Ein Ballerino geht zum Film
Alexandr Trusch, bekannt vom Hamburg-Ballett, wird Hollywoodstar – sein Nachfolger als »Nijinsky« ist Callum Linnane
Dieser Ballerino war schon immer eine Hamburger Besonderheit: Vor über zehn Jahren habe ich Alexandr Trusch, der damals noch ein Nachwuchstalent beim Hamburg-Ballett war, mit der Tanzlegende Rudolf Nurejew verglichen. Geschmeidigkeit, Anmut, Passion, die höchsten tänzerischen Tugenden, einen sie. Und jetzt geht Trusch, Jahrgang 1989, nach Hollywood: um dort Rudolf Nurejew zu spielen. Regisseur Anthony Fabian (»Mrs. Harris«) verfilmt mit ihm die Partnerschaft von Rudolf mit der Ballettdiva Margot Fonteyn. Die brünette Britin mit brasilianischen Wurzeln wird in »Margot & Rudi« von der Blondine Naomi Watts verkörpert. Wer sie in den Tanzszenen doubelt, steht offiziell noch nicht fest. Aber vielleicht wird das Truschs Partnerin im wahren Leben machen, die Ballerina Olivia Betteridge (ebenfalls blond). Der Choreograph des Films heißt jedenfalls Arthur Pita, und er steht für Originalität. Pita tanzte einst bei Matthew Bourne, der in London die rundum schwule Version vom »Schwanensee« kreierte. Eine eher traditionelle Garantie für Qualität verspricht die Drehbuchautorin Olivia Hetreed: Sie schrieb schon für »Das Mädchen mit dem Perlenohrring« mit Scarlett Johansson und Colin Firth das Drehbuch. Im Herbst soll Drehbeginn für Trusch und Watts sein.
Dann wird auch Truschs Nachfolger beim Hamburg-Ballett, der Tänzer Callum Linnane, dort als regulärer neuer Erster Solist präsent sein. Bis dahin tanzt er noch beim Australian Ballet in Sydney. Aber schon am letzten Sonnabend gab Linnane seinen Einstand an der Hamburgischen Staatsoper: als umjubelter Titelheld in »Nijinsky« von John Neumeier, also nicht ganz zufällig in einer Paraderolle von Alexandr Trusch.
Nun macht es wenig Sinn, diese beiden zu vergleichen. Trusch ist eine Klasse für sich, niemand würde ihm sein außergewöhnliches Können absprechen. Callum Linnane hat es da schon etwas schwerer. Er ist begabt, kein Zweifel. Aber die Strahlkraft und das Glück, mit jeder Geste bezaubern zu können, ist nun mal nur wenigen vergönnt. Dafür überzeugt Linnane mit hohen, federleichten Sprüngen und einer sensiblen, emotional aufgeladenen Spielweise. Der starke Applaus für ihn nach seinem ersten Hamburger Auftritt war absolut verdient.
Das Ballett »Nijinsky«, im Jahr 2000 von John Neumeier kreiert, erzählt vom gemeinhin als genial geltenden Tänzer und Choreographen Vaslaw Nijinsky. Ab 1909 tanzte er bei den Ballets Russes, die von Paris aus die Ballettwelt eroberten. Sein Charme, seine Wendigkeit, seine Sprungkraft machten ihn berühmt. Mit Sergej Djagilew, seinem Chef, verband ihn eine Liebesgeschichte.
Doch während einer Tournee nach Südamerika angelte sich die energische Ensembletänzerin Romola – in Neumeiers Stück erstmals von der zarten, aber kraftvollen Ballerina Charlotte Larzelere getanzt – den Künstler zur sofortigen Heirat. Gekränkt warf Djagilew, der wegen seiner Seekrankheit der Tournee ferngeblieben war, den Star raus. Der empfindliche Nijinsky verfiel in eine psychische Krise, die später als schwere Schizophrenie diagnostiziert wurde.
Romola hielt zu ihm. In Neumeiers Stück zieht sie ihn, der auf einem Schlitten sitzt, über die Bühne: mal für einen ausdrucksstarken Paartanz über ihre Ehe, dann wieder, um ihn zu seinem letzten Auftritt zu bringen. In einem Schweizer Luxushotel tanzte Nijinsky im Januar 1919 sein letztes Solo. Von hier aus entfächert sich in Neumeiers Stück Nijinskys Leben in Einzelszenen, die zu einer Collage zusammengefügt sind. An die Intensität so einer Aufführung muss ein Film erst einmal herankommen.
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