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7. Oktober

Warnungen noch und nöcher

Zahlreiche Akteure warnten Israel vor dem 7. Oktober: Ägypten, Emirate, Hamas, Fatah, Schin Bet und israelische Militärs

Foto: Yusef Mohammed/ZUMA Wire/IMAGO
Doch nicht so überraschend: Palästinenser überwinden die Grenze zu Israel (Khan Junis, 7.10.2023)

In den Morgenstunden des 7. Oktober 2023 durchbrachen Tausende Palästinenser die Grenzanlage, die den Gazastreifen von Israel trennt. Kämpfer der Hamas und des Islamischen Dschihads, aber auch säkularer Gruppen wie der Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas (DFLP), der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) oder der Fatah, griffen zunächst israelische Militärstellungen entlang der abgeriegelten Enklave an. Sie wurden dabei durch erheblichen Raketenbeschuss aus Gaza sowie durch Kämpfer, die per Boot oder Paraglider über die Grenze gelangten, unterstützt. Bei Gefechten, unter anderem im Hauptquartier der Gaza-Division der israelischen Streitkräfte bei Reim, wurden Dutzende Soldaten getötet. Später drangen palästinensische Kämpfer in Städte und Kibbuzim in der Nähe des Gazastreifens ein, und es kam auf dem Nova-Musikfestival zu einem Massaker an Zivilisten.

Erst Stunden später erreichten israelische Truppen die belagerten Orte. Sie konnten die Palästinenser schließlich in Gefechten schlagen und nahmen dabei auch zivile Tote in Kauf. So feuerten israelische Panzer im Kibbuz Beeri auf das belagerte Haus der Familie Cohen und töteten neben Hamas-Kämpfern 13 von 15 Geiseln. Palästinensische Kämpfer nahmen insgesamt 251 Personen als Geiseln und verschleppten sie in den Gazastreifen. Laut einer Haaretz-Recherche vom Juli 2024 wurde dabei von israelischen Kommandeuren die sogenannte »Hannibal-Doktrin« aktiviert, die den Streitkräften zur Verhinderung einer Geiselnahme erlaubt, eigene Soldaten und Zivilisten zu töten.

Insgesamt wurden nach Angaben aus Tel Aviv 1.200 Israelis und ausländische Staatsbürger getötet, darunter 778 Zivilisten, davon wiederum 63 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Auch wurden mindestens 1.200 palästinensische Kämpfer getötet. Der Überfall vom 7. Oktober löste eine heftige Reaktion der israelischen Führung aus, die zum Krieg gegen die damals noch rund zwei Millionen Menschen in Gaza, zur großflächigen Zerstörung sämtlicher Infrastruktur, zur vollständigen Abriegelung der Enklave und zur massenhaften und wiederholten Vertreibung führte. In Gaza wurden über 73.000 Menschen getötet, mehrheitlich Frauen und Kinder, und Hunderttausende verletzt. Israels Vorgehen wird am Internationalen Gerichtshof unter der Völkermordkonvention verhandelt, und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wird wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschheit vom Internationalen Strafgerichtshof per internationalem Haftbefehl gesucht.

Ägypten interveniert

Während der Überfall nach offizieller Lesart einen Überraschungsakt darstellt, gibt es mittlerweile eine Vielzahl an Berichten, nach denen die israelische Führung im Vorfeld des Angriffs gewarnt wurde. Eine besondere Rolle kommt hier Ägypten zu, das traditionell über gute Gesprächskanäle sowohl nach Israel als auch nach Palästina verfügt. Bereits im Juni 2023 warnten Vertreter der ägyptischen Geheimdienste ihre israelischen Amtskollegen, wobei diese zu dem Zeitpunkt noch vage blieben. Die Lage im Gazastreifen sei beunruhigend instabil, hieß es damals. Kairo forderte Tel Aviv daher auf, an den Verhandlungstisch mit der Hamas zurückzukehren. Am 26. September – nur elf Tage vor dem Überfall – flog der Chef des ägyptischen Geheimdienstes GIS, Abbas Kamel, für einen einstündigen Besuch nach Israel. In einem für sensible diplomatische und sicherheitspolitische Missionen genutzten Areal auf dem Flughafen in Tel Aviv warnte er vor einer unmittelbar bevorstehenden Eskalation der Hamas in Gaza.

Die Warnung enthielt keine konkreten Daten, doch drängte Kamel auf wirtschaftliche Zugeständnisse, um einen Konflikt abzuwenden. Ein ehemaliger israelischer Beamter fasste die Botschaft des GIS-Chefs wie folgt zusammen: »Wenn ihr euren Kurs nicht ändert, wird euch Gaza um die Ohren fliegen.« Es ist weiterhin unbekannt, mit wem genau sich Kamel bei seinem 67minütigen Besuch traf, doch Netanjahus Büro dementiert vehement, Warnungen aus Ägypten erhalten zu haben. »Es gibt keine Welt«, zitiert Ynet einen ehemaligen israelischen Offiziellen, »in der hochrangige israelische Beamte sich mit dem ägyptischen Geheimdienstchef treffen würden, ohne dass Bibi (Netanjahu, jW) davon weiß.«

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Kamel wurde nervös. Anfang Oktober 2023 rief er Netanjahu direkt an, um eine dritte Warnung zu übermitteln, wie »Vertreter einer arabischen Regierung« dem Wall Street Journal mitteilten. »Die Ägypter warnten Israel bis 48 Stunden vor dem Angriff weiterhin«, sagte ein Vertreter demnach.

Warnung vor Eskalation

Unter Berufung auf Dutzende israelische und ausländische Quellen sowie interne Dokumente und Korrespondenzen wurde im September 2026 über die bislang womöglich brisanteste Warnung an Israel berichtet. Laut einem Artikel in Haaretz übermittelte der emiratische Präsident Mohammed bin Zayed anderthalb Wochen vor den Anschlägen in einem 45minütigen Telefonat mit Netanjahu Warnungen von Hamas-Chef Jahja Sinwar und mahnte mit Nachdruck vor einer Eskalation. Sinwar ließ seine Botschaft über den hochrangigen Fatah-Politiker Sufian Abu Zaida verbreiten: »Richte aus, dass ich die Mutter aller Überraschungen vorbereite. Eine furchterregende Operation. Etwas Außergewöhnliches.«

Die emiratischen Geheimdienste hätten Sinwars Warnung zunächst an den israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet weitergeleitet, woraufhin dessen Chef Ronen Bar mit Netanjahu telefoniert und am 17. September eine dringliche Sicherheitsbesprechung mit der Militär- und Geheimdienstführung einberufen haben soll. Erst nachdem bin Zayed festgestellt hatte, dass die Warnung nicht zu entsprechenden Maßnahmen führte, entschied er sich für das direkte Telefonat mit Netanjahu. Er habe in den Monaten vor dem Krieg auch oft mit Israels Präsident Isaac Herzog gesprochen und »immer wieder deutlich gemacht, dass die Situation entschärft werden müsse«, so Herzog laut Haaretz.

Ende September soll Netanyahu Haaretz zufolge heimlich in die Emirate geflogen sein und hat dort bin Zayed gebeten, den Haaretz-Report über den 7. Oktober zu leugnen, und um »moralische Unterstützung« seitens des emiratischen Präsidenten gebeten haben. Netanyahu bezeichnet die Enthüllung als »eine absolute, eklatante Lüge ohne jegliche Grundlage in der Realität« und verklagt nun Haaretz. Wegen angeblich diffamierender Äußerungen fordert er 2,6 Millionen Schekel (rund 760.000 Euro) Schadenersatz.

Der palästinensische Mittelsmann Abu Zaida hat Sinwars Drohung nicht nur über die Emirate, sondern 22 Tage vor dem 7. Oktober auch seinen israelischen Kontakten direkt übermittelt. Das sagte der ehemalige Fatah-Minister laut Haaretz im Interview mit dem ägyptischen Sender Al-Ghad. »Wir werden die Karten auf den Tisch legen«, hatte Sinwar demnach gedroht. Keine halbe Stunde später erhielt Abu Zaida einen Anruf und sei zu einem Geheimtreffen in die israelische Küstenstadt Aschkelon beordert worden, bei dem er die Dringlichkeit von Sinwars Drohung deutlich machte. »Du weißt, dass heute Nacht niemand bei den israelischen Sicherheitsdiensten schlafen wird, oder?« hätten sie zu ihm gesagt. Nichts geschah.

Übungskibbuz in Gaza

Weitere mit Israel verbündete Staaten verfügten vor dem 7. Oktober über Erkenntnisse zu Bedrohungslagen. So kursierten Berichte über eine Eskalation in Gaza innerhalb des US-Geheimdienstes CIA, und der Chef des jordanischen Geheimdienstes GID, Ahmed Husni Hatoqay, warnte seine israelischen Kollegen. Nur drei Stunden vor dem Angriff schickte der Schin Bet eine dringliche Warnung an den Nationalen Sicherheitsrat, den Mossad und die Polizei über verdächtige Aktivitäten im Gazastreifen, berichtete die Times of Israel im Oktober 2024. Auslöser war, dass ungewöhnlich viele Hamas-Mitglieder gleichzeitig israelische SIM-Karten aktivierten, die der Schin Bet zuvor innerhalb Gazas plaziert hatte. Die vorherige Verteilung der SIM-Karten zielte darauf ab, ein Frühwarnsystem für einen drohenden Angriff der Hamas einzurichten.

Neben Hinweisen von Soldaten der israelischen Armee, die bei Patrouillen rund um Gaza ungewöhnliche Aktivitäten registrierten und diese weiterleiteten, gab es auch aus dem Militärgeheimdienst konkrete Warnungen. So berichtete der britische Guardian bereits im November 2023 über eine Unteroffizierin aus der Cybereinheit 8200, laut der konkrete Informationen zur »Erstürmung eines Militärstützpunkts an der Grenze und die Tötung aller dortigen Insassen« abgefangen worden seien. Außerdem gab es laut der Unteroffizierin vermehrt Militärübungen zur Einnahme von Kibbuzim, die von hochrangigen Hamas-Funktionären beaufsichtigt wurden. Dafür wurde in Gaza ein Übungskibbuz errichtet.

Meinungsumfragen unter Israelis ergeben, dass sich durchgehend eine zumeist deutliche Mehrheit für die Einrichtung einer unabhängigen Untersuchungskommission für die Ereignisse vom 7. Oktober 2023 und das Versagen der israelischen Regierung ausspricht. Eine Erhebung des Jewish People Policy Institute vom Mai dieses Jahres ergab, dass sich 78 Prozent der Befragten für eine solche Kommission aussprachen. Ministerpräsident Netanjahu blockiert eine solche ­Initiative.

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.10.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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