Die islamische NATO
Der »Mekka-Pakt« zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan ist eine Antwort auf den Machtverlust der USA und die Bedrohung durch Israel
Die Nachricht hat sofort weltweit große Aufmerksamkeit erfahren. Am 7. August haben der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif in Riad das sogenannte Gemeinsame Verteidigungsabkommen von Mekka unterzeichnet. Vor allem aufgrund der Vereinbarung, dass ein Angriff auf eines der drei Länder als Angriff auf alle drei angesehen würde, haben viele den Dreierpakt sogar als »islamische NATO« bezeichnet. Allerdings wurde eine Reihe von Zweifeln und Fragen hinsichtlich der Ziele und Tragweite dieses Abkommens aufgeworfen, vor allem aufgrund seiner dreiseitigen, widersprüchlichen Zusammensetzung. Zwar bleiben diese Zweifel berechtigt, doch zeigt ein genauerer Blick auf die drei Akteure und den konkreten Kontext, dass diese Übereinkunft eine Reaktion auf Washingtons schwindenden Einfluss in der Region und die daraus resultierende aggressivere Vorgehensweise der USA und Israels darstellt.
Schock von Katar
Der »Mekka-Pakt« baut auf dem strategischen gegenseitigen Verteidigungsabkommen auf, das am 17. September des vergangenen Jahres zwischen Saudi-Arabien und Pakistan unterzeichnet wurde, unmittelbar nach dem israelischen Angriff auf Katar, bei dem Israel die in Doha anwesende Hamas-Delegation ins Visier genommen hatte. Der Angriff löste in der gesamten Region Schockwellen aus und führte zu sofortigen Forderungen verschiedener arabischer Führer nach »konkreten Schritten«. Der Golfkooperationsrat (GCC), dessen Gemeinsames Verteidigungsabkommen vorsieht, dass ein Angriff auf einen Mitgliedstaat als kollektiver Angriff auf alle gilt, versagte jedoch völlig darin, auf greifbare Weise zu antworten. Der israelische Angriff auf Katar offenbarte einerseits die direkte Bedrohung, die Israel für viele arabische Länder darstellt, und andererseits die völlige Hilflosigkeit dieser Staaten, militärisch dagegen vorzugehen.
Dies gilt nach wie vor in besonderem Maße für Saudi-Arabien, das sich zusehends zwischen der US-amerikanischen und israelischen Aggressivität einerseits und iranischen Vergeltungsaktionen auf US-Militärstützpunkte andererseits eingeklemmt wähnt. Und während die Vereinigten Arabischen Emirate auf dieses »Dilemma« mit einer Verstärkung ihrer Partnerschaft mit den USA und Israel reagiert haben, hat Riad versucht, sich aus dem US-Einflussbereich zu lösen. Saudi-Arabien hatte schon in der Vergangenheit begonnen, das Engagement der USA für die seit langem bestehende »Öl-für-Sicherheit«-Vereinbarung zwischen den beiden Ländern anzuzweifeln. Diese Zweifel wurden mit dem Zögern Washingtons verstärkt, auf den Beschuss saudischer Ölfelder durch die jemenitischen Ansarollah im Jahr 2019 zu reagieren. Die Zweifel bildeten neben anderen Faktoren die Grundlage für das von China vermittelte Abkommen zwischen Iran und Saudi-Arabien, das im März 2023 die Beziehungen zwischen den beiden Ländern wieder normalisierte.
Reaktion auf Gaza
Allerdings reichen die Wurzeln des »Mekka-Paktes« weit tiefer als das strategische Abkommen zwischen Pakistan und Saudi-Arabien. Einen Tag nach der Bekanntgabe des jüngsten Dreiparteienpaktes gab der türkische Außenminister Hakan Fidan bekannt, dass die Bemühungen zur Fertigstellung bereits seit zwei Jahren und acht Monaten im Gange seien, nämlich seit Beginn des israelischen Völkermords in Gaza. Und obwohl es nach wie vor zutrifft, dass Ankara und Teheran um regionalen Einfluss konkurrieren, sieht sich die Türkei einer weit unmittelbareren Bedrohung durch Israel ausgesetzt. Seit dem Sturz des syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad im Dezember 2024 haben sich die Spannungen verschärft. Das zeigte sich am Dienstag auch in Form eines israelischen Luftangriffs auf den syrischen Militärflugplatz in Abu Al-Duhur bei Idlib. Er wurde mit dem erklärten Ziel durchgeführt, türkische Truppen an einer Stationierung auf dem Stützpunkt zu hindern. »Die Türkei ist der neue Iran« – so lautet die jüngste Formulierung einer Reihe israelischer Politiker und Militärs, die im großen und ganzen so aufgefasst wird, dass das Land das nächste Angriffsziel Israels nach dem »Sturz« der Islamischen Republik sei.
Schließlich der wichtigste Kontext des »Mekka-Pakts«: die militärische und strategische Niederlage der USA gegenüber Iran. Der renommierte US-Politologe John Mearsheimer argumentierte schon im April gegenüber dem New Arab, dass der Krieg gegen den Iran die »größte außenpolitische Katastrophe« in der Geschichte der USA darstellt. In den vergangenen Tagen bescheinigte er der von Washington gegen Iran verhängten Seeblockade, dass diese zu einer Schwächung der strategischen Position gegen China geführt habe. Deren Aufrechterhaltung stelle die US-Marine vor erhebliche logistische Herausforderungen. Aufgrund der Probleme auf dem Flugzeugträger »USS Abraham Lincoln« ist die Verlegung der »USS George Washington« in das Operationsgebiet angewiesen worden. »Das bedeutet, dass es in Ostasien keine Flugzeugträgerpräsenz mehr geben wird«, so Mearsheimer. Und selbst ein begrenzter Sieg gegen Iran sei nur schwer vorstellbar. »Die USA haben keine militärische Option, und eine weitere Eskalation wäre für die Amerikaner katastrophal. Die Iraner hingegen sind der Ansicht, dass sie über militärische Optionen verfügen und die bestehenden Kräfteverhältnisse verändern können.« Der Experte für Internationale Beziehungen geht ferner davon aus, dass Washington nach einem Ende des Krieges seine zerstörten und evakuierten Militärbasen in der Region nicht wieder in Betrieb nehmen werde.
Dies ist die grundsätzliche Erkenntnis, die sich in mehreren arabischen Ländern abzeichnet: Die USA sind sowohl nicht willens als auch mittlerweile unfähig, einen Sicherheitsschirm zu bieten – sowohl gegen den Iran als auch, was ganz entscheidend ist, gegen Israel. Darüber hinaus wird mittlerweile weithin anerkannt, dass US-Stützpunkte ihren Ländern keine Sicherheit bieten. Zudem sind sich die arabischen Regierungen bewusst, dass die USA den Interessen Israels auf ihre Kosten Vorrang einräumen. Das bewegt Staaten mit widersprüchlichen Interessen dazu, sich zusammenzuschließen, um einen Verteidigungsschirm aufzubauen, der in gewisser Weise unabhängig von den USA ist.
Der Dritte im Bunde
Das Bild bleibt jedoch unvollständig, wenn man nicht einen Blick auf Pakistan wirft, ein noch widersprüchlicherer Aspekt des »Mekka-Paktes«. Seit Jahrzehnten besteht zwischen Islamabad und Washington eine enge militärische und geheimdienstliche Zusammenarbeit. In jüngerer Vergangenheit hat sich Pakistan zu einem wichtigen Akteur im sich wandelnden Kräfteverhältnis in Eurasien etabliert, wie der renommierte indische Verteidigungsexperte Pravin Sawhney meint. Er ging vor einem Monat in einem Post auf X gar so weit, dass er Pakistan bescheinigte, »das einzige Land« zu sein, »das den Sicherheitsschirm der USA für die Anrainerstaaten des Golfkooperationsrats (GCC) ersetzen kann«.
Darüber hinaus hat Pakistan seine eigenen Bedenken gegenüber Iran. Der erste »Revolutionsführer« Ruhollah Khomeini hatte nach seiner Machtübernahme 1979 seine Absicht verkündet, die Revolution in die Nachbarländer zu exportieren, was zu angespannten Beziehungen zwischen Iran und den Ländern der Region führte. So unterzeichnete Pakistan unmittelbar nach der Gründung der Islamischen Republik ein Verteidigungsprotokoll mit Saudi-Arabien, in dessen Rahmen eine Division Truppen in der Golfmonarchie stationiert wurde. All dies verdeutlicht einen sehr wichtigen Aspekt, den die Türkische Kommunistische Partei betonte: Die USA haben ihre Finger im Spiel, um den »Mekka-Pakt« ins Leben zu bringen.
Es wäre jedoch ein Fehler, Islamabads Vorgehen ausschließlich auf Iran zu beschränken. Die einzige islamische Atommacht sieht sich einer langfristigen Bedrohung durch Israel ausgesetzt. Pakistan gehört zu den wenigen Ländern der Welt, die sich weigern, die Souveränität des zionistischen Staats anzuerkennen – zusammen mit Indien und den USA wird es als Gefahr für seine nationale Sicherheit gesehen. Die pakistanische Führung hält es durchaus für möglich, dass Israel Präventivschläge gegen seine Nuklearanlagen durchführen könnte, entweder mit direkter Unterstützung Neu-Delhis oder durch die Bereitstellung als Stützpunkt. Nicht nur mit Indien, auch mit Afghanistan befindet sich Pakistan derzeit in einem Krieg niedriger Intensität – und sieht sich an zwei weiteren Fronten starken separatistischen Bewegungen gegenüber: in der Region Azad Kaschmir im Norden und in Belutschistan im Südwesten.
Trotz seiner gewachsenen internationalen Bedeutung befindet sich Pakistan seit Jahrzehnten in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise. In einer solchen Situation wäre ein destabilisierter Iran eine existentielle Bedrohung. Der springende Punkt ist: Auch wenn es stimmt, dass die USA beim »Mekka-Pakt« ihre Finger im Spiel haben, ist dieser doch auch ein Versuch dieser Länder, ein Sicherheitsgerüst aufzubauen, um ihre Fähigkeiten gegenüber der Aggression der USA und Israels zu stärken. Er ist also trotz all seiner Widersprüche eine Vorbereitung auf Post-US-amerikanische Ära in der Region und auf alles, was diese mit sich bringen wird.
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