Gut gegen neutral
Eine Inszenierung in schwerer Zeit, die zeigt, dass die Leftovers einer zerschmetterten freien Welt zusammenstehen müssen, dient vielleicht dem Zweck, die ermattete und desillusionierte Staatsbürgerseele ein bisschen zu streicheln, ihr ein Feuerchen zu spendieren, das ihr erkaltetes Gemüt wärmen soll. So hätte es Ursula von der Leyen gerne gehabt, als sie den kanadischen Premierminister Mark Carney im EU-Parlament traf, um dort von vertiefter Partnerschaft zwischen Kanada und der EU zu parlieren. Folgt ihr die Presse mit angemessener Erbauungslitanei?
Der Tagesspiegel erfüllt diesen Auftrag spielend: »Eine enge Allianz mit Kanada könnte (…) zukunftsweisend sein. Wenn Brüssel mutig und kreativ vorangeht, könnte am Ende ein enges transkontinentales Netzwerk demokratischer Staaten stehen, das ein Alternativmodell zum aktuell sehr populären puren Recht des Stärkeren darstellt.«
Begeisterung bei der Irish Times: »Von der Leyens Angebot war ein starkes Bekenntnis der Solidarität und eine erneute Bekräftigung gemeinsamer Werte (…). Das neue Konzept einer assoziierten Mitgliedschaft könnte auch anderen Staaten wie Großbritannien, Norwegen oder Island engere Beziehungen zur EU ermöglichen.«
Und Club Z aus Bulgarien gerät ins Schwärmen: »Es ist ein Versuch, einen neuen globalen Block der Demokratien zu schaffen, in dem die EU das Zentrum bildet und Kanada der erste Partner jenseits des Ozeans ist. (…) Es handelt sich um ein visionäres Projekt.«
Geht’s auch ein paar Nummern kleiner? Worin besteht bitte schön das »Visionäre« an diesem »Projekt«? Dnevnik aus Slowenien gießt Wasser in den Wein: »Wird es überhaupt möglich sein, ihm einen glaubwürdigen Anstrich zu verleihen, wenn die EU nicht einmal das umfassende Wirtschafts- und Handelsabkommen (CETA) mit Kanada ratifiziert hat?«
Alles halb so wild, die Zeiten sind andere, wir drehen jetzt am ganz großen Rad, verkündet France Inter: »Der Kontext hat sich verändert. In Trumps Welt müssen sich die Länder, die privilegierte Beziehungen zu den USA hatten, neu ausrichten, um nicht als Vasallen zu enden. (…) Dieses Bündnis von Mittelmächten ergibt nur dann Sinn, wenn es sich auf große Länder des Südens ausweitet.«
Den Schweizern gehen solche Gäule gewiss nicht durch, Nüchternheit bei den Neutralen. Nichts weiter als eine »öffentliche Liebeserklärung«, also Show, befindet die Aargauer Zeitung. Und der Tages-Anzeiger aus Zürich entdeckt bei von der Leyen »falsches Pathos« und »Sprechblasen«: »Es gibt, wenn man eigentlich nichts zu sagen hat, immer auch die Option, tatsächlich nichts zu sagen.«
Hüte dich, Schweiz. Irgendwann entdeckt die EU-Kommissionspräsidentin noch das Gesetz vom ewigen Kampf gut gegen neutral. (brat)
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