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Aus: Ausgabe vom 09.01.2026, Seite 14 / Medien
Regierungsnahes Berichten

Journalisten ihrer Klasse

Mediale Zurückhaltung bei US-Angriffskrieg auf Venezuela: US-Tageszeitungen sollen schon vor Militärüberfall Pläne gekannt haben
Von Luca von Ludwig
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»Nieder mit dem US-Imperialismus« wird man in der New York Times eher nicht lesen (New York, 6.12.2025)

Nicht für alle kam der nächtliche Militärangriff der US-amerikanischen Streitkräfte gegen Venezuela in der vergangenen Woche überraschend: Die »Leitmedien« New York Times (NYT) und Washington Post (Wapo) sollen schon im Vorfeld von den Angriffsplänen gewusst haben. Wie das Nachrichtenmedium Semafor am Sonntag zuerst berichtete, hielten die beiden Zeitungen ihre Berichterstattung jedoch zurück, um den US-Soldaten nicht in die Operation zu grätschen.

Der Semafor-Bericht stützte sich zunächst auf Insiderinformationen und wurde von den Blättern nicht kommentiert, aber alsbald praktisch bestätigt: Noch am Sonntag sprach US-Außenminister Marco Rubio den Redaktionen seinen Dank aus. »Um ehrlich zu sein: Mehrere Nachrichtenorgane hatten Wind von der Sache bekommen und haben sich aus genau diesem Grund zurückgehalten, und wir danken ihnen dafür, oder Leben hätten verloren sein können – amerikanische Leben«, sagte er dem Fernsehsender ABC. Die warmen Worte stellen für die beiden großen Zeitungen insofern eine Abwechslung dar, als dass sie wegen ihrer moderat-kritischen Berichterstattung regelmäßig Ziel von verbalen Attacken durch Präsident Donald Trump werden. Das Lob aus höchsten Kreisen haben sie sich nun redlich verdient.

Semafor legt dar, dass sich die stille Kooperation in die Tradition der Medienhäuser einreiht. So verwies der Bericht auf das Zurückhalten mehrerer Details durch die NYT im Vorfeld der CIA-gesponserten Invasion der kubanischen Schweinebucht 1961. 2004 verzögerte der damalige Chefredakteur Bill Keller laut einer Dokumentation Berichte über Inlandsspionagetätigkeiten der NSA über mehrere Monate, nachdem er aus Regierungskreisen dazu gedrängt wurde.

Auch sonst tun sich die Blätter nicht durch journalistische Distanz zu den imperialistischen Ambitionen Washingtons hervor. Die Wapo zum Beispiel lobte den jüngsten Angriff auf Venezuela in einem Kommentar vom Sonnabend (der explizit die Blattlinie abbildet, wie der Leser informiert wird) als »Triumph« und »wichtigen Sieg für amerikanische Interessen«. Es sei eine der größten »Fehlkalkulationen aller Zeiten«, dass sich Venezuelas Präsident Nicolás Maduro nicht »nach Moskau oder Minsk« abgesetzt habe, obwohl Trump ihn oft gewarnt und entsprechende Abgangschancen gelassen habe. »Seit Jahren stand Maduro für die falsche Wärme des lateinamerikanischen Kollektivismus. Nun sollte er den Rest seines Lebens in einem humanen amerikanischen Gefängnis verbringen«, meint die Wapo.

Die NYT stand zuletzt unter anderem wegen der Berichterstattung über Israels Krieg gegen Palästina im Fokus. Die Gruppe »Writers Against the War on Gaza« wirft der Zeitung »Komplizenschaft beim Genozid in Gaza« vor und veröffentlichte im Juli 2025 ein Dossier, das zahlreichen Autoren, Redakteuren und Managern ideologische und materielle Verbindungen nach Israel nachweist. Die CEO Meredith Levien beispielsweise sei demnach langjährig für eine zionistische Jugendorganisation tätig gewesen, mehrere Autoren und Redakteure können auf Karrieren bei rechten israelischen Medien zurückblicken.

Fortgeschrittener Unsinn wäre es, ob der zurückgehaltenen Informationen zu Venezuela von gebrochenem »Berufsethos« zu sprechen. Die Kooperation der gut bezahlten Redaktionsstuben mit der US-Regierung fußt auf schlichtem Klasseninteresse. Für die beiden traditionsreichen Tageszeitungen springt auch weiterhin ein Platz in den vordersten Reihen heraus, wenn das Pentagon Recherchereisen anbietet – Stichwort: »embedded journalism« – oder das Weiße Haus Informationen durchsickern lässt. Für die Manager und Autoren gibt es satte Gehälter, einen sicheren Platz auf Talkshowsofas und in den Büros allerlei Thinktanks, Lobbygruppen oder des nächsten Prestigemediums.

Semafor merkte an, dass die USA, anders als andere Staaten, kein juristisches Instrument haben, um sicherheitsrelevante Medienberichte zu stoppen. Aber wozu sollte ein Land mit solchen »Leitmedien« auch eine Zensurabteilung bemühen?

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