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06.06.2026
- → Feuilleton
Traum vom unendlichen Meer
Das Sandro Sáez Trio spielte bei »jW geht Jazz« in der Maigalerie in Berlin
Die Musik ist hier wie ein Strom. Langsam schwillt dieser Strom an, wenn das Sandro Sáez Trio aus Berlin in der Maigalerie der jungen Welt aufspielt. So wie am Dienstag abend, als eine weitere Folge der Reihe »jW geht Jazz« stattfand. Die Berliner Jazzkoryphäe Hannes Zerbe hat die Konzertreihe vor über zwei Jahren ins Leben gerufen und er kuratiert sie auch. Mit Sandro Sáez und seinen Mitspielern Jonas Westergaard am Bass und Nathan Ott am Schlagzeug wählte Zerbe dieses Mal besonders junge Musiker.
Saéz, noch keine 30 Jahre, spielt am Piano und liefert auch die Kompositionen für sein Trio. Das Klavier in der Maigalerie steht für ihn schon vor dem Konzertbeginn offen da: Die vorderen Platten des Instrumentengehäuses sind entfernt. Der Klang wird also ein anderer sein als gewohnt. Dann geht es los. Sáez zupft: ganz zart an den Klaviersaiten, als seien es Harfen- oder Zithersaiten.
Der Bass kommt ihm in verschiedenen Höhenlagen akustisch zu Hilfe. Dezent steuert das Schlagzeug auf die beiden zu: sachte, mit fast vornehm leise schepperndem Becken. Das Zirpen und Scheppern im verhaltenen Modus suggeriert eine künstliche Dschungelwelt. In die Schwüle der Großstadthitze passt diese musikalische Ruhe vor dem Sturm ganz vorzüglich.
Bis sich dunkle Rhythmen vordrängen. Bass und Klavier scheinen latent zu kämpfen, ihre Klangkaskaden werden stärker. Atonales schwimmt obenauf. Bis die aufgestaute Spannung sich entlädt und alles in einen See zu fließen scheint. Cool plätschert darin alles langsam vor sich hin.
Das Idyll währt nicht lange. Aus Ruhe werden Meditation und Hypnose. Eine intensive Stimmung entsteht, ein Gemisch aus lebendigem Strudel an der Oberfläche und dunklem Sog in die Tiefe. Das Schlagzeug dreht nun auch auf – und dann sind es plötzlich drei verschiedene Rhythmen von den drei Instrumenten, die miteinander interagieren. Doch die Kunst der Harmonie der drei Musiker trägt das Ganze. Weich spült der Klang dann ins Aus. Das waren 25 Minuten Jazz, die man sein Lebtag nicht vergessen wird.
Das zweite Stück hat sanfte Akkorde vom Klavier und heftige Vibes vom Schlagzeug zu bieten. Ein minimalmusikalisches Motiv wiederholt sich, das an das regelmäßige Ruckeln in einem alten Zug erinnert. Der Kontrabass hat jetzt das erste große Solo des Abends – und Jonas Westergaard kostet es genüsslich aus. Verspielt und glücklich wie ein kleines Kind klingt er manchmal, dann wieder herb, fast herrschsüchtig. Das sind die zwei Facetten eines Klangkörpers, die sich nur auf den ersten Blick widersprechen.
Smart kommt der Trommelwirbel von Nathan Ott dazu. Sandro Sáez ergänzt die Untermalung mit dem Klavier, bis eine flirrende Nervosität entsteht. Schließlich entpuppt sich Sáez als Impressionist. Man stelle sich ein fiktives Werk von Claude Debussy als Jazzer vor. Ein anmutiger Wasserfall aus Tönen entsteht, und er erhebt sich, bei viel Pedalgebrauch, wie ein illusorisches Konstrukt über den schnöden Alltag.
Dann kommt der Bass. Behäbig-wuchtig drängt er die schwallenden Klangmengen des Pianos in einen Kanal. Quasi wattig schwebend bündelt sich der Sound in der Luft, dann wandelt sich das Spritzige in vereinzeltes Tröpfeln. Es ist wie ein Adieu zu einer lang geliebten Landschaft. »You don’t know until you know« (»Du weißt es nicht, bis du’s weißt«) nennt sich das nächste Stück voller Mystik. Es fängt zwar quirlig an, aber eine unheimliche Atmosphäre ist unterschwellig da. Und das Meer der Klänge füllt sich, bis es nur so sprudelt. Ach, wäre es doch unendlich!
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