Gruß von der Decke
Zum 110. Geburtstag würdigt das Solinger Zentrum für verfolgte Künste die Dada-Bewegung mit einer Ausstellung. Der Auftritt von Einstürzende-Neubauten-Sänger Blixa Bargeld im Begleitprogramm passt ins Bild
Blixa Bargeld kreischt wie ein Vogel. Der Meistersaal des Zentrums für verfolgte Künste in Solingen ist bis auf den letzten Platz gefüllt. »Sperren Sie endlich Ihren Kopf auf!« fordert die Ausstellung zum 110. Geburtstag der Kunstbewegung Dada, und nun steht er barfuß da, der Sänger und Performer aus Berlin und kreischt, während sein silbern glitzernder Lidschatten den durchdringenden Blick betont. Zwischen den Weltkriegen in Zürich gegründet, war der Dadaismus künstlerisch stets kaum greifbar, entzog sich jeder Kategorie, gar dem damaligen Kunstverständnis an sich. Dada war alles und nichts in der Form, bunt, laut, provokant im Auftritt, vor allem aber der Stachel im Fleisch der Eliten, im Inhalt. Dada war anarchistisches Streben nach Veränderung, blieb jedoch in einer Welt voller Gewalt stets gewaltlos. Seit zehn Jahren würdigt das Zentrum für verfolgte Künste all jene Künstlerinnen und Künstler, die durch Diktaturen und totalitäre Regime verfolgt wurden, in ihrem Schaffen eingeschränkt, aufgehalten, unterbunden. Deren Kunst Verboten und Zerstörung ausgesetzt war. Und gibt denjenigen einen Raum, die diese Erfahrungen heute noch machen müssen. In zehn thematischen Feldern wird noch bis zum 13. September unter anderem von John Heartfield, Marta Hegemann, Hannah Höch und Kurt Schwitters die Geschichte Dadas anhand der Missstände der Weimarer Republik erzählt. »Wir suchten eine elementare Kunst, die den Menschen vom Wahnsinn der Zeiten (...) heilen sollte«, wird Mitbegründer Hans Arp, als Maler, Bildhauer und Lyriker bis in die 1960er-Jahre aktiv, zitiert.
»Hunger«, »Bettlerin«, »Schlachtfeld«, »Apeothese des Kriegsvereins« – die Namen der Zeichnungen von Rudolf Schlichter, Georg Scholz oder George Grosz geben die thematisch abgedeckten Leiden einer Gesellschaft vor, die unter Auswirkungen des Ersten Weltkriegs litt. Etwa Arbeitslosigkeit und Reparationsforderungen, grassierender Inflation, politischer Instabilität und korrupten und selbstverliebten Politikern und Bonzen. Die nach der Novemberrevolution gemachten Versprechungen entpuppten sich als unerfüllte Träume der vielen. So vielfältig wie die Themen, ist deren künstlerische Produktion: Dada ist Literatur und Lyrik, ist Malerei und Fotografie, ist Zeichnung und Collage, Grafik, Skulptur, Performance, Musik und Bühnenstück.
Das eindrücklichste Werk grüßt von der Decke – »Der preußische Erzengel«, eine von Heartfield und Schlichter in graue Militäruniform gekleidete Schaufensterpuppe, dekoriert mit einem Eisernen Kreuz und einer Schweinemaske als Kopf. Die Oberen drangsalierten auch die Dadaisten, wegen der Puppe mussten sich deren Erschaffer vor Gericht verantworten. Der Vorwurf: Beleidigung der Reichswehr. Denn trotz der ersten demokratischen Verfassung und keiner offiziell repressiven Gesetzgebung wurden die Anhänger der Bewegung schon vor den Nazis durch die Machthabenden schikaniert. Die Ausstellung dürfte also auch so manchem die Augen öffnen, der glaubte, vor 1933 wäre freie Meinungsäußerung eine Selbstverständlichkeit gewesen. Da war Dada längst vorbei: Die Eröffnung des Cabaret Voltaire in Zürich – in den 1970er-Jahren Namensgeber der einflussreichen britischen Industrial- und Elektronikband aus Sheffield – am 5. Februar 1916 gilt als Geburtsstunde der Bewegung. Das letzte Dada-Soirée in Zürich fand bereits 1919 statt, in Paris war Dada 1924 mit dem »Manifest des Surrealismus« endgültig beendet.
Blixa Bargeld teilt das Publikum.
Der Sänger der Einstürzenden Neubauten im Begleitprogramm, das passt, nicht nur, weil ebender sich bei seinem Künstlernamen einst vom Kölner Dadaisten Johannes Baargeld inspirieren ließ. So, wie die Dadaisten den Bruch mit den bestehenden gesellschaftlichen und künstlerischen Traditionen suchten, schickten sich auch die Künstlerinnen und Künstler der Punk-/New-Wave-/Avantgarde-Szene, der die Neubauten entstammen, an, den Ballast der Vergangenheit hinter sich zu lassen, Neues zu kreieren und die Grenzen des mach- und sagbaren zu verschieben.
Gerade Bargelds Band definierte durch ihre Verwendung von Metallschrott und Baustellenmaterialien, Presslufthämmern und Bolzenschneider das, was unter Musik verstanden wird, völlig neu. Blixa Bargelds Solo-Performance nennt sich »Geeichte Ichung«, sein Hauptinstrument ist seine Stimme. Der Künstler hat zwei Loop-Maschinen mitgebracht, mit denen er Teile seiner Erzählungen, Schreie, Laute und andere Töne aufnimmt, repetitiv wiedergibt und in seine Performance einfließen lässt. Bargeld berichtet von seiner umständlichen Anreise bei der er und sein Soundengineer Dank der Deutschen Bahn die fast 600 Kilometer nach Solingen per Mietwagen hätten zurücklegen müssen. Er baut das Sonnensystem akustisch nach, dann beschäftigt er sich wiederum mit der Doppelhelix der DNA.Bargelds Live-Kompositionen aus Versatzstücken türmen sich mehr und mehr ins Hypnotische auf, um dann wieder abrupt in sich zusammenzufallen.
Die Darbietung läuft zuerst schleppend an, es dauert eine Weile bis Künstler und Publikum zueinander finden. Außerhalb des Meistermacher-Saals hingegen kritisieren die Dadaisten nicht nur, sie verändern auch aktiv. Etwa das damalige Körper- und Rollenbild: Die dargestellten deformierten Leiber laufen konträr zu dem Idealbild des wehrfähigen Körpers, Figuren mit Prothesen dekunstruieren den Soldatenmythos, Bubikopf und kahl rasierte Schädel erweitern das bestehende Frauenbild. Aspekte, die in der Ausstellung eher am Rande behandelt werden; die Gewichtung ist deutlich zugunsten Kriegskritik verschoben. Auch sind die ausgestellten Werke in der Mehrzahl von männlichen Künstlern, hier wiederum sticht vor allem John Heartfield heraus. Jeder Besucher findet sicher einen Aspekt, der sich aus seiner Sicht lohnen würde, zu vertiefen. Etwa Dada in der Musik. Oder die einzelnen lokalen Szenen der Bewegung. New York etwa wird zwar als deutlich unterschiedlich von den europäischen Szenen benannt, aber nicht weiter behandelt. Der Einfluss von Dada in die Gegenwart wird quasi ausgespart. Aber Ausstellungen folgen keiner Chronistenpflicht, es obliegt den Kuratoren, eigene Schwerpunkte festzulegen. Die hier gewählten sind schlüssig, edukativ, erleb- und erfahrbar. Und alles andere als unsinnig – aber das, ist Dada sowieso nur auf den ersten Blick.
Blixa Bargeld verbeugt sich.
»Sperren Sie endlich Ihren Kopf auf! Dada als politische Kunst zwischen den Weltkriegen« –Zentrum für verfolgte Künste, Wuppertaler Straße 160, Solingen, bis 13. September 2026
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