Nero-Szenario
Was alle wissen, weiß vielleicht sogar Donald Trump. Die Niederlage seiner Republikaner bei den Midterms ist zuerst und vor allem auf einen Krieg gegen den Iran zurückzuführen, dessen Verlauf nach Maßgabe imperialistischer Politik bisher alles andere als erfolgreich war: der Gegner eher gestärkt denn geschwächt, die innenpolitischen Konsequenzen (Spritpreise) ziemlich unerquicklich und also die Volksstimmung miserabel. Alles in allem ein Scheitern auf ganzer Linie. Was bedeutet das für des Präsidenten verbleibende Amtszeit hinsichtlich seiner Außenpolitik?
Trump am Ende, Teheran triumphiert, urteilt die FAZ: »Dem iranischen Regime könnte sich kein besseres Panorama bieten: Der Vizepräsident will nur noch ›raus‹, der Verteidigungsminister« – das sind noch die alten euphemistischen Reflexe, der Mann nennt sich inzwischen selbst Kriegsminister – »ist angezählt, und der neue Kongress wird Trump kaum die Zusatzmittel für den Iran-Krieg bewilligen. Immer besser wird Teherans Verhandlungsposition. Immer schlechter werden Trumps Optionen.«
Solcher Einschätzung will sich die Süddeutsche Zeitung nicht verweigern: »In der zynischen Welt, die Trump dabei ist zu hinterlassen« – vorher herrschte, notabene!, nichts als Ehrlichkeit und Moral –, »hat die Islamische Republik ihren Platz gefunden. Der gescheiterte Krieg hat Regime-Change-Ideen diskreditiert.« Ist das jetzt nach Meinung aus München eine gute oder eine schlechte Nachricht? »Für die Weltöffentlichkeit hat Iran gewonnen, gegen die stärkste Armee des Planeten und die stärkste des Nahen Ostens.«
Andere Medienhäuser, andere Schlussfolgerungen. Vorsichtig fragend noch die Neue Presse aus Coburg: »Das Desaster von Donald Trumps Republikanern bei den US-Zwischenwahlen hat nun sogar sein eigener Vizepräsident auf die Teuerung zurückgeführt, die der unpopuläre Iran-Krieg ausgelöst hat. Deshalb fragen jetzt viele: Lernt Trump daraus? Oder lässt er den Krieg noch einmal aufflammen?«
Lässt er? Die Lausitzer Rundschau aus Cottbus hat den Sinn für Nachruhm im Sinn: »In seinen verbleibenden zwei Amtsjahren dürfte jemandem wie Trump trotz des Wahldesasters seiner Republikaner die Frage der Geschichtsbücher wichtiger sein als pragmatische Politik. Dem Iran mit einem Angriff endgültig den Weg zur Atombombe zu verbauen und gleichzeitig die Straße von Hormus wieder für Öllieferungen freizukämpfen, könnte ein Anreiz für ihn sein.«
Was nun auch im Handelsblatt schlimmste Befürchtungen evoziert: Trump könnte sich »zum Ende seiner Amtszeit noch einmal richtig austoben«, der Welt nicht weniger als ein »Nero-Szenario« bevorstehen: »Das außenpolitische Terrain für Trumpsche Destruktion ist ein schier unendliches Feld.« Wusste schon Vater Briest. (brat)
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