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Nach Einreise in Tel Aviv verschwunden
Israelischer Exilkommunist Kirpichenok von Geheimdienst festgenommen
Wenn Israel wirklich ein demokratischer Rechtsstaat wäre, würde es ein lehrreiches Beispiel darstellen, was in einem solchen Staat legal möglich ist. Am 2. August wurde einer seiner Bürger, Artem Ivanovich Kirpichenok, der mit einer Passagiermaschine aus der armenischen Hauptstadt Jerewan auf Tel Avivs Ben-Gurion-Flughafen gelandet war, nach der Passkontrolle festgenommen und in ein Verhörgefängnis des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet gebracht.
Das ist durch Mitteilungen der israelischen Anwältin Inna Led, die seine Rechtsvertretung übernommen hat, bekannt. Über die Hintergründe der Inhaftierung kann oder darf sie nichts sagen. Seine Familie, seine Freunde, Genossen und Bekannten in Russland haben seit dem 2. August keinen Kontakt zu Kirpichenok. Von seiten der israelischen Staatsorgane gab es zehn Tage nach der Festnahme keinerlei Mitteilung. Nicht einmal eine Bestätigung des Vorgangs, geschweige denn eine Begründung.
Die Umstände sprechen dafür, dass dem 1975 in Leningrad Geborenen, der sowohl die israelische als auch die russische Staatsbürgerschaft besitzt, in erster Linie seine Reisen in den Iran 2018 und 2022 zum Vorwurf gemacht werden. Über beide Besuche hat er öffentlich berichtet. Nach dem schon 1954 eingeführten Gesetz zur »Vorbeugung gegen Infiltration« könnte mit diesen Reisen eine Gefängnisstrafe von bis zu sieben Jahren begründet werden. Noch ernster würde es, falls die israelischen Behörden eine Anklage wegen Spionage und Landesverrats konstruierten.
Kirpichenok hat in seiner Jugend rund 15 Jahre in Israel gelebt. Aus biographischen Bemerkungen zu seinen Veröffentlichungen lässt sich diese Zeit recht gut zusammentragen. 1991 war er mit seinen Eltern nach Israel ausgewandert. Er leistete dort den Pflichtwehrdienst ab und studierte anschließend an der Hebrew University in Jerusalem, wo er 2003 als Historiker den akademischen Doktorgrad erlangte. Zwischen 2002 und 2005 war Kirpichenok parlamentarischer Mitarbeiter der heute 85jährigen jüdisch-russischen Knesset-Abgeordneten Tamar Gozansky von der Chadasch-Partei. Einfach und praktisch gesprochen war und ist das die KP Israels, die seit vielen Jahren als Teil von Listenverbindungen mit der arabischen Partei Ta’al auftritt. Kirpichenoks damalige Veröffentlichungen lassen nicht den geringsten Zweifel, dass er als Kommunist gegen den Kapitalismus und als Antizionist gegen das real existierende Israel argumentierte. Um das Jahr 2006 herum verlegte er seinen Hauptwohnsitz zurück nach Russland.
Die Künstlerin und Autorin Nika Dubrovsky hat, gewissermaßen als Akteurin und Repräsentantin einer »bunten Gegenkultur« innerhalb Russlands, dem Gefangenen des Schin Bet, den sie »Freund« nennt, einen Text im Onlinemagazin Counterpunch gewidmet. Am Montag schrieb sie darin, Kirpichenok sei ein ganz lieber und freundlicher Mensch, der keiner Fliege etwas antun könne. Falls dies aber so verstanden würde, dass er nicht auch noch der Kämpfer ist, der er vor 20 Jahren war, wäre das falsch.
In den Artikeln, die Kirpichenok in den letzten Jahren vor allem auf linken Websites und in Zeitschriften im früheren Gebiet der Sowjetunion veröffentlichte, ging es unter anderem um die aggressive Formierung Israels gegen die Türkei, die zum neuen Hauptfeind des jüdischen Staates stilisiert wird, um den Vergleich der Behandlung der arabischen Israelis mit der ehemaligen Apartheidspolitik im rassistischen Südafrika und um die Selbstwahrnehmung Israels nach der Eröffnung des Rachefeldzugs gegen die Bevölkerung des Gazastreifens. »Die ganze Welt hasst uns, und wir sind stolz darauf«, lautete der Titel eines seiner Texte. Nach seiner Reise in den Iran 2018 schrieb er mit klarem Blick in die Zukunft: »Als israelischen Bürger interessiert es mich sehr zu sehen, wo unsere Bomben fallen, und meinen Landsleuten Informationen über das Alltagsleben in einem Land zu bringen, das den Israelis sogar noch fremder zu sein scheint als die Sowjetunion den Amerikanern in den 1950er Jahren.«
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