Zum Inhalt der Seite

Victim Blaming

Berichterstattung zum Erdbeben in Venezuela

Foto: REUTERS/Gaby Oraa

Kein vernunftbegabter Mensch würde versuchen, eine Regierung, Parteien oder Politiker für eine Naturkatastrophe verantwortlich zu machen. Nach anfänglicher Betroffenheit und Mitgefühl für die Zigtausenden Opfer des verheerenden Doppelbebens in Venezuela schaffen es einige Medien dennoch, die Verrenkung zu machen, dem Chavismus die Schuld für das Ausmaß der Schäden und für Probleme bei den Rettungseinsätzen in die Schuhe zu schieben. Einen Zusammenhang zwischen den seit Jahren verhängten US-Sanktionen, dem Raub von venezolanischem Gold sowie Vermögenswerten und der maroden Infrastruktur des Landes sehen diese Medien indes nicht. Der auf den ersten Blick absurd wirkende Versuch entspricht dem Muster des »Victim Blaming«, bei dem die Verantwortung für eine Tat oder einen Zustand vom Täter auf das Opfer abgewälzt wird.

Ein Teil der in kommunikativer Perversion geübten westlichen Medien liefert dafür erneut beeindruckende Beispiele. Während das in Zürich beheimatete SRF immerhin Stefan Wiemer, den Leiter des Schweizerischen Erdbebendienstes, mit der Aussage zitiert, dass sich derartige Beben »einfach nicht vorhersagen lassen«, verbreitete die Taz unter der Überschrift »Der Staat liegt in Trümmern«: Die »von Delcy Rodríguez geführte Regierung lässt die Bevölkerung genauso schutzlos«, wie diese es bereits seit Jahren erleiden muss.

Anzeige

Im Gegensatz dazu verweist die Frankfurter Rundschau zwar dezent auf Sanktionen, ohne jedoch zu erwähnen, dass die mehr als 1.400 US-Zwangsmaßnahmen zwischen 2015 und 2020 zu einem Rückgang der Staatseinnahmen um 98 Prozent geführt hatten, wodurch das Bruttoinlandsprodukt in dieser Zeit auf ein Viertel seines Wertes sank, wie William Castillo, der Minister für Antiblockadepolitik, erklärte. Ohne ein Wort der Kritik zu verlieren, lobt die FR das US-Finanzministerium statt dessen für eine »bemerkenswerte Entscheidung«. Denn: »Transaktionen im Zusammenhang mit Erdbebenhilfe werden vorübergehend (bis 23. Oktober, jW) erlaubt, obwohl sie normalerweise unter die Venezuela-Sanktionen fallen würden.«

Auch Leitmedien wie Spiegel und Tagesschau.de unterschlagen das volle Ausmaß der von Washington und der EU verhängten Maßnahmen und deren Verantwortung für den Zustand des Landes. »Venezuela litt seit Jahrzehnten unter Missmanagement und Korruption«, heißt es auf Tagesschau.de, mit der banalisierenden Ergänzung: »Hinzu kamen US-Sanktionen.« Die Spiegel Online-Überschrift vom Sonntag (»Die Zahl der Todesopfer steigt, die Wut auf die Regierung wächst«) lässt erahnen, mit welchen Narrativen in den kommenden Tagen zu rechnen ist. Nichts ist so verlässlich wie die Kampagnen der großen westlichen Medien. (vh)

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 29.06.2026, Seite 2, Ansichten

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→ Leserbriefe
  • Rudi Eifert aus Langenhagen 29. Juni 2026 um 16:45 Uhr
    Es bewahrheitet sich immer wieder: Eine internationale Lügenpresse, die ungeahndet manipulierte Berichte unters Volk bringt. Ein Grund mehr für mich, dass ich vor vielen Jahren bei der Jungen Welt ein Abonnement abgeschlossen habe. Überzeugt hatte mich ihr Spruch, der diesen Lügenmedien die rote Karte zeigt: Sie lügen wie gedruckt – wir drucken, wie sie lügen. Dass dies und der Duktus der jW konservativen Kreisen nicht mundet, war vorauszusehen gewesen, was aber auch beabsichtigt war. Nichts überzeugender kann ein solcher Ausspruch das wiedergeben, was sich in unserer Medienlandschaft tagtäglich abspielt. Ich kann der jW-Redaktion nur raten, weiter so zu machen und der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen – gegen jeden Widerstand.
  • Carsten Hanke aus Rostock 28. Juni 2026 um 22:00 Uhr
    Die sogenannten Leitmedien praktizieren nicht nur reihenweise Lügen und zeigen Unwissenheit über die Situation vor Ort, nein, es geht stets noch schlimmer. Mit Schaum vor dem Mund, es endlich der fortschrittlichen Regierung Venezuelas heimzahlen zu können, wurde im ZDF im Brennpunkt am 25.6.2026 auch noch der Bildungsnotstand der diensthabenden Journalisten mit der Bemerkung unter Beweis gestellt, dass der Flughafen Simon Bolívar (wird natürlich als Befreier vom Kolonialismus nicht genannt) in Maiquetía von Caracas 200 km entfernt liegt, obwohl es in Wirklichkeit knapp 30 km sind. Das ist eine vergleichbare geistige Offenbarung, wie wir es in der Politik (ehemalige Außenministerin und ihren 360-Grad-Wendungen) seit langem erdulden müssen. In diesem Beitrag wird dann auch gleich noch mit erwähnt, dass die Bauweise in Venezuela, aufgrund des durchgepeitschten Wohnungsbaus so instabil ist, dass man »mit der Reißzwecke die Bilder in die Wand drücken kann« und alles hellhörig ist. Dabei hätten die Verantwortlichen »Qualitätsjournalisten« auch nur probeweise in die sozialen Netzwerke schauen müssen, um zu sehen, dass gerade die unter Chavéz und Maduro gebauten Häuser am stabilsten diese Erdbeben überstanden haben. Im Übrigen wird das manchen Zuschauern auch aufgefallen sein, denn im Beitrag standen fast alle in grau/weiß gehaltenen, zweistöckigen Häuser in La Guaira noch. Seit 7 Jahren bereisen wir (GeFiS e.V.) im solidarischen Auftrag Venezuela und kennen sowohl die Barrios (Armenviertel, wo wir stets übernachten) als auch die neugebauten Wohnungen in den Städten und auf dem Land. Sie wurden nicht nur vielfach von Iranern und Chinesen gebaut, sie haben auch eine gute Wohnqualität. Das kann man nicht wissen, wenn Nachrichten nur im Studio erstellt werden oder von einer Auftragsjournalistin aus Mexiko, die schon beim Putschversuch 2018 auf der Autobahnbrücke von Kolumbien nach Venezuela sich mit Lügen versuchte zu profilieren, diese aber wegen der starken Proteste revidieren musste.
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!