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Aus: Ausgabe vom 26.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Ballett

Auf der Bahre

Mit »Fast Forward« bietet das Hamburg Ballett ein eher frustrierendes Programm
Von Gisela Sonnenburg
10 (c) Kiran West.JPG
Da legst di nieda: Mit dem Hamburg Ballett geht’s dahin

Wenn ein Körper aufhört, Ballett zu trainieren, verändert er sich. Die Muskeln und Sehnen verkürzen sich, Kondition und Kraft lassen nach, das Hormonsystem fährt zurück auf Nichttänzerstatus. Das Hamburg Ballett hört zwar nicht auf zu tanzen, aber sein Status als eines der weltweit führenden Tanzensembles ist verloren. Die Premiere »Fast Forward« am letzten Sonntag machte deutlich, dass nicht nur das Gebäude der Hamburgischen Staatsoper bedroht ist – sie soll durch einen Neubau in der Hafencity ersetzt werden –, sondern auch die schöpferische Qualität. Der kommissarisch leitende Ballettdirektor Lloyd Riggins hatte immerhin die Idee, einen brillanten modernen Klassiker als Entrée zu servieren: »Serenade« (1934) von George Balanchine wird vom Hamburg Ballett so transzendierend und lyrisch getanzt, dass man es für eines der besten Stücke überhaupt hält.

Aber die drei folgenden Kurzstücke mit Längen zwischen 20 und 35 Minuten kommen über Kunstwollen und Nichtkönnen nicht hinaus. Der Abend zieht sich – und so mischten sich kräftig Buhrufe in den Applaus, vor allem für den spanischen Choreographen Marcos Morau. Sein 2023 kreierter »Totentanz« lässt drei Dunkelmänner in schwarzen Kutten auftreten, von denen einer ein Richtmikrofon ins Publikum hält, während ein zweiter zunächst tot auf der Bahre liegt, dann aber lebendig wird und zu Computergepupse herumzappelt. Am Ende zerrt ihn eine Tänzerin mit Kutte wieder auf die Bahre, wo er brav erneut stirbt. Zeitverschwendung.

Auch die »Annonciation« (»Verkündigung«) von Angelin Preljocaj, 1995 entstanden, ist nicht besser. Maria (Selina Appenzeller mit kurvigen Bewegungen) ist hier eine Frau der Gegenwart, die sich vom Engel (Charlotte Kragh sieht aus, als käme sie gerade aus dem Fitnesscenter) tänzerisch überzeugen lässt, ihr Kind nicht abzutreiben. Aus Frankreich hätte man mehr erwartet.

Auch die Uraufführung des Abends, »The Moon in the Ocean« (»Der Mond im Ozean«), protzt nicht gerade mit Genialität. Die chinesische Choreographin Xie Xin steht nicht für die sehr gute staatliche Ballettausbildung in China, da sie diese nicht erhalten hat. Sie kommt aus dem freien modernen Tanz, entsprechend fehlt ihr das Verständnis für Dramatik und Dramaturgie. Ihr Stil verlangt stetig fließende Bewegungen, dem Tai Chi entlehnt. Dazu baut Xie Xin das große Ensemble immer wieder zu Menschentürmen und zu Wellen auf, wenn nicht gerade ein Solist (Moisés Romero) nah der Rampe im Buddhaschneidersitz verharren muss. Auch hier gibt es, wie in allen nichtklassischen Stücken des Abends, kaum Musik, sondern Synthi- und Computergeräusche. Wenn das die Zukunft des Hamburg Balletts sein soll, werden viele seiner früheren Freunde tief durchatmen und lieber schön essen gehen, als teure Tickets zu kaufen.

Nur »Serenade« lohnt den Abend, der mit dem Titel »Fast Forward« (»schnell vorwärts«, im übertragenen Sinn »vorspulen«) zuviel verspricht. John Neumeier, der 51 tolle Jahre lang künstlerisch fürs Hamburg Ballett verantwortlich war, fehlt eben stärker, als die meisten es sich dachten. Bleibt den Ballettfans, sich an der halben Stunde »Serenade« zur erlesenen Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski zu ergötzen. Die junge Wiener Dirigentin Katharina Müllner ist eine Entdeckung: Mit Feingefühl und der Betonung der Kontraste in der Musik gibt sie der bekannten Partitur neuen Glanz.

Und Edvin Revazov – der zudem als Künstlerischer Leiter des Hamburger Kammerballetts soeben eine interessante Premiere mit dem Stück »re:public« auf Kampnagel absolvierte – tanzt in »Serenade« mit Ida Praetorius und Anna Laudere so poetisch, dass man ihren Pas de trois schier endlos wiederholt sehen möchte. Das reißt den Abend raus.

Nächste Vorstellungen: 27.2., 28.2., 5.3

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