, die nicht so glamourös ist wie ursprünglich geplant, dafür aber die Wirtschaft kräftig in Schwung bringt? Wer weiß. Klar ist nur: Der Mittlere Osten ist in einem tiefen Umbruch – und Saudi-Arabien auch.

Jörg Kronauer ist Journalist und Buchautor sowie Redakteur des Nachrichtenportals German Foreign Policy.

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Erschienen in der Beilage vom 13.05.2026, Seite 8, Ausland

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