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Venezuela

Es ist, was man sieht

Venezuela: Strahlende Aufnahmen von Präsidentin Rodríguez mit Trump können die Niederlage des Chavismus nicht überdecken

Foto: Photo by Handout/Venezuelan Presidency/AFP
Ist das wirklich ein Victory-Zeichen? Sieger und Besiegte am Rande der UN-Generalversammlung (New York, 22.9.2026)

Es gibt ein Foto als Beweis: Venezuelas Übergangsstaatschefin Delcy Rodríguez und US-Präsident Donald Trump gemeinsam, lächelnd, in New York. Dieses Bild lässt unterschiedliche Interpretationen zu. Diplomatische, taktische oder strategische Erklärungen lassen sich formulieren. Man kann über Pragmatismus, Machtverhältnisse, Verhandlungen oder politische Notwendigkeit sprechen. All das lässt sich diskutieren. Doch das Foto ist ein Beweis und zeigt eine konkrete Szene. Und diese Szene lässt sich nur schwer mit einem Großteil der politischen Tradition vereinbaren, aus der Rodríguez hervorgegangen ist. Sie dokumentiert eine Haltung, die weit entfernt erscheint von der Würde und Autorität, mit der der Chavismus einst den Mächten der Welt gegenübertrat. Und wenige Stunden später erscheint die Fotografie mit Trump, die für sich selbst spricht. Denn Diplomatie ist eine Sache und eine andere die Position, aus der heraus sie ausgeübt wird. Verhandeln ist eines, anders steht es um das Zeigen von Unterordnung. Das ist es aber, was man sieht.

Was man sieht, ist weit entfernt von jenem »Geht zur Hölle, verdammte Yankees« von Hugo Chávez. Es ist weit entfernt von jenem rebellischen Chavismus, der es wagte, dem König von Spanien die Stirn zu bieten; der die USA herausforderte und dessen politische Identität aus den Idealen von Souveränität, Würde und Widerstand gegen die imperiale Macht bestand. Da gab es politische Stärke, die Fähigkeit, sich der Macht entgegenzustellen, eine Art der Führung, die man heute in solchen Bildern kaum noch findet.

Wir leben in einer dystopischen Welt, in der künstliche Intelligenz, technologische Fortschritte und Algorithmen oft dazu führen, dass wir die Realität nicht mehr erkennen oder sie aus einer anderen als einer realistischen Perspektive erleben. Wir können Geschichten, Erzählungen und ganze Universen um eine Szene herum konstruieren, bis das Narrativ schließlich an die Stelle der Wirklichkeit tritt.

Die Annahme, dass die Realität etwas anderes ist als das, was man sieht, führt oft dazu, dass wir Ideen, Utopien oder sogar politische Standpunkte aus einer Perspektive betrachten, die sich immer weiter von dem entfernt, was tatsächlich geschieht. Vielleicht besteht heute eine revolutionäre Herausforderung darin, die Realität zum Maßstab dafür zu machen, was erzählt oder geschildert wird. Ideen, Utopien und politische Positionen müssen von der Wirklichkeit ausgehen und nicht von einer konstruierten Wirklichkeit, die dem entspricht, was wir glauben sollen. Wenn ein Narrativ an die Stelle der Tatsachen tritt, hören wir auf, die Wirklichkeit zu interpretieren, und beginnen, sie unseren Bedürfnissen anzupassen.

Deshalb liegt die Kraft in dem, was wir sehen. Und was wir sehen, ist nicht nur ein Foto von Delcy Rodríguez und Donald Trump. Dieses Foto entstand nach der US-Militärintervention vom 3. Januar in Venezuela, nach der Entführung von Nicolás Maduro und Cilia Flores und nachdem Trump die Operation als seinen Sieg bezeichnet hatte. Was wir sehen, ist Delcy Rodríguez mit dem Mann, der den Angriff verherrlicht. Das ist wichtig, denn das Foto schwebt nicht im luftleeren Raum, sondern hat einen Kontext. Es gibt Tote, es gibt eine militärische Intervention, es gibt einen entführten Präsidenten, es stehen strategische Ressourcen auf dem Spiel, und es gibt einen Trump, der mit dieser Operation prahlt.

In diesen Stunden taucht paradoxerweise ein Epos der Friedensdiplomatie auf, eine großspurige Rhetorik rund um einen vermeintlichen Sieg. Doch das Wichtigste ist, etwas ganz Einfaches zu sagen: Eine Niederlage hat nichts Episches. Man kann darüber diskutieren, wie man ihr begegnet, welche Haltung man ihr gegenüber einnimmt und welche Würde man bewahrt, wenn die Bedingungen ungünstig sind. Aber eine Niederlage wird nicht zum Sieg, nur weil wir um sie herum eine Erzählung konstruieren. Die Realität behält eine Dimension, die der Diskurs nicht auslöschen kann.

Worte des Siegers

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Was wir sehen, ist eine Delcy ­Rodríguez, die Trumps Ungeheuerlichkeiten duldet. Er verherrlichte die US-Operation in Venezuela mit Begriffen wie »Sieg« und »Sieger«, rechtfertigte die Anwendung von Gewalt und sprach sogar von der »Beute«, die dem Sieger zustehe. Das ist eine Verhöhnung der Toten, bei denen es sich nicht nur um Venezolaner, sondern auch um Kubaner handelt – vor allem aber um Menschen, die bei der Intervention auf lateinamerikanischem Boden ums Leben kamen. Dieser Kontext verschwindet nicht dadurch, dass später eine diplomatische Fotografie entsteht oder für jede Geste eine strategische Erklärung gefunden wird.

Das ist geschehen. Und es ist unverständlich, dass Delcy Rodríguez anschließend in siegreicher Pose lächelnd mit demjenigen erscheint, der Maduro und Flores entführt hat. Wir können über die Gründe für Verhandlungen, die Machtverhältnisse, die taktischen Erfordernisse, die Umstände und die Alternativen diskutieren. All das gehört zur Politik und kann analysiert werden. Aber es gibt etwas, das vor all diesen Erklärungen steht: Es ist das, was geschehen ist.

Wenn es heute mit Blick auf die Ereignisse vom 3. Januar ein Vorbild gibt, dann sind es die kubanischen Sicherheitskräfte, die bis zum Schluss gegen die US-Truppen gekämpft und eine würdige Haltung gezeigt haben, obwohl sie in bezug auf Mittel und Bedingungen aller Art im Nachteil waren. Auch in der UN-Debatte war es die kubanische Delegation, die den Saal verließ. Hier zeigt sich ebenfalls ein Bezugspunkt der Würde, ein Maßstab, an dem wir uns im Kampf orientieren und an dem wir uns messen können. Es gibt Momente, in denen die Politik die Fähigkeit zurückgewinnen muss, der Macht Grenzen zu setzen.

Das ist wichtig für diejenigen von uns, die sich einer Tradition der Linken, der Souveränität und der Emanzipation verpflichtet fühlen. Denn wir dürfen nicht die Fähigkeit verlieren, einen Bezugspunkt zu erkennen, wenn wir ihn sehen. Wir können keine künstliche Heldengeschichte um etwas herum konstruieren, das uns keinen Bezugspunkt bietet. Und wir dürfen eine Szene der Unterordnung nicht einfach deshalb in eine revolutionäre Szene umdeuten, weil wir eine bestimmte Erzählung aufrechterhalten wollen.

Wenn wir dieser pragmatischen, taktischen Logik verfallen, in der die Realität durch großspurige Reden auf den Kopf gestellt werden kann, verlieren wir etwas viel Wichtigeres als eine aktuelle politische Diskussion: die Fähigkeit zu denken. Was wir sehen, ist eine zufriedene Delcy Rodríguez an der Seite von Trump. Was wir sehen, ist ein historischer venezolanischer Prozess, den wir bewundert haben, der aber nicht mehr als Bezugspunkt dient, weil er heute Teil von Mechanismen ist, die Trump stärken, und Teil einer strategischen Abgabe von Ressourcen – nicht nur natürlicher, sondern auch konzeptioneller und ideologischer Art.

Und dieser letzte Punkt ist vielleicht sogar noch wichtiger, denn es geht nicht nur um Öl, natürliche Ressourcen oder wirtschaftliche Vereinbarungen. Es werden auch Symbole, Bezugspunkte, Worte und politische Traditionen preisgegeben. Eine Tradition, die sich über Jahre um den Widerstand gegen den Imperialismus herum aufgebaut hat, soll letztlich dazu benutzt werden, ein neues Unterordnungsverhältnis zu legitimieren. Und wenn das geschieht, ist die Kapitulation nicht nur materieller, sondern auch konzeptioneller Natur. Ein Teil von dem, das uns über Jahre hinweg ermöglichte, eine bestimmte Sicht auf die Welt, eine Art der Auslegung von Souveränität und eine Art des Verständnisses von Emanzipation zu entwickeln, würde preisgegeben.

Es gibt also kein Zurück. Um der Würde willen ist es für uns als politisch Aktive wichtig, unseren Intellekt nicht zu verraten und uns bewusst zu machen, was wir da sehen. Einige werden sagen: »Nein, das ist eine Taktik.« Nun gut, aber kein revolutionärer Prozess ist jemals auf diese Weise zustande gekommen. Können Sie sich vorstellen, dass Fidel Castro nach der Invasion in Playa Girón gemeinsam mit ­Kennedy gefeiert hätte? So in etwa wäre es. Der Vergleich mag brutal erscheinen, aber gerade er ermöglicht es, das Problem zu verstehen: Es ist eine Sache, mit dem Gegner zu verhandeln, und eine andere, mit jemandem zu feiern, der gerade mit einem militärischen Überfall geprahlt hat; das eine ist, eine Niederlage zu verkraften, und ein anderes, aus der Niederlage ein Epos zu machen.

Zurück zur Realität

Möglicherweise ist genau dies das Problem unserer Zeit: Wir haben gelernt, Geschichten zu konstruieren, die unsere Wahrnehmung der Realität verändern können, wenn wir annehmen, dass die Realität dem entspricht, was wir glauben wollen.

Deshalb besteht die revolutionäre Herausforderung heute vielleicht darin, zur Realität zurückzukehren. Das, was ist, mit dem in Einklang zu bringen, was erzählt und berichtet wird; Utopien nicht aufzugeben, aber zu verhindern, dass sie zu einer Entschuldigung dafür werden, die Fakten zu ignorieren; die Politik nicht aufzugeben, aber zu verhindern, dass die Politik uns dazu zwingt, das zu leugnen, was wir vor Augen haben; strategisches Denken nicht einzustellen, sondern Kohärenz als eine Dimension der Strategie zurückzugewinnen.

Vielleicht besteht die erste Pflicht für diejenigen von uns, die noch daran glauben, dass Politik die Realität verändern kann, darin, den Intellekt nicht zu verraten, um ein Narrativ zu retten. Die Realität zu betrachten, von ihr ausgehend zu denken und Ideen angesichts dessen, was tatsächlich geschieht, aufrechtzuerhalten. Denn vor jeder Erklärung, vor jeder epischen Darstellung und vor jeder narrativen Konstruktion gibt es etwas, das vor uns steht: Es ist das, was man sieht.

→ Abel Prieto ist ein kubanischer Schriftsteller, war von 1997 bis 2012 sowie 2016 bis 2018 Kulturminister und ist derzeit Direktor des Kulturinstituts Casa de las Américas. Der Artikel erschien zunächst auf dem argentinischen Portal Barrio Adentro und der in Caracas herausgegebenen Plattform Orinoco Tribune.→ Übersetzung und Bearbeitung von Volker Hermsdorf

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.09.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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