Hamas und Sichel
Ruhig Blut, ihr Meinungsmacher. Fallt nicht gleich vom Bürostuhl. Satz mit X. Die Kampagne hat nicht gefruchtet. Will heißen: In Berlin könnte fortan die Partei Die Linke regieren. Und das trotz der gemeinsamen Linie, auf die sich seit Wochen mehr oder minder alle Medien eingestimmt hatten. Die Richtschnur hat das rechte Portal Nius am Freitag netterweise noch mal zusammengefasst: Mit der »umbenannten SED« im Roten Rathaus wären »Judenhass, Antikapitalismus, und Freiheitsverachtung« die »Säulen im künftigen Kalifat Berlin«.
An die Säulen darf freilich auch nach der Wahl angeknüpft werden. Beim Tagesspiegel trommelt man kaum verklausuliert für »das Experiment Schwarz-Grün-Rot«. Schließlich sei es »verstörend«, dass »rund einem Viertel der Berlinerinnen und Berliner offenbar die antisemitischen Ausfälle der Linken egal sind«. Eine Hauptstadtpresse, der zunehmend der Bezug zur Realität verloren gegangen ist, legt den Linke-Wählern dann folgende Rechnung in den Mund: »Was kümmert uns der Judenhass, wir suchen schließlich eine Wohnung.« Unglaublich: Der freche Pöbel will lieber ein Dach über dem Kopf, als auf den Quatsch der Scharfmacher einzugehen.
Apropos Satz mit X: Was kümmern einen die Restriktionen eines Redigats, wenn man auch auf X frei drehen kann? Für manche ist der zentrale Terminus »Enteignungsfantasien«. So für RTL-Politikchef Nikolaus Blome, der die Wohnbaukonzerne ob der linken Mehrheit schon aus Berlin flüchten sieht. Den Übergang zum Judenhass findet der Chefredakteur von Table Media, Michael Bröcker, der prompt »Bundeszwang gegen eine linke Bürgermeisterin, die Antisemitismus duldet, mit Enteignungsfantasien das Eigentumsprinzip der Marktwirtschaft verrät und mit Clanchefs feiert«, ins Feld führt. Felix Dachsel, ehemals Taz, jetzt Leiter der Spiegel-Reporter, dreht weiter (durch), mischt die Nius-Zutaten auch in seinen Cocktail. Er warnt vor einem »Innensenator Issa Remmo«, sieht Russland in die Berliner Verwaltung einziehen, und fordert »verpflichtende Mauerspaziergänge für jeden Berliner Wahlberechtigten«.
Bei dieser Eskalationsleiter kommt man irgendwann unweigerlich bei Ulf Poschardt an. Seinen ganz eigenen öffentlichen Zusammenbruch inszeniert auch Springers »freiester Mitarbeiter« via X. Mit der Linkspartei würde wahlweise »die Hamas in Berlin an die Macht« kommen oder »die Wiederkehr der DDR« (»mit arabischen Islamofaschisten an Bord«) eingeläutet. Seine Analyse: »Alle haben Angst vor 1933. Die eigentliche Gefahr ist 1949.« Schließlich sei die Berliner Linke »in nahezu jeder Hinsicht gefährlicher und radikaler als die AfD in Mecklenburg-Vorpommern«. Dass diese Linke gerade mehrere Rollen rückwärts macht, um bloß nicht den Eindruck zu erwecken, sie sei eine irgendwie andere Partei als alle anderen, übersieht Poschardt. (mag)
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