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Literatur

Kommt, ins Offene!

Der Weg ins Wünschenswerte: Stefan Gärtners Roman »Hotel Drei Jahreszeiten«

Foto: Anika Kempf/Literaturverlag Droschl
»Es gab da mal ein Buch oder einen Film oder einen Film nach einem Buch oder ein Buch zum Film« – Stefan Gärtner, August 2014

Analyse, Kritik und Polemik sind das Hauptgeschäft des außer für die junge Welt unter anderem für Konkret und Titanic schreibenden Journalisten und Schriftstellers Stefan Gärtner. In seinen politischen Essays fängt er in langen, komplizierten Sätzen eine komplizierte – und schon lange lastende – Realität ein und bringt sie auf den Punkt, der eine Pointe sein kann.

Ebenso regelmäßig richtet er sein Auge auf literarische Neuerscheinungen, und fast ebenso regelmäßig fällt sein Urteil ungünstig aus. Nun lautet ein bekanntes Vorurteil, dass Rezensenten zwar wissen, wie’s geht, es selber aber nicht können. Volkstümlich ausgedrückt: Wenn du so schlau bist, dann mach es doch besser!

Stefan Gärtner ist so schlau und macht es besser. Er, der im Tagesbetrieb als politischer Kommentator und Literaturkritiker oft mit schwerem Gerät arbeitet, geht hier mit leichter Hand zu Werke, oder präziser gesagt: Wie jedem erstklassigen Kunstwerk sieht man auch seinem Roman »Hotel Drei Jahreszeiten« die Arbeit nicht an, die dahintersteht.

Die Handlung ist schnell skizziert, vier Personen stehen im Zentrum: Die Buchhändlerin Carla interessiert sich für ihren neuen Nachbarn Kramer. Der hat gerade einen alten Mercedes geerbt, und als ein fehlgeleiteter Brief beide zu dem Studenten Carlo führt, der sich in ein Lissabonner Zimmermädchen verliebt hat, machen sich die drei in Hannover spontan auf die Reise, auf der sie in Belgien noch die Schreinerin Rosalie auflesen.

Dass diese Konstellation auch humoristisch konzipiert ist, deutet schon der Gleichklang jener zwei Namen an, und dass die eine »Göring« heißt und der andere »Göbbels«, ist fast ein bisschen platt und bleibt der einzige Witz diesen Kalibers. Nicht solche Scherze sind stilprägend, sondern ein freundlicher, manchmal melancholischer Ton (fährt man doch nach Portugal, dem Land der »Saudade«, und es geht um Liebesglück oder -unglück!) prägt die gut komponierte und sorgfältig austarierte Geschichte. Der Kunstgriff, als Erzählerin auch Carlas Freundin, eine Psychotherapeutin, dazwischenzuschalten, sorgt nicht nur für geschickt gesetzte Pausen und regelgerechte Cliffhanger, sondern auch für eine sensationelle Schlusswendung. Ein Zufall, der irregeleitete Brief, macht den Anfang, ein anderer Zufall macht den Beschluss – und rundet alles ab.

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Die Handlung, die mancherlei kleine Kurven nimmt; das Thema Liebessehnsucht, das nicht aus den Augen gelassen wird, aber nie alles ist – sie sind der notwendige Grund, auf dem eine Fülle kluger Sätze und origineller Bilder wächst. »Ich könnte meine Jugend verschwendet haben, weil ich unfähig war, sie zu verschwenden«, sinniert die Erzählerin. »Sie wusste, dass Pläne, die in betrunkenen Nächten schimmern wie Strände bei Mondlicht, am Morgen nach dem Fest wie der Morgen wirken, bevor die Strandreinigung dagewesen ist«, so Carla nüchtern; beschickert hingegen ist Kramer: »Er lallte nicht geradezu, behandelte die Konsonanten aber wie eine Mutter, der es schwerfällt, ihre Kinder loszulassen.«

Man könnte einwenden, dass die Lust zum Kommentar, zur Einordnung, den Autor manchmal Überflüssiges anfügen lässt, etwa: »›Einverstanden‹, sagte ich, weil sie recht hatte.« Oder: »Sie schwiegen, als sei damit alles gesagt, und vielleicht war es das auch. Natürlich war die Reise hier zu Ende, das unterlag keinem Zweifel.«

Allerdings unterliegt es ebensowenig einem Zweifel, dass ein realistischer Roman gewöhnliche Gespräche und Gedanken einfangen oder erfinden muss. Dieses alltägliche, notwendige Blabla brauchen und produzieren sogar die klügsten Köpfe – und die, die ganz normal ticken wie die vier Reisenden, sowieso. Es ergibt sich, dass Carlo keinen Führerschein hat: »Ach, hatte Kramer nur gesagt und einen Lkw überholt. Das falle ihm ja früh ein. Das hätte er, Carlo, aber auch gleich sagen können. Das wäre ja nun nicht schlecht gewesen, das früher zu erfahren!«

Manches muss man mehrmals sagen, damit es ein für alle Mal gesagt ist. Selbst dann ist es wichtig, wie es gesagt oder besser: wiedergegeben, richtig: erzählt wird. Stefan Gärtners Kunstgriff ist der Konjunktiv, um Gespräche in indirekte Rede aufzulösen und trivialen Sachverhalten den Stempel des Nichtalltäglichen, Nichtkonformen aufzudrücken.

Ist es nicht die Möglichkeitsform, sondern der Indikativ der ungeschminkten Tatsachen, dann erlaubt es Gärtners sanft dahinfließendes Parlando, den Abstand vom gelebten Einerlei zum Wünschenswerten, einem ungenannt Besonderen erkennbar zu machen: »Etwas passiert, etwas anderes unterbleibt, etwas war so und nicht anders, und schon backen wir Brötchen, verkaufen Autos oder sitzen den lieben langen Tag auf einem Stuhl und hören uns die Probleme fremder Menschen an.«

Die Überraschung: Die eigenen Probleme können der Anstoß sein, in die Puschen zu kommen, ins Auto zu steigen und von Hannover nach Portugal, ins Offene auf-, ja auszubrechen.

Stefan Gärtner: Hotel Drei Jahreszeiten. Dröschl-Verlag, Wien 2026, 256 Seiten, 24 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.07.2026, Seite 11, Feuilleton

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