Regionaler Machtpol
Türkisch-pakistanisch-saudischer Mekka-Pakt
Als »muslimische NATO« bezeichnen einige Beobachter in sozialen Medien den am Freitag in der saudischen Hafenstadt Dschidda vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman und dem pakistanischen Regierungschef Shehbaz Sharif unterzeichneten trilateralen Verteidigungspakt. Der sogenannte Mekka-Pakt legt fest, dass jeder bewaffnete Angriff auf einen der drei Staaten als ein Angriff auf sie alle betrachtet wird.
Pakistan und Saudi-Arabien hatten bereits im vergangenen Jahr ein Verteidigungsabkommen geschlossen, infolgedessen rund 8.000 pakistanische Soldaten in dem Golfstaat stationiert wurden. Durch die Erweiterung dieses Bündnisses um den NATO-Staat Türkei entsteht ein regionaler Machtblock sunnitisch-islamischer Staaten mit erheblichem militärischem Gewicht. Die Türkei nimmt nicht nur eine geopolitische Schlüsselposition ein, das Land verfügt zudem über die zweitgrößte Armee der NATO und hat sich zu einem bedeutenden Waffenproduzenten entwickelt. Pakistan besitzt als einziges muslimisches Land Atomwaffen. Und das ölreiche Saudi-Arabien verfügt nicht nur über enormes Finanzkapital, sondern mit den heiligsten Städten des Islam, Mekka und Medina, auch über wichtiges symbolisches Kapital.
Ohne dass dies explizit benannt wird, richtet sich das Abkommen primär gegen den Iran und seine Verbündeten. Während eine stärkere Eindämmung des Iran grundsätzlich israelischen Interessen entspricht, stärkt das Abkommen zugleich der mit Israel um regionalen Einfluss konkurrierenden Türkei den Rücken. Damit scheint sich in Westasien ein neuer Machtpol zwischen dem Iran und seinen Verbündeten einerseits und dem israelisch-westlichen Bündnissystem andererseits herauszubilden.
Alle beteiligten Staaten unterhalten weiterhin enge sicherheitspolitische Beziehungen zu den USA. Strukturell erinnert das Bündnis an den von Washington initiierten Bagdad-Pakt (Cento), der in den 1950er Jahren die Türkei, Pakistan und den Schah von Persien im westlichen Bündnissystem vereinte. Anders als damals scheint die Initiative heute jedoch von den Regionalmächten selbst auszugehen. Der Mekka-Pakt ist damit Ausdruck einer multipolaren Neuordnung, in der regionale Mächte zunehmend eigene Allianzen bilden, um ihre ökonomischen und geopolitischen Interessen militärisch abzusichern, ohne sich vollständig vom westlich dominierten Bündnissystem zu lösen.
Brisanz erhält der Pakt durch die NATO-Mitgliedschaft der Türkei. Ein iranischer Angriff auf Ziele in Saudi-Arabien – im Zuge der asymmetrischen Verteidigungsstrategie der Islamischen Republik gegen US‑Angriffe – könnte die Türkei aufgrund ihrer neuen Bündnisverpflichtungen unmittelbar in den Krieg hineinziehen. Sollte Iran daraufhin türkisches Staatsgebiet angreifen, könnte Ankara die Anwendung von Artikel 5 des NATO-Vertrags verlangen. Ein Automatismus bestünde zwar nicht, doch die Gefahr einer kriegerischen Kettenreaktion infolge überlappender Bündnissysteme nehme erheblich zu. Das ist der Stoff, aus dem internationale Großkonflikte entstehen können – bis zum Weltkrieg.
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