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16.03.2026
- → Feuilleton
Fahrstuhl zum Schafott
Die Hamburgische Staatsoper wird ab April 2027 für Renovierungsarbeiten geschlossen
Andere Menschen gehen in die Kirche. Wer Oper oder Ballett liebt, marschiert ins Opernhaus. Den Hamburgern wird dieses Vergnügen in der Spielzeit 2026/27 teilweise genommen: Das Haus nahe der Alster wird wegen Sanierungen und Umbauten mindestens fünf Monate lang geschlossen sein. Weil Klaus-Michael Kühne, Milliardär dank geerbter Firma mit Nazivergangenheit (Kühne und Nagel), Hamburg ein nagelneues Opernhaus aufdrückt – an einem kolonialgeschichtlich belasteten Ort am Hafen –, wirkt diese Pause nicht zufällig. Ganz still werden die Hamburger Oper und das Hamburg-Ballett dennoch nicht: Der Spielplan, der erst am 7. April dieses Jahres offiziell bekanntgegeben wird, sieht Ersatzspielstätten vor.
Es ist durchgesickert, dass das Opernhaus wohl bereits ab April 2027 geschlossen werden soll. Die Hamburger Ballett-Tage, bislang ein Sommerfestival von Weltrang, werden demnach schon im März 2027 stattfinden. Zudem soll, so ist zu hören, danach ein Theaterzelt die Zuschauer anlocken. Ein weiterer Spielort könnte die schon 1985 von John Neumeier für sein Ballett »Othello« genutzte Hamburger Kulturstätte Kampnagel sein.
Aber wofür der ganze Aufwand? »Auf eine Generalsanierung wird bewusst verzichtet«, heißt es in den einschlägigen Unterlagen, auf welche die Hamburger Behörde für Kultur und Medien verweist. Die Begründung darin überrascht: »da die Anforderungen für eine alternative kulturelle Nutzung nicht den hohen Anforderungen an ein Opernhaus entsprechen müssen«.
Das heißt im Klartext: Das alte Opernhaus wird als Opernhaus abgewickelt, bevor mit dem Bau des neuen Hauses überhaupt begonnen wurde. Auch die künftige Nutzung der heutigen Oper ist noch nicht konkret geregelt. Die Rede von »alternativen« Nutzungen ist reichlich vage. Damit dürfte Hamburg wohl die erste Stadt sein, die ihr Opernhaus für eine noch unbekannte Nutzung umbaut. Die Qualität soll dabei vorsätzlich nicht an die bisherige heranreichen. Offenbar hat das Publikum dessen, was dann an Kunst geboten werden soll, geringe Ansprüche. Vielleicht singen die Zuschauer vor allem selbst und hüpfen dabei fröhlich umher? Das würde den vielen Mitmachkursen, die schon jetzt angeboten werden, durchaus entsprechen.
Aber erst mal wird Geld ausgegeben. Zehn Jahre sollen die Umbauten und Sanierungen dauern, für die erste Etappe sind knapp 100.000 Euro veranschlagt. 113.700 Euro wurden derweil »eingeworben«, was für eine hohe Beteiligung privater Geldgeber spricht. Die Reichen haben an der Hamburger Oper sowieso viel zu melden. Das betrifft nicht nur den Milliardär Kühne. So fand die jüngste, teils als desaströs empfundene Ballettpremiere nur dank der Sponsoren und Mäzene unter Führung von Ulrike Schmidt und Berthold Brinkmann statt. Man könnte meinen, sie seien die eigentlichen Herren hier.
Der schlechte Geschmack, der künftig herrschen soll, hielt bereits in die Foyers Einzug. So wurde die früher vom Designer Peter Schmidt elegant gestaltete »Stifterlounge« zum stilistischen Kuddelmuddel, mit billig wirkendem neuen Interieur. Das Plus der Lounge war schon immer ihre große, dennoch gemütlich wirkende Balkonterrasse. Demnächst wird es dort finster: Mit Vorhängen und Schiebetüren soll aus dem ehemaligen raumstilistischen Juwel ein improvisierter Konzertminisaal werden.
Das hehre Treppenhaus wird mit Wandverkleidungen verunstaltet: Schluss mit Schick, scheint die Devise. Ein lila Plastikteppich im Parkettfoyer, ein »Kunstwerk«, hat bereits neue Maßstäbe an Hässlichkeit gesetzt, zusammen mit einer wie im Kindergarten bunt beklebten Wand. An die hohen Decken sollen schallabsorbierende Flächen angebracht werden, damit sich DJs und andere Helden der Klangkunst austoben können. Nur der Fußboden, dessen heller Marmor eine neue Politur brauchen könnte, steht nicht im Sanierungsprogramm.
Nicht einmal die Fassade des denkmalgeschützten Kulturhauses bleibt verschont: Ein Außenfahrstuhl mit gleich zwei Kabinen soll zur Kleinen Theaterstraße hin gehbehinderten Zuschauern den Zugang erleichtern. Das ist insofern seltsam, als es bereits einen Fahrstuhl im Innern gibt, der mit dem Rollstuhl gut erreichbar ist. Aber vielleicht sind Transportmittel für mindestens drei Rollstühle wirklich besser. Ein anderer Grund für die Schließung 2027 liegt nah der Bühne: Die Podien der Musiker im Orchestergraben, Einzelteile sind bis zu 70 Jahre alt, sollen erneuert werden. Rund fünf Monate lang. Die Hamburger Bürgerschaft nickte all das ab.
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