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Electronica

It’s dark as fuck

Gibt’s denn so was: Das kultisch vereehrte Elektronikduo Boards of Canada hat nach langer Abwesenheit mal wieder ein neues Album draußen

Von Christian Meyer
Foto: Warp Records/Peter Iain Campbell
Wortkarges Duo: Boards of Canada

Endlich ein neues Album von Boards of Canada. Dreizehn Jahre liegt das letzte der schottischen Brüder Marcus Eoin und Michael Sandison zurück. Für Anhänger waren es Jahre voller Gerüchte, Spekulationen und sehnsüchtiger Hoffnungen auf ein fünftes Album. Im April erhielten dann ein paar Fans, die zuvor über den Labelshop von Warp bestellt hatten, eine VHS-Kassette mit circa 30 Sekunden kryptischer Sound- und Videocollage. Einiges trägt die unverkennbare Handschrift von BOC. Es war der erste ernstzunehmende Hinweis auf Bandaktivität seit Jahren, und dementsprechend flippten Fans im Internet aus.

BOC-Fans sind ein Kult, und weil die erratischen Künstler praktisch nicht auftreten, besteht ein großer Teil der Kultpraktiken im Analysieren des Werks. Es gibt wenige Interviews, und welche Zauberei im Studio vonstatten geht, ist ein gutgehütetes Geheimnis. Oft wird versucht, den Sound zu kopieren, was regelmäßig scheitert. Dennoch ist das Netz voll mit BOC-Methadon.

Es fällt nicht leicht, Boards of Canada zu charakterisieren, noch schwerer, einen Eindruck davon zu vermitteln, wenn das Gegenüber die Musik noch nie gehört hat. Es ist elektronische Musik, aber nicht dancefloororientiert. Sie ist sample- und beatlastig, aber kein HipHop. Außerdem ist sie psychedelisch, ambient, bisweilen düster. Die Begriffe Hauntology und Retromania von Kulturtheoretiker Mark Fisher und Kulturjournalist Simon Reynolds entstanden maßgeblich in Auseinandersetzung mit Boards of Canada. Es geht dabei immer um Melancholie (gerade auch bei den Rezipienten) und die Beschäftigung »mit der Art und Weise, wie Technologie Erinnerung materialisiert« (Mark Fisher). The past inside the present – beschworen durch Soundpatinierung, die Verfall suggeriert, analoge Verfahren und unwahrscheinlichste Zitate aus dem kollektiven Mediengedächtnis.

Eine Woche vor Veröffentlichung fanden Pre-Listening-Sessions in weltweit sieben Städten statt, darunter Tokio, Barcelona, London, New York und Berlin. Marketing hin, Hype her, die Listening-Session war ein kleines Ereignis. Wann macht man das, sich ein Album komplett ohne Unterbrechung und Ablenkung aufmerksam anzuhören? Im »Silent Green« im Wedding wurde »Inferno« passenderweise in einem ehemaligen Krematorium vorgestellt.

Der hohe, achteckige Raum ist dunkel, ein tiefer Dronesound heißt die Gäste willkommen. Ringsherum stehen Stühle, in der Mitte leuchtet rot ein etwa kniehohes Sechseck. Das Hexagon ist ein zentrales Symbol im BOC-Kosmos, das visuelle Wiedererkennungszeichen, ihr Brand. Auch an die Decke werden langsam rotierende Sechsecke projiziert, dazu Flammen. Am Boden breitet sich Nebel aus. Viel mehr kommt da nicht mehr. Aber es geht ja schließlich um die Musik.

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Nach einem BOC-typischen Intro folgt der erste Track, beides war vorab veröffentlicht worden.

Kopfnicken und sehr zufriedene Gesichter im Publikum, das zu mindestens 80 Prozent aus Männern besteht. Ein paar Leute haben die Augen geschlossen. Langsame, fette Beats und leiernde Synths werden ausgerollt. Obskure Sprachsamples überlagern einen Chorus oder Chor-Loop (was ist das, müsste man das kennen?). »Father and Son« ist spooky und erinnert mit Percussion und sehr präsenten Vocal-Samples an den frühen DJ Vadim.

Alles, was es auf dem neuen Album zu hören gibt, ist eindeutig BOC, fügt sich nahtlos in den Katalog, und doch unterscheidet sich das Album von den Vorgängern. Von der Produktion schließt es an den Vorgänger »Tomorrows Harvest« an, ist aber weniger technoid und integriert viele organische Sounds. Gesampelte Sprachspuren sind weniger verwaschen und stehen mehr im Vordergrund.

Exzessiv bedienen sich BOC an digitalen Archiven: fernöstliche Meditationsgesänge, Natur- und Drogendokus und vieles mit religiösem Bezug. Bei »Prophecy at 1420 MHz« ist beispielsweise eine Harvard-Vorlesung von Seyyed Hossein Nasr, einem wichtigen Experten für islamische Wissenschaft und Spiritualität, zu hören. All das wissen wir nur dank der wilden Detektive, die bereits dabei sind, manisch das neue Werk zu entschlüsseln.

Neben poppigen Momenten ist manches auf dem Album auch far out, der Hare-Krishna-Chant kommt überraschend. Das Zwischenstück »Acts of Magic« klingt, als würde in der Nachbarwohnung jemand Gabber hören, während in der eigenen Küche jemand am Radio dreht. Danach kommt eins von mehreren ruhigen Ambientstücken. Einen Hit wird es wieder nicht geben, dafür fast alles andere. Die Assoziationen und Einflüsse reichen von Elektrofunk und Illbient über Field Recordings (Vögel?) bis Krautrock, Folk und New Age. Als ich mit einem Glaubensbruder erste Höreindrücke bespreche, fällt das Wort Kitsch.

Zugegeben, »Deep Time«, was zuvor ähnlich als »Tape 05« im Netz zirkulierte, ist ziemlich elegisch. Als es im »Silent Green« läuft, sorgen Wiedererkennungseffekt und Sounds für Zuversicht. Denn insgesamt ist das Album sehr düster, der stets vorhandene »Unterton des Unbehagens« (Simon Reynolds) prägt »Inferno«. In den Worten eines Sitznachbarn: »It’s dark as fuck.«

→ Boards of Canada: »Inferno« (Warp)

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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