Bis zum Morgengrauen
Einfach ungehobelte Musik machen: Jason Riccis Bluesrock-Eskapaden »13 Hours«
Dieser Mann braucht nur den Mund aufzumachen, und schon klingt es herrlich ungehobelt. Mit so einer Stimme kann einer praktisch nur Rocksänger werden. Oder es verhält sich umgekehrt, und der schlimme Musikzirkus hat zuerst Jason Riccis Stimmbänder, dann den Kehlkopf und schließlich den ganzen Mann ramponiert. An Leidenscredibility mangelt es diesem Bluesrocker, der sich auf mehr oder weniger schiefen Bahnen schon manche Kerbe eingehandelt hat, jedenfalls nicht. Und wenn er zwischen den Strophen seiner Klagelieder erst an der Mundorgel loslegt, kann einem das Herz stehenbleiben.
»Woke up this morning / trying to change my perspective (…) but underneath it all I’m just / sick of this shit.« Da ist einer ernstlich böse. Und wird im Verlauf des bösen Eröffnungssongs noch um einiges expliziter. Jason Ricci ist gelernter Punk, und das hockt nach wie vor vernehmlich in ihm drin, auch seine Stilistik an der Mundharmonika ist alles andere als arielrein: virtuoses Aus- und Einatmen durch das Instrument, den großen Rest regeln die Effektpedale. Manch ein Solo klingt auf Anhieb gezielt nach Leadgitarre (und einmal sogar wie die Geige von Papa John Creach bei Jefferson Airplane), die jedoch bei Brent Johnson in allerbesten Händen ist. Überhaupt die Band: Sängerin Kaitlin Dibble ist ebenfalls mit einer waschechten Rockröhre gesegnet, und Bill Blok am Bass sowie Benny Piazza am Schlagzeug helfen nach Kräften beim gemeinsamen Bösesein.
Denn erst im Verbund wachsen sie zu voller Größe als The One And Only Bad Kind – und sind dann beim Saurauslassen ziemlich unschlagbar. Man heult Rotz und Wasser, wenn sie ihrem kürzlich verstorbenen Bandmate John Perkins mit dem tiefempfundenen Zwölfminüter »13 Hours« hinterhertrauern. Und muss breit grinsen, wenn sie Johnny Winters »Tired of Trying« verfrühstücken. Oder in »Long Twisted Night« (aus der Feder von Kaitlin Dibble) schweres »Shlepping« unter Phasergewittern veranstalten. Oder sich zur allgemeinen Entspannung durch einen »Nuit Waltz« schmachten. Von den Gastmusikern macht Mike Dillon die größte Welle, sein mutwillig verstümmeltes Vibraphonsolo in »Big Diseasy« bringt einen komplett um den Verstand.
Die Musik auf Jason Riccis neuem Album ist ein krudes und eigentlich streng verbotenes Destillat aus Rhythm and Blues, Hillbilly-Ragtime, New-Orleans- und Delta-Funk. Und über allem irrlichtern diese genialen Bluesharp-Eskapaden des Leaders. Er selbst sieht es, laut einem Deutschlandfunk-Interview von vor ein paar Jahren, allerdings so: »Genie! (lacht) Ich will einfach gute Musik machen, muss damit mein Geld verdienen, um meine Katze und meine Freundin zu unterstützen.« Man beachte die Reihenfolge. »Die Sache ist doch so: Du musst dein Leben wegwerfen, wirst schlecht bezahlt und hängst mit einem Haufen Alkoholiker und Drogensüchtiger ab – und wirst von den cleveren Leuten noch abgezogen. Dafür macht man Musik. Mehr musst du nicht wissen!«
Von wegen – in Wahrheit ist dieser Jason Ricci ein abgebrühter Dekonstrukteur und nimmt sich bisweilen Frechheiten heraus, die von ferne an die Mothers of Invention als Schutzheilige gemahnen. Wenn Ricci zu singen anfängt, ist Gevatter Beefheart eh nicht weit. Und wie dieser versteht er sich auf verschrobenes Songwriting. Jedes Original eine Wundertüte! Doch auch ein Klassiker wie Percy Mayfields »River’s Invitation« bleibt nicht verschont. »Dieses Album ist eine wilde, wunderschöne Fahrt«, spricht der Urheber, »holpernd vom Tagesanbruch bis in die Dunkelheit und weiter bis zum Morgen«. R ’n’ R bedeutet bei Jason Ricci & The Bad Kind nicht einfach nur Rock ’n’ Roll, sondern lässt sich auch problemlos mit Rhythm ’n’ Road übersetzen. Man gäbe viel darum, diese phantastische Band mal live zu erleben.
Jason Ricci & The Bad Kind: »13 Hours« (Gulf Coast Records/Bertus)
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