Die Aufholjagd beginnt: »Fearful Symmetries« am Staatsballett Berlin
Mit kräftigem Paukenschlag beginnt sie, die »Symphony in C«. Dazu strecken zehn bildschöne, junge Tänzerinnen synchron je eines ihrer Beine vor. Man hat kaum Luft geholt, schon sind Spannung und Dynamik da – das ist typisch für die Ballette von George Balanchine, dem gebürtigen Russen, der erst in Paris bei den »Ballets Russes« wirkte und dann in New York City das US-amerikanische Ballett neu gründete. Das Staatsballett Berlin tanzt sein 1947 noch unter dem Titel »Palais de Cristal« in Paris uraufgeführtes, geniales Stück als ersten Teil des neuen Programms »Fearful Symmetries«. Bei der Premiere am letzten Sonnabend in der Staatsoper Unter den Linden begeisterten die Stars und Solisten ebenso wie das akkurat auf Linie gebrachte Corps de ballet.
Mit viel Eleganz bilden die Körper geometrische Muster, um die schwelgende Musik von Georges Bizet in Bewegung umzusetzen. Das Tanzgeschehen richtet sich überwiegend nach den Regeln des klassischen Tanzes, entspricht dem Stil der Neoklassik. Spritzige, schnelle Schritte wechseln mit ausladenden großen Gesten im Adagio.
Die Solistenpaare bezaubern: Iana Salenko und David Motta Soares, Polina Semionova und Martin ten Kortenaar, Marina Duarte und Jack Easton (die Nachwuchstalente des Abends) sowie – mit besonderer Lebensfreude im Ausdruck – Haruka Sassa und Kalle Wigle. Insgesamt grüßt das Stück, bei dem die Damen in glitzerndes Weiß und die Herren in funkelndes Schwarz gewandet sind, aus einer anderen Welt. Es ist eine Utopie, von der die Körperkünstler erzählen, und es geht um Frieden, Schönheit, Wahrhaftigkeit.
Feiert man hier noch das helle Licht, so steuert der Berliner Ballettintendant Christian Spuck mit »Fearful Symmetries« eine extravagante, düstere Szenerie als zweiten Teil bei. Spucks Muse Weronika Frodyma verkörpert darin eine »Queen«, die mit männlichem Gefolge ein urtümliches Theaterquartett bildet. Ein Clown, ein Liebhaber, ein »Alchemist«, also Wissenschaftler, sind dabei. Ihre Kritiker hat diese Königin vermutlich eingekerkert.
Die »furchterregenden Symmetrien« entstammen der gleichnamigen Musik von John Adams, einem Meisterwerk. Adams bezog sich 1988 wiederum auf eine Gedichtzeile von William Blake von 1794. Darin wird der tödliche Schrecken in den Augen des Tigers beschworen, der nachts sowohl Jäger als auch Opfer sein kann. Die Musik setzt diesen Existentialismus eines Moments um. Schnelle, pochende, harte Rhythmen treffen auf Minimal Music, Jazz, Klassik, Keyboards. Der ohnehin als einer der weltbesten geltende Ballettdirigent Paul Connelly erweist sich hier als absoluter Könner, er zwingt nachgerade in die Faszination.
Die Steigerungen der Musik ignoriert der Tanz häufig. Aber das Leitsymbol goldener Kugeln (ohne Froschkönig), für Macht und Reichtum stehend, beherrscht manchmal die Bühne. Die Kostüme von Emma Ryott betonen mit festlich durchwirktem Schwarz gegen moderne Buntheit die Trennung zwischen dem höfischen Quartett und den weiteren Paaren. Und das Staatsballett Berlin holt mit diesem Abend endlich auf.
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