Ein Wundertänzer
Von Gisela Sonnenburg
So ist das manchmal in der Kunst. Ein Tänzer erkrankt – und derjenige, der für ihn einspringt, macht die Show zur Sensation. Der Unglückliche heißt James Kirby Rogers. Beim Semperoper Ballett in Dresden arbeitete er hart für die Rolle des »Nijinsky« im gleichnamigen Ballett von John Neumeier. Er tanzte sie schon – doch jetzt hat die Grippe ihn erwischt. Wir wünschen gute Genesung, in aller Ruhe. Denn der Glückliche, der für ihn einspringen durfte, heißt Alexandr Trusch. Das ist dieser Neumeier-Star, der seine unbefristete Stellung als Erster Solist beim Hamburg Ballett kündigte und damit jene Investigationen auslöste, die den Neumeier-Nachfolger Demis Volpi zu Fall brachten. Ist Trusch ein Direktorenschreck?
Trusch gilt als Wundertänzer. Er hat außer einer fulminanten Ausstrahlung das Rüstzeug zum Superstar des Balletts: Muskeln für zwei, Feinmotorik für drei, Anmut für sechs. Oder für sieben? Jedenfalls tanzt er jetzt freiberuflich, mal beim Hamburg Ballett, mal in Tokio – und seit vergangenem Sonntag auch beim Semperoper Ballett.
Nur zwei Tage hatte er Zeit, sich auf diesen Auftritt vorzubereiten. Die Partie kennt er seit 2016, zuletzt tanzte er sie im vergangenen Oktober. Aber sich all die Mammuttänze des Nijinsky in nur 48 Stunden neu einzuprägen, ist eine Meisterleistung für sich.
Waslaw Nijinsky war der berühmteste Tänzer seiner Zeit. Bis zum 10. September 1913, als er eine Kollegin ehelichte. Sein Chef Serge Diaghilew goutierte das gar nicht. Er hatte Nijinsky entdeckt, ihn zum Star gemacht – und zu seinem Geliebten. Fast könnte man sagen: zu seinem Besitz. Richard House, aus Australien stammend, tanzt den Diaghilew mit Behutsamkeit und dennoch mit Unerbittlichkeit; die Beziehung zwischen den beiden Männern im Tanz ist ein erotisch knisterndes Machtspiel.
Das Stück vereint Rückblenden und Erinnerungen, die Visionen und Phantasien Nijinskys. Er verfiel in mentale Finsternis, Diagnose: Schizophrenie. Seine Ehefrau (exquisit und elegant: Svetlana Gileva) hielt zu ihm, aber leicht war das Leben mit ihm nicht. Bis zum Schluss des Stücks kämpft Nijinsky gegen den Wahn. Der Krieg gewinnt, zur elften Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch.
Das aufmerksame Publikum tobte vor Ergriffenheit. Die Semperoper war ja auch restlos ausverkauft. Und wäre der Pressereferent Oliver Bernau nicht so engagiert, ich hätte gar nicht dabei sein können. Großes Lob geht auch an den jungen Dresdner Ballettdirektor Kinsun Chan, der sich als angstfreier Chefdiplomat unter den Tanzbossen entpuppt. Da geht echt was ab!
Nächste Aufführungen: 23., 25., 29.1.
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