Störfeuer aus Teheran
Von Lars Lange
Angesichts der wachsenden Energiekrise haben Frankreich und Italien einem Bericht der Financial Times zufolge Gespräche mit Teheran aufgenommen. Dabei gehe es darum, für ihre Schiffe eine sichere Passage durch die von Iran quasi blockierte Straße von Hormus zu erhalten. US-Präsident Donald Trump hatte am Freitag hingegen erneut Begleitschutz für Schiffe in der Meerenge in Aussicht gestellt – anders Bundeskanzler Friedrich Merz, dem es am selben Tag wichtig schien zu betonen, dass Deutschland nicht über eine »militärische Absicherung« der Seewege nachdenke.
Dass der Krieg in Nahost die Öl- und Gasversorgung vieler Länder empfindlich trifft, zeigt die 30tägige Ausnahmegenehmigung der USA für den Kauf sanktionierten russischen Öls von Tankern auf See. Eine weitere Lockerung sei unvermeidlich, hieß es dazu am Freitag aus Moskau. Mutmaßlich empfindlich getroffen wurde auch ein US-Luftbetankungsflugzeug vom Typ KC-135 »Stratotanker«. Die Maschine stürzte am Donnerstag über dem Westirak ab, sechs US-Soldaten starben dabei. Eine zweite, angeblich beteiligte Maschine landete auf dem Flughafen Ben Gurion in Israel. Im Netz kursierende Aufnahmen zeigen ein großes, unregelmäßiges Loch im oberen Seitenleitwerk, nach außen gebogenes Metall, jedoch keinerlei Brandspuren. Die Schadensignatur könnte auf Splitterwirkung einer Nahdetonation hindeuten.
Die USA erklärten, weder feindliches noch eigenes Feuer sei die Ursache. Dem widersprach der Islamische Widerstand im Irak: Das Bündnis vorwiegend schiitischer Gruppen, die gegen die Besatzung Iraks kämpfen und mit Iran alliiert sind, reklamierte den Abschuss der Maschine für sich. Man habe sie »mit der geeigneten Waffe« getroffen. Bis zum 11. März haben die USA bereits elf große MQ-9-»Reaper«-Drohnen verloren. In den folgenden 48 Stunden veröffentlichte der Iran Videoaufnahmen von vier weiteren abgeschossenen Einheiten, womit sich der Gesamtverlust auf mindestens 15 MQ-9 beläuft. Hinzu kommen nach denselben Angaben zwölf bis siebzehn israelische Drohnen der Typen »Heron« und »Hermes«.
Der KC-135-Tanker könnte allerdings auch mit Hilfe des iranischen Waffensystems »359« abgeschossen worden sein. Dabei handelt es sich um eine Luftabwehrdrohne: Vom Boden gestartet, zunächst per Raketenbooster, dann mit einem kleinen Turbojettriebwerk, kann sie lange im Luftraum kreisen und gezielt nach Hochzielen suchen. Das System ist kompakt und transportabel genug, um an proiranische Milizen im Irak weitergegeben worden zu sein. Derzeit sind Angriffe auf den Iran ohne Luftbetankung de facto nicht möglich: Durch die permanenten Angriffe auf die US-Basen in den Golfstaaten sind die US-Kampfflugzeuge auf die fliegenden Treibstoffdepots angewiesen.
US-Kriegsminister Pete Hegseth provozierte Irans neuen »Obersten Führer« nur wenige Stunden nach Bekanntwerden des Absturzes: Modschtaba Khamenei sei verletzt und wahrscheinlich entstellt. »Der Iran hat viele Kameras und viele Diktiergeräte. Warum eine schriftliche Erklärung? Ich denke, sie wissen, warum. Sein Vater ist tot. Er hat Angst, er ist verletzt, er ist auf der Flucht, und es fehlt ihm an Legitimität«, sagte er in bezug auf die erste öffentliche Erklärung von Khamenei. Diese war am Donnerstag nur im Fernsehen von einem Moderator verlesen worden.
Nach Angaben der Türkei wurde an der NATO-Luftwaffenbasis İncirlik eine dritte iranische Rakete abgefangen. Ankara betont, İncirlik werde nicht für Angriffe auf Iran genutzt – und will damit jede Kriegsbeteiligung von sich weisen. Gleichzeitig ist die US-Luftwaffe auf der Basis stationiert. Bei einem iranischen Angriff auf türkisches Territorium könnte theoretisch Artikel 5 des NATO-Vertrags angewandt werden – ein Bündnisfall, den Ankara erkennbar vermeiden will. Auch auf einer französischen Militärbasis nahe Erbil ist ein Soldat getötet worden, mehrere wurden verletzt. Der Angriff wurde ebenfalls vom Islamischen Widerstand im Irak beansprucht.
In Kuwait könnte es den iranischen Verteidigern gelungen sein, drei kuwaitische »Eurofighter« zu treffen. Offiziell bestätigt ist das nicht. Satellitenbilder zeigen erhebliche Schäden an der Ali-Al-Salem-Luftwaffenbasis. Im omanischen Sohar kamen bei einem Drohnenangriff zwei indische Staatsbürger ums Leben, zehn weitere wurden verletzt. Auch die Angriffe der USA und Israels auf den Iran gehen weiter. Irans Gesundheitsministerium bezifferte die Opfer der US-israelischen Angriffe auf iranischem Boden auf mindestens 1.444 Tote und mehr als 18.500 Verletzte seit dem 28. Februar.
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