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Millionen Kinder hungern
In Afghanistan und anderen Ländern der Welt sowie in Gaza eskaliert die Ernährungskrise. Gleichzeitig werden Hilfsprogramme gekürzt
Der Hunger trifft die Kleinsten stets am heftigsten: Mehr als vier Millionen Kinder in Afghanistan werden 2027 akut mangelernährt sein. Das sind 300.000 mehr als im Vorjahr und weit mehr als jedes zweite Kind unter fünf Jahren. Besonders stark steigt die Zahl der Betroffenen schwerer Mangelernährung um 16 Prozent auf fast 1,1 Millionen. Damit wird die Zahl der Kinder unter fünf, die behandelt werden müssen, im kommenden Jahr aller Voraussicht nach auf einen neuen Höchststand steigen. Das geht aus einer aktuellen Erklärung der Organisation »Save the Children« hervor, die Anfang dieser Woche verbreitet wurde.
Grundlage der Erhebung sind aktuelle Daten der »Integrierten Skala zur Einordnung der Ernährungssicherheit« (Integrated Food Security Phase Classification, IPC). Ihnen zufolge ist Afghanistan weiterhin von akuter Ernährungsunsicherheit schweren Ausmaßes betroffen. Zwischen September und Oktober 2026 waren knapp 16 Millionen Menschen, rund ein Drittel der Bevölkerung, von einer akuten Ernährungskrise betroffen (IPC-Phase 3 oder höher). Darunter befanden sich 3,4 Millionen Menschen, die unter Bedingungen einer akuten Notsituation (IPC-Phase 4 von 5) leiden müssen. Infolge einbrechender Einkommen aus Landwirtschaft und Saisonarbeit zum Winterbeginn wird diese Zahl im nächsten Halbjahr um über anderthalb Millionen ansteigen, so dass sieben der 34 Provinzen des Landes in die Notfallkategorie aufgenommen werden.
Wirtschaftskollaps
Seit ihrer Machtübernahme im August 2021 konnten die Taliban zwar Gewalt im Inland, überwiegend Anschläge durch den IS-Ableger »Islamischer Staat – Provinz Khorasan«, deutlich zurückdrängen. Doch hat sich der Konflikt mit dem Nachbarn Pakistan zugespitzt, der zuletzt im Herbst vergangenen Jahres und erneut im Frühjahr 2026 zu tödlicher Gewalt eskalierte. Haupttreiber der Hungersnot ist jedoch die Wirtschaftskrise im Land. Nach der Machtübernahme brach die internationale Finanzierung Afghanistans, die einen erheblichen Anteil der Wirtschaftsleistung ausmachte, nahezu vollständig weg. In der Folge schrumpfte die Volkswirtschaft laut Weltbank um mehr als ein Fünftel. Auch mehr als zehn Milliarden US-Dollar afghanisches Auslandsvermögen werden weiterhin hauptsächlich von den USA und der Schweiz zurückgehalten.
Der IPC-Index erweist hohe Arbeitslosigkeit, Inflation, geringe Kaufkraft, steigende Rohstoff- und Produktionskosten infolge der Kriege in Westasien sowie Handelsembargos und umfangreiche Rückkehrbewegungen als treibende Faktoren der Hungerkrise. Wegen fehlender Finanzierung könnten allein in diesem Jahr 40 Gesundheitseinrichtungen von »Save the Children« schließen, darunter Ernährungszentren sowie mobile Gesundheitsteams in abgelegenen Landesteilen Afghanistans, so die Organisation weiter. »In unseren Kliniken erleben unsere Ärzte und Pflegekräfte täglich die Folgen: mangelernährte Kinder und Mütter, die selbst hungern, damit ihre Familien etwas zu essen haben«, sagt Ashish Damle, Länderdirektor von »Save the Children« in Afghanistan.
Auch in weiteren Krisenregionen der Welt wütet der Hunger. So musste das Welternährungsprogramm der UNO (WEP) wegen fehlender Mittel seine Hilfslieferungen im Gazastreifen drastisch kürzen, meldete Reuters zu Beginn der Woche. Etwa 500.000 Menschen verlören dadurch ihre monatliche Lebensmittelhilfe. Die Zahl der Empfänger sinke von 1,6 auf 1,1 Millionen. Zudem würden die Rationen halbiert und die finanziellen Hilfen für 75.000 Familien gestrichen. Derzeit leiden dem WEP zufolge etwa 1,4 Millionen Menschen, über zwei Drittel der Bevölkerung des abgeriegelten Küstenstreifens, unter einer schweren Ernährungskrise. Schätzungen der UNO zufolge sind mehr als 80 Prozent der Bevölkerung arbeitslos und können sich frische oder proteinreiche Lebensmittel, sofern diese verfügbar sind, nicht leisten, heißt es bei Al-Dschasira. Nur eines von fünf Kindern erhält eine ausreichend abwechslungsreiche Ernährung.
Zerstörte Lebensgrundlagen
In absoluten Zahlen wütet die größte Hungersnot in Nigeria mit mehr als 30 Millionen Betroffenen, wie aus dem Jahresbericht von »Action Against Hunger« vom Oktober hervorgeht. Besonders dramatisch ist die Lage in den Bundesstaaten Borno und Yobe im Nordosten des Landes. Das international tätige Hilfsnetzwerk identifiziert bewaffnete Konflikte, Inflation und steigende Lebenshaltungskosten, klimabedingte Katastrophen, steigende landwirtschaftliche Produktionskosten sowie konfliktbedingte Vertreibungen als miteinander verflochtene Ursachen für den Hunger im bevölkerungsreichsten Land Afrikas.
Auf Platz zwei und drei des Elendsreports befinden sich die Demokratische Republik Kongo mit 27,7 und der Sudan mit 24,6 Millionen an Hunger Leidenden. Auch in Bangladesch, Jemen, Myanmar, Pakistan, Südsudan und Syrien hungern Millionen Menschen. Neben den Auswirkungen der Klimakatastrophe tragen Kriege und, damit einhergehend, die Zerstörung von Lebensgrundlagen und Versorgungsleistungen sowie Kürzungen bei humanitären Hilfen zum Elend bei. »Eine Hungersnot ist daher nicht einfach die Folge eines Mangels an Nahrungsmitteln«, heißt es in dem Bericht. »Häufig ist sie das Ergebnis menschengemachter Bedingungen – und sie lässt sich verhindern.«
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