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Amazon schaltet Mechanical Turk ab

Griff nach mehr Kontrolle

Datenarbeit: Nach 21 Jahren wird die Plattform Amazon Mechanical Turk eingestellt. Das heißt nicht, dass die menschliche Arbeit hinter der KI überflüssig wird

Von Laurenz Sachenbacher
Foto: Priyanshu Singh/Reuters
Vertritt weltweit die eigenen Interessen: Amazon (Bengaluru, 23.2.2026)

Amazon Mechanical Turk wird eingestellt. Nachdem der US-Multi Amazon, der alleinige Betreiber der Crowdsourcing-Plattform, im Juni zunächst angekündigt hatte, vorerst keine neuen Kunden mehr auf der Plattform zuzulassen, wurde Ende August die vollständige Schließung zum 30. September bekanntgegeben. In einer Stellungnahme auf der Startseite von Amazon Mechanical Turk behauptet der Konzern, regelmäßig seine Programme, Tools und Dienstleistungen zu evaluieren und »auf dieser Grundlage entsprechende Anpassungen« vorzunehmen. Diese »Anpassung« wurde zwei Tage später allen auf der Plattform registrierten Accounts per E-Mail kommuniziert. Auf einen kurzen Dank für die »Mitgestaltung der Crowdsourcing-Welt« folgte die Aufforderung, die eigenen Zahlungsdaten bis zum Stichtag zu aktualisieren, da Auszahlungen nur noch bis Ende Oktober abgewickelt würden. Ein Statement von Amazon-Chef Jeff Bezos gibt es bislang nicht.

Die Abwicklung der größten Plattform für Datenarbeit und für menschliche Evaluierung von KI-Systemen trifft Hunderttausende Datenarbeiter in aller Welt, die trotz der schlechten Arbeitsbedingungen beinahe vollständig von Amazon Mechanical Turk abhängig sind. Der Missstand der Scheinselbständigkeit war wohlbekannt, wurde aber aufgrund der globalen Struktur der Plattform zugunsten der Auftraggeber toleriert, denen dadurch weitreichende Kontrolle über die Höhe und Auszahlung der Vergütung zukam. Camilla Salim Wagner, Forscherin beim Distributed AI Research Institute, berichtete vergangene Woche auf Nachfrage von junge Welt, dass sich die Datenarbeiter nicht nur Erfahrung, sondern auch Nutzerprofile erarbeitet haben, wobei »gute Quoten oft Zugang zu besser bezahlten Tasks ermöglichten«. »Wenn hier jetzt die Accounts geschlossen werden, müssen das viele der Arbeiterinnen und Arbeiter von null neu aufbauen«, sagte sie. Das zerschlage außerdem die Netzwerke und gegenseitigen Hilfsangebote der Beschäftigten. Da viele von ihnen auf andere Crowdsourcing-Plattformen umsiedeln werden, drohe sich die »Überausbeutung von Amazon Mechanical Turk zu wiederholen oder gar zu verschärfen«.

Der Bedarf an kuratierten Datensätzen wird im Kontext des vorsätzlich geschürten Booms generativer KI nicht abnehmen. Erst vergangene Woche haben die CEOs von Open AI und Anthropic, den zwei Unternehmen mit den derzeit wohl leistungsstärksten Modellen auf dem Markt, vor dem UN-Sicherheitsrat davor gewarnt, »dass KI ein Risiko für die gesamte Menschheit darstellen könnte« – ein Manöver, um den KI-Hype durch konsequente Überhöhung ihrer Fähigkeiten weiter zu schüren, auch wenn der unaufgeforderte Hack der Open-Source-KI-Plattform »Hugging Face« durch Modelle von Open AI durchaus Vorsicht gebietet. Weder Sam Altman (Open AI) noch Dario Amodei (Anthropic) haben angekündigt, ihre eigene Forschung und Entwicklung komplett einzustellen, sondern lediglich Änderungen im Prozess der Technologieentwicklung gefordert. Forderungen, die besonders auf die aufkommende Konkurrenz von Open-Source-Modellen wie Gemini (Google) oder Modellen von chinesischen Herstellern wie Deep Seek zielen. Deren Leistungsfähigkeit bleibt zwar noch leicht hinter Chat-GPT oder Claude zurück, aber die Lücke schließt sich in rasantem Tempo.

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Angesichts dieses Wettlaufs ist die Schließung von Amazon Mechanical Turk keine rein betriebliche Anpassung an das von Amazon verheißene Wunschdenken, dass KI-Modelle menschliche Datenarbeit bereits überflüssig gemacht hätten. Vielmehr ist es ein Versuch, partielle Kontrolle über den Datenmarkt zu erlangen. »Als Amazon Mechanical Turk eingeführt wurde, wurde es zwar als Produkt angeboten, war jedoch in erster Linie für Amazon konzipiert«, sagte Krystal Kaufmann, eine ehemalige Aktivistin bei Turkopticon, gegenüber jW. »So haben die Datenarbeiterinnen und -arbeiter neben den anonymen Anfragen besonders doppelte Einträge auf amazon.com bereinigt und Bilder beschriftet, die für die Entwicklung von ›intelligenten Produkten‹ wie Alexa verwendet wurden«.

Nach Kaufmanns Einschätzung ist der ausschlaggebende Grund für die Schließung, dass Amazon »den Dienstleister einfach nicht mehr benötigt« und der Konkurrenz, die ihrerseits auf der Plattform Aufträge vergeben hat, den Zugang zu qualitativ hochwertigen erschweren will. Und: Amazon hat Alternativen. Amazon Mechanical Turk werde zwar eingestellt, aber der Konzern bleibe über Dienste wie AWS Data Exchange, ein Marktplatz für Datensätze von Drittanbietern, und die Amazon Marketing Cloud in zentrale Infrastrukturen des Datenökosystems eingebunden. Hinzu komme, so Kaufmann, dass sich die Anforderungen an die Datenarbeit in den letzten Jahren »über die einfache Kennzeichnung hinaus« zu einer »immer weitreichenderen Spezialisierung« der Arbeiter entwickelt habe, was die Kosten für die Arbeitskraft erhöht hat. Wegen der nun noch umfassenderen Kontrolle könnte Amazon seine Dienste dabei überproportional verteuert anbieten.

Dieser Griff nach der Vormachtstellung auf dem Datenmarkt erfolgt auf Kosten der Datenarbeiter. »Die Arbeit­nehmerinnen und Arbeitnehmer, insbesondere in Ländern, in denen keine anderen Plattformen tätig sind, sind sehr besorgt«, erklärte Kaufmann. Sie verwies auf Kenia, ein früheres Zentrum für Datenarbeit. Dort stellte Remotasks, eine andere Crowdsourcing-Plattform, als Reaktion auf die Gründung einer Gewerkschaft für Datenarbeiter ihre gesamten Dienste in dem Land ein. Gegen die komplette Abschaffung von Amazon Mechanical Turk scheint es unterdessen kaum Gegenwehr zu geben. »Was eine organisierte Reaktion angeht, glaube ich nicht, dass es bisher eine gibt«, lautet das Fazit von Kaufmann.

Der Mensch in der Maschine

Amazon Mechanical Turk ist eine 2005 eingeführte, von Amazon betriebene Crowdsourcing-Plattform, auf der Auftraggeber anonym Anfragen für Datenarbeit stellen können. Arbeiter können sich zur Bearbeitung dieser Anfragen anmelden, um auf der Plattform Datenpunkte zu erstellen und zu annotieren. Die Bezahlung erfolgt im Regelfall direkt nach Prüfung durch den Auftraggeber. Der Name Amazon Mechanical Turk ist einer Geschichte entlehnt, laut der ein Automat im 18. Jahrhundert den Eindruck erweckte, selbständig Schach spielen zu können. Da der Automat heimlich von einem Menschen gesteuert wurde, unterstreicht der Name die Relevanz menschlicher Arbeit in Automatisierungsvorhaben. Entsprechend begründete Amazon die Notwendigkeit einer derartigen Plattform offiziell damit, dass »Menschen die leistungsfähigsten Computer bei der Erledigung bestimmter einfacher Aufgaben noch immer deutlich übertreffen«. Ausschlaggebend für die heutige Dominanz von Amazon Mechanical Turk war die hohe Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Datenpunkten für maschinelles Lernen.

Der Mensch ist keine Maschine

Mit mehr als 500.000 registrierten Nutzerkonten aus rund 200 Ländern ist Amazon Mechanical Turk zur weltweit größten Crowdsourcing-Plattform für Datenarbeit geworden. Trotz ihrer Relevanz für die Entwicklung und Evaluierung gängiger KI-Systeme steht sie unter anderem wegen fehlenden Arbeitsschutzes, der vorsätzlichen Ausbeutung marginalisierter Gruppen, der weitreichenden Kontrolle der Auftraggeber über die Arbeitsbedingungen und des systematischen Zurückhaltens von Zahlungen an Arbeiter in der Kritik. Trotzdem bleibt die Plattform für viele Menschen eine wichtige, teilweise sogar die alleinige Einkommensquelle. Gegen die prekären Arbeitsbedingungen formte sich früh Widerstand.

Ein Beispiel ist Turkopticon, ein 2008 von den Beschäftigten gebautes Tool zur Bewertung von Auftraggebern, das seit 2019 als offizielle Organisation vertreten ist. Ziel ist es, den Datenarbeitern Informationen über das Verhalten einzelner Auftraggeber bereitzustellen, ihre Rechte gegenüber politischen Entscheidungsträgern zu vertreten und bei besonders akuten Fällen der Überausbeutung kollektiven Widerstand zu organisieren.

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.09.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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