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Kriegsgrund gesucht
Der Spiegel stellt sich in den Dienst Israels und lanciert die Erzählung, Teheran baue »wieder« an der Atombombe. Fakten interessieren weniger
Der Spiegel haut gewaltig daneben, liegt damit aber im Trend. Das ausschließlich aufgrund früherer Verdienste unter Blattgründer Rudolf Augstein »legendären« oder wenigstens »angesehenen« Hamburger Nachrichtenmagazins machte am Montag online mit einem Text auf, der schnell wieder aus dem Blickfeld entfernt wurde: »Vor der zerstörten Atomanlage Taleghan 2 stehen schon die Baukräne.« Und im Teaser hieß es raunend weiter: »Satellitenbilder zeigen, dass die Reparaturen an einer mutmaßlichen Nuklearanlage bereits begonnen haben.« Fazit des Artikels: Die Islamische Republik ist trotz schwerer Militärschläge der Gegenseite schon wieder zurück auf dem Weg zum Bau eigener Atomwaffen.
Zweimal sei die Anlage Taleghan im militärindustriellen Komplex Parchin vom israelischen Militär zerstört worden, im Oktober 2024 und bei mehreren Angriffen im Frühjahr 2026, hieß es beim Spiegel – doch erneut schreite der Wiederaufbau der Anlage voran. Ein Konglomerat von Unterstellungen und unbewiesenen Schlussfolgerungen. Das mag im heutigen Medienbetrieb völlig normal erscheinen. Aber im Fall des Spiegel-Artikels kommt hinzu: Das Stück kam »aufgepeppt« daher und gebärdete sich als aktuelle Nachricht. Doch im wesentlichen war es nicht mehr als die unkritische Nacherzählung eines Textes, den David Albright schon am 10. Juli publiziert und in einem von der Zeit am 11. Juli veröffentlichten Interview auch dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht hatte. Und die scheinbare Sensationsgeschichte des Autorinnentrios enthielt über dessen Darstellung hinaus keine neuen Informationen. Es gab zu diesem Zeitpunkt keinen erkennbaren Anlass, mit dieser alten Geschichte »groß rauszugehen«.
Albright ist Physiker und Atomwaffenexperte. Zwischen 1992 und 1997 arbeitete er für die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien, mit dem wenige Jahre später relevanten Arbeitsgebiet, Kriegsgründe gegen Irak zu konstruieren. Schon in dieser Zeit wurde er Leiter des 1993 von ihm gegründeten Institute for Science and International Security (ISIS) in Washington. Sein Hauptthema seit vielen Jahren: Gegen das iranische Atomprogramm gerichtete »Analysen«, die sich meist weitgehend mit den gleichzeitigen israelischen Erzählungen decken. Albright hütet sich allerdings davor, durch Übertreibungen und Ungenauigkeiten seinen wissenschaftlichen Anspruch zu gefährden.
Die namentlich genannten drei Autorinnen, von denen bisher nur Anna-Sophie Schneider mehrmals als Koautorin von Artikeln zum Iran-Krieg auftauchte, oder wer auch immer sonst, haben das von Albright übernommene, mittlerweile über 50 Tage alte Material, das sie fälschlich als brandaktuell kostümiert haben, ein bisschen »aufgepeppt«. Diesen Ausdruck – wörtlich sagte er »sexed up« – verwendete der damalige britische Premier Tony Blair im Jahr 2003, um die dramatisierende Stilisierung der Vorwürfe zu kennzeichnen, mit denen der US-amerikanisch-britische Überfall auf den Irak gerechtfertigt werden sollte.
Dieses »Aufpeppen« beginnt bei den in der Überschrift erwähnten »Baukränen« vor Taleghan 2. Albright sprach jedoch nur in der Einzahl und erwähnte in seinem Artikel vom 10. Juli ebenso wie in seinem Interview mit der Zeit vom folgenden Tag lediglich »a large crane« (»einen großen Kran«). Zur Frage, ob dort irgend etwas gebaut wird, äußerte Albright sich vorsichtig. Was er aufgrund von Luftaufnahmen aus dem März, Juni und Juli 2026 beschrieb, war augenscheinlich nur das Forträumen von Trümmern und das Ausgießen von drei Einschlaglöchern im Dach der Anlage mit Beton. Alles übrige ist für die Satellitenkameras unsichtbar und wird nur von Spekulationen gespeist.
Der verunglückte Spiegel-Artikel liegt trotzdem in einem vor allem von Israel ausgehenden Trend, faktenschwache Erzählungen über eine angebliche »Wiederaufnahme der iranischen Atomwaffenentwicklung« zu lancieren. Die Konsequenzen könnten weitreichend sein. US-Präsident Donald Trump sah sich am Montag veranlasst, während einer Pressekonferenz den Einsatz von Atomwaffen gegen Iran auszuschließen. Für Israel sprach er dabei selbstverständlich nicht.
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