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Pistole an der Schläfe

Venezuelas Präsidentin vor der UNO

Foto: Eduardo Munoz/Reuters

Die Zeit großer Reden in der UN-Generalversammlung, die weltweit für Aufsehen sorgen, scheint vorüber. Vor fast genau 20 Jahren hielt Venezuelas damaliger Präsident Hugo Chávez eine solche Rede. »Gestern war der Teufel hier. Und es riecht noch immer nach Schwefel«, sagte er am 20. September 2006. Chávez bekreuzigte sich und deutete auf das Pult, an dem US-Präsident George W. Bush am Vortag einen Regime-Change im Iran gefordert und Israels Angriffe auf Palästina gerechtfertigt hatte. »Der Herr, den ich den Teufel nenne«, habe »ganz genau so gesprochen, als gehöre ihm die Welt. Ich denke, wir sollten einen Psychiater bestellen«, so Chávez. Westliche Politiker und Medien empörten sich pflichtgemäß über den Auftritt des linken Revolutionsführers.

Die nach dem US-Militärangriff und der Verschleppung des legitimen Staatschefs amtierende Interimspräsidentin Delcy Rodríguez, die sich noch immer gelegentlich auf Chávez beruft, hielt dagegen am Mittwoch am selben Ort eine Rede, die im Westen kaum Beachtung fand. Wie ein artiges Kind, das den strengen Vater nicht verärgern will, suchte sie nach Spielraum für eigene Positionen. Dabei erwähnte sie den nur etwa zehn Meilen vom UN-Hauptquartier entfernt in einem US-Gefängnis festgehaltenen Präsidenten Nicolás Maduro und dessen Ehefrau Celia Flores nicht mit einem Wort. Statt dessen dankte sie US-Präsident Donald Trump, der Maduro am Vortag als »Verbrecher und Diktator« beschimpft hatte, für »die Bereitschaft, den Weg der diplomatischen Beziehungen und der Zusammenarbeit wiederaufzunehmen«. Nach Zeiten der Konfrontation und dem doppelten Erdbeben werde Venezuela nun »wiedergeboren«.

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Immerhin verwies Rodríguez darauf, dass nicht nur innenpolitische Konflikte, sondern auch eine »harte Wirtschaftsblockade« das venezolanische »Entwicklungsmodell der Inklusion und Gleichheit zunichte gemacht« hätten. Sie strebe dagegen ein Land an, das »keinerlei wirtschaftlichen Beschränkungen unterliegt«. Zudem bekräftigte Rodríguez »die historischen Rechte Venezuelas« auf Guayana Esequiba. Während Trump den Anspruch früherer Regierungen auf das ölreiche Gebiet als Bedrohung von US-Interessen bezeichnet hatte, hofft Rodríguez offenbar – nach dem Ölabkommen – auf ein Umdenken. Ebenso keck verwahrte sie sich gegen jede Einmischung bei Wahlen. »Ich möchte ganz klar sagen: In Venezuela wird es Wahlen geben.« Die Übergangspräsidentin berief sich auf Simón Bolívar und dessen Ausspruch »Niemand außer dem Volk ist souverän«, bat um »Unterstützung ohne Einmischung« und darum, den Zeitpunkt der Wahlen den Venezolanern selbst zu überlassen.

Das war keine visionäre Rede, sondern die pragmatische Gratwanderung der Regierungschefin eines Landes, das nach dem US-Angriff quasi unter Zwangsvormundschaft und neokolonialer Verwaltung steht. Bislang halten selbst viele Kritiker Rodríguez noch zugute, dass sie mit der Pistole an der Schläfe agiert. Doch an der chavistischen Basis rumort es. Ob deren Loyalität bis zu den angekündigten Wahlen anhält, ist ungewiss.

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.09.2026, Seite 3, Ansichten

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