KI schafft Probleme auf Indiens Arbeitsmarkt
Die IT als einstige Vorzeigebranche des Subkontinents gerät global ins Hintertreffen
Rund 66 Prozent der Beschäftigten in den Bereichen künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen in Indien rechnen in den nächsten drei bis sechs Monaten mit einem erheblichen Personalabbau in ihrem Team und folglich Entlassungen. Dies geht aus einer Umfrage der Karriere- und Networking-Plattform Blind hervor, an der im Juli 1.552 in Indien ansässige Fachkräfte teilnahmen und die Anfang August veröffentlicht wurde. Grund für den Pessimismus: die zunehmende Fähigkeit der KI, Aufgaben zu übernehmen, die mit Büroberufen verbunden sind, darunter das Schreiben von Code, die Analyse von Geschäftsplänen, die Erstellung realistischer Bilder und Videos, das Schreiben von Geschäftsemails und dergleichen.
Zugleich steigt die Nachfrage nach KI-Kompetenzen auf dem indischen Arbeitsmarkt, was das wirtschaftliche Paradoxon – die Leute sollen geübt sein im Umgang mit einer Technologie, die ihren Jobs aus Sicht ihrer Chefs um so überflüssiger macht, je besser sie eingesetzt wird – verdeutlicht. Eine Analyse des auf Digitalisierung spezialisierten Beratungsunternehmens Randstad Digital von mehr als 35 Millionen Stellenanzeigen ergab, dass auf Indien 20,5 Prozent der weltweiten Stellenanzeigen im Bereich KI-Technologie entfielen, womit das Land nach den USA mit 29 Prozent an zweiter Stelle lag.
Die neuesten Zahlen deuten auf einen allgemeinen Trend innerhalb des begehrten indischen IT-Sektors hin: Die Branche, die als eine der prägenden Erfolgsgeschichten des Landes gilt, beschäftigt rund sechs Millionen Menschen, erwirtschaftet jährlich umgerechnet 300 Milliarden US-Dollar Umsatz und trägt sieben Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Die KI-bedingten Stellenstreichungen treffen die indischen IT-Fachkräfte jedoch hart. Im März dieses Jahres entließ der Softwareriese Oracle mit Hauptsitz in den USA rund 12.000 indische Facharbeiter. Eines der führenden indischen IT-Unternehmen, Tata Consultancy Services, entließ im vergangenen Jahr 12.000 Mitarbeiter. Nach Angaben der Ratingagentur S & P haben die anderen indischen Digitalkonzerne Infosys und Wipro bis März dieses Jahres ihren Personalbestand gegenüber dem Stand von 2023 um 5,6 Prozent reduziert. Insgesamt haben im vorigen Jahr schätzungsweise 50.000 Arbeiter ihre Stelle verloren.
Der indische IT-Sektor sieht sich zudem mit einem allgemeinen Wachstumsrückgang konfrontiert. Laut Prognosen von S & P wird sich das Umsatzwachstum bei drei der führenden indischen Digitalkonzerne – Infosys, HCL Tech und Wipro – in den nächsten beiden Geschäftsjahren auf zwei bis vier Prozent verlangsamen, verglichen mit vier bis sechs Prozent im Vorjahr. Ein wesentlicher Faktor ist hierbei der Umstand, dass sich die Branche des Subkontinents seit einiger Zeit vor allem am unteren Ende der Wertschöpfungskette bewegt. Hier schlägt vor allem mangelnde Innovation zu Buche. Infolgedessen haben sowohl die Softwareexporte als auch das Backoffice-Outsourcing Einbußen erlitten. Indiens eigene Ratingagentur Crisil hat die Wachstumsprognose für den Umsatz im kommenden Jahr auf lediglich ein bis drei Prozent gesenkt, da Kunden ihre Technologieausgaben neu bewerten, einige bestehende Verträge neu verhandeln und weniger neue abschließen.
Der drohende drastische Stellenabbau in der Branche, die noch als Indiens Kronjuwel gilt, macht die dürftige Marktposition des Landes im KI-Bereich deutlich. Bis zur ersten Hälfte des Jahres 2026 gab es in Indien nur drei weithin anerkannte KI-Unternehmen, doch alle drei hinken im globalen Technologiewettlauf weit hinterher. Unter diesen dreien hat Krutrim, das einst den Ehrgeiz bekundete, mit Open AI zu konkurrieren, schließlich seinen KI-Assistenten aus dem Dienst genommen, seine Chipentwicklungsbemühungen eingestellt und seine Teamgröße erheblich reduziert. Das einzige indische KI-Unternehmen, das tatsächlich grundlegende KI-Modelle entwickelt, erzielte im Geschäftsjahr 2026 lediglich einen Umsatz von 54 Millionen US-Dollar.
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