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Ballett

Es wird immer bunter

Hochkarätiger Klamauk: »Wunderland« von Alexei Ratmansky am Hamburg Ballett

Foto: Kiran West/Staatsoper Hamburg
Wo sie auftauchen, wird gestritten: Tweedledee und Tweedledum und dazwischen die arme Alice (Olivia Betteridge)

Am Anfang bezaubert die Poesie der Natur: Ein Grashügel mit Blumen prangt in der Bühnenmitte, darüber schweben Falter durch die dunkle Sphäre. Surrealität trifft auf die Liebe zum Natürlichen – ein schöner Einstieg ist das, den sich Starchoreograph Alexei Ratmansky, ehemals Künstlerischer Leiter des Bolschoi-Balletts in Moskau und heute in New York City lebend, für seine jüngste Kreation namens »Wunderland« erdachte. Erstmals hat er beim Hamburg Ballett ein Werk einstudiert, es wurde gleich eine abendfüllende Uraufführung. Das seit 1865 beliebte Kinderbuch von Lewis Carroll »Alice im Wunderland«, nebst Fortsetzung »Alice hinter den Spiegeln«, bildet die Grundlage der skurril-verrückten Szenen, die sich aus dem Anfangsbild entwickeln. Zum Auftakt der 51. Hamburger Ballettage fand am vergangenen Sonnabend die Premiere statt.

Die Aufführung steht und fällt mit der Besetzung der Hauptfigur. Das der kindlichen Unschuld verpflichtete Mädchen Alice – bei der Premiere fabelhaft verkörpert von Olivia Betteridge – entert bei Ratmansky mit einem Purzelbaum den Bühnenraum. In unbeholfenen Schritten stellt sie sich und ihre Neugierde auf die noch unbekannte Welt vor. Prompt erscheint, gleichsam als Ausgeburt der kindlichen Phantasie, ein »weißes Kaninchen« in Gestalt von Aleix Martínez. Unter Fellohren und flauschiger Maske zeigen sich die schnellen, präzise springenden Beine des Tänzers. Rasch ist Alice von dem knuddeligen Typen verführt – und verschwindet mit ihm im Hasenbau, auf der Rückseite des Hügels.

Zwar geht es hier mal nicht ums Erwachsenwerden, obwohl die Story oft so interpretiert wird. Aber den Spaß, den Alice sich erhofft, den findet sie – und sie bleibt damit nicht allein. Zu Musik von Bach geht es erst einmal psychedelisch, dann auch erhaben zu. Tänzer in Leotards tanzen in einem Paralleluniversum: Ein Himmel für alle Fälle ist das. Dann ist aber schon Tag der geschlossenen Türen. Ein Tanz von Türen führt dazu, dass eine Tür mittels Projektion auf bedrohliche Übergröße anwächst. Damit ist Alice plötzlich so klein, wie sie sich heimlich fühlt.

Leider wird die Psychologie der Szene nicht ausgekostet. Man sieht das Bild, erkennt etwas, möchte mehr davon sehen – da ist es schon vorbei. So geht es fort: Clownesk-absurde Szenen ergeben eine kunterbunte Revue kindlicher Träume und Albträume. Ratmansky hat dabei die Fantasyfiguren von Lewis noch überspitzt. Ein drachenartiges Einhorn und eine Krabbe mit gleich vier Winkerarmen tanzen in Spitzenschuhen, ebenso eine Taube, deren Rieseneier im Nest von einer Amsel stammen dürften, denn sie sind bläulich und gesprenkelt. Die menschlichen Figuren reichen von dickleibigen Köchen über Könige bis zu Gärtnern.

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Der Schönheitsfehler: Sie alle haben mit Alice zu tun und doch wieder nicht. Beziehungen gibt es eher nicht, Gefühle bleiben an der Oberfläche. Mit einer Ausnahme: Tweedledum und Tweedledee, von Francesco Cor­tese und Louis Musin virtuos dargestellt, verkörpern Brüder, die im kämpferischen Zwist leben und damit Alice zum Weinen bringen. Man erkennt eine Allegorie der Bruderstaaten im Ukrai­ne-Krieg.

Aber wenn die Herzkönigin mit dem Henker am Herzbuben – der offenbar auch noch ein Verhältnis mit dem Herzkönig hat – eine Blutorgie veranstalten will, kommt Alice über kurzes Erschrecken nicht hinaus. Dafür wird es immer bunter. Raubkatzen, eine Raupe, Plüschflamingos, ein Igel, Meerschweinchen, Vögel aller Art, eine Maus, noch eine Maus, ein Märzhase, eine Eidechse, ein Fisch, ein Frosch sowie etliche Hummer und eine »falsche Schildkröte« bebildern den ersten Teil. Im zweiten kommen Tigerlilie und Schachfiguren, eine Mücke, eine Bremse, eine Fliege, eine Rose, ein Veilchen, ein Gänseblümchen und weitere Blumen dazu.

Schließlich sitzt Alice im Kahn einer strickenden Ziege, die zuvor ihren Bräutigam suchte. Tanzende Blumen, vereint als Corps de Ballet, schenken Alice Blumensträuße. Der Clou ist ein Roboterferkel, das wie ein Wickelkind verpackt ist. Und ein elegantes Ballett aus Pilzen zu wabernden Synthiklängen erinnert an die Silhouette von Frauen um 1900. Tänzerische Brillanz auf klassischer Grundlage wechselt hier oft mit Slapstick und drastischer Mimik. Der erfahrene Dirigent Vello Pähn sorgt für reibungslose Livebegleitung mit einem Klassikmix.

Man fragt sich nur, was all der Nonsens soll. Der technische Aufwand – Kostüme: David Szauder, Bühnenbild: Sebastian Hannak – ist enorm. Man spricht von einem Rekord beim Hamburg Ballett. Aber lohnt die Mühe? Einerseits sorgt die Show für gute Stimmung. Es ist Kindertheater für Erwachsene. Andererseits wird ­Alice am Ende aus ihrer eigenen Traumwelt zurück in die Realität beordert, ohne eine nennenswerte Entwicklung durchlebt zu haben. Hier wünscht man sich, Ratmansky könnte noch nachbessern und einen nachhaltigeren Schluss entwickeln. Der Beifall war trotz des abgehackten Endes bei der Premiere stürmisch.

→ Nächste Aufführungen: 26.6., 2.7.

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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