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WM-Kolumne

Kritik

Gras

Foto: IMAGO/imagebroker
Die Medienkritik ist tot

Ich rede ab und zu wohl ein bisschen viel von mir, das kann den Eindruck von Eitelkeit erwecken. Es lässt sich jedoch an Hand der eigenen Erfahrungen im Freiberuflergeschäft womöglich das eine oder andere illustrieren.

Bis vor ungefähr zehn Jahren konnte ich mich vor Anfragen zu medienanalytischen und -kritischen Sujets kaum retten. Das reichte von der Frankfurter Rundschau über den Spiegel bis zum WDR, zum SWR, zum HR, zum Grimme-Institut, zu Bildungseinrichtungen, zu städtischen Theatern. Ich musste nichts anbahnen. Das Telefon klingelte und klingelte. Das war komfortabel und eine erfreuliche Tätigkeit, und nicht ein einziges Mal wurde eine Formulierung geändert. Ich durfte mit Nietzsches Hammer hantieren, gut zwanzig Jahre lang.

Auf einen Hieb brach alles ab. Ein wenig länger hielten noch Jörg Wagner vom RBB und eine fabelhafte, integre leitende Redakteurin vom Deutschlandfunk zu mir, bis sie intern derart viel Dampf bekam, dass sie mir mitteilen musste, meine Beiträge seien »leider nicht mehr zeitgemäß«, das sehe nun eine Mehrheit in der Redaktion so, und sie sei keine Diktatorin.

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Einem engen Freund vom Schweizer Kulturradio – er ist fest angestellt – ergeht es genauso. Die neue Generation von Mitarbeitern setze Leuten, die Nebensätze verwenden, hart zu, von der Gesinnungsprüfung zu schweigen. Der Spaß an Ironie und Krawall sei verflogen, selbst die letzten spärlichen Spuren davon zögen nervtötende Konferenzdebatten nach sich, und für unberechenbare Zuträger (wie mich) sei der Zug abgerauscht.

Der Niedergang der »Leitmedien« spiegelt sich im Niedergang der Medienkritik. Die Medienkritik ist tot. Im Kartell der »Qualitätsmedien« sind Spott und verdiente Häme über die milieuinterne Konkurrenz verpönt. Für das, was weiterhin gelegentlich in SZ und FAZ erscheint, hielt die Poplinke in den Neunzigern das pejorative Etikett »inhaltistisch« parat, als Signum einer an Erzähltechniken, an der Bildsprache nicht interessierten, spießigen Larifarerei. Heute kriechen die Reste der Medienkritik auf der Schleimspur des Inhaltismus daher: die Guten hier, das Böse da. Sin’ wir alle froh, die Angelegenheit »eingeordnet« zu haben.

In der Bild lese ich eine »TV-Kritik« von Michael Makus: »Schweini wirkt vor Anpfiff ungewohnt hibbelig und phrasenschweinig.« Das grenzt schon an Avantgardismus. Man verstehe also eventuell, dass ich der jungen Welt und dem Toppersonal des Feuilletons von Herzen dankbar bin.

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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