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Warum verspottet Milei Menschen mit Schulden?
Die Verschuldung ist in Argentinien ein kollektives Problem, sagt Oriana Fernández
Sie sind 24 Jahre alt und wollen ein Studium aufnehmen. Aktuell arbeiten Sie in der Textilbranche und als freiberufliche Designerin. Wann haben Sie angefangen, Schulden zu machen?
Ich habe mich letztes Jahr getrennt. Ich musste viel Geld zusammenkratzen, um eine Wohnung in der Stadt zu mieten. Ich bin mit meinem Sohn dort eingezogen. Mein Gehalt wurde eingefroren. Seit über sechs Monaten haben wir trotz Inflation keine Erhöhungen mehr bekommen. Außerdem hat das Unternehmen, für das ich arbeite, viele Mitarbeiter entlassen. Ich habe eine Wohnung gemietet. Für die Kaution musste ich mir viel Geld leihen. Die ersten paar Monatsmieten konnte ich noch bezahlen, aber dann musste ich mir eine Kreditkarte zulegen, weil ich nicht mehr über die Runden kam. Und irgendwann wurde es untragbar. Fast mein gesamtes Gehalt floss in die Kreditkartenzahlungen. Ich habe eine Karte von der Banco Nación (einer staatlichen Bank) und zahle einen hohen Zinssatz. Es ist mir unmöglich, das abzuzahlen; ich komme mit diesen Zinsen nicht klar. Ich habe die Karte benutzt, um die Miete, die Nebenkosten und die täglichen Ausgaben zu bezahlen. Die Löhne stagnieren, und ich kann die Schulden nicht abbezahlen, die mittlerweile 5 Millionen Pesos betragen. Es gibt Menschen, denen es noch schlechter geht. Ich habe einen Kollegen, der einen Kredit über 8 Millionen Pesos aufgenommen hat und jetzt 30 Millionen schuldet.
Sie haben die Organisation »Endeudados Organizados« mitgegründet. Worum geht es da?
Alles begann im Freundes- und Bekanntenkreis. Wir nahmen Kontakt zu Nachbarschaftsorganisationen auf. Dieses Thema ist mit viel Scham behaftet, und es fällt schwer, offen darüber zu sprechen. Wir treffen uns auch mit Menschen aus anderen Provinzen, um eine landesweite Bewegung aufzubauen.
Die Krise von 2001 führte zu einer unhaltbaren wirtschaftlichen Lage. Damals war die Nachbarschaftsorganisation sehr stark, und die Versammlungen spielten eine wichtige Rolle.
Ich habe das Jahr 2001 nicht selbst miterlebt, aber ich weiß davon, weil mir Leute davon erzählt haben und ich es in Dokumentarfilmen gesehen habe. Es ist mir hier wichtig, die Idee zu vermitteln, dass dieses Problem der Verschuldung kein individuelles, sondern ein kollektives Problem ist. Das ist unsere Perspektive. Die Regierung und ihre Unterstützer suggerieren, dass es Menschen gibt, die Schulden gemacht haben, weil sie während der Weltmeisterschaft Fernseher gekauft haben. Präsident Milei hat das in einer seiner jüngsten Reden gesagt. Die Menschen müssen verstehen, dass es sich hierbei um ein strukturelles Problem handelt. Und dass das, was gerade geschieht, nicht die Schuld der Menschen ist. Ich hasse es, bei einer Bank Schulden zu haben.
Am 20. August haben Sie gemeinsam mit den Gewerkschaften Ihre erste Demonstration abgehalten. Wie lief die?
Es waren unglaublich viele Menschen da. Das hat uns schon überrascht. Wir überlegen, etwas Ähnliches zu machen wie die Rentner, wenn sie sich jede Woche vor dem Parlament versammeln.
Gerade junge Menschen haben es besonders schwer. Vergessen wir nicht, dass junge Menschen das Rückgrat von Mileis Wählerschaft bildeten, und heute bringen sie in verschiedenen Umfragen ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck und sagen vielfach, sie würden ihn nicht wieder wählen.
Es herrscht breiter Konsens darüber, was wir von der Regierung halten. Was die jungen Menschen angeht, organisieren wir Veranstaltungen an Universitäten, damit sie zu uns kommen, mit uns sprechen und ihre Geschichten erzählen können. In unserer Organisation gibt es aber auch viele Rentner.
Was junge Menschen angeht, gibt es extreme Fälle von Schulden bei digitalen Geldbörsen mit Zinssätzen von über 500 Prozent.
Dieses Verlangen nach schnellem Geld hängt mit dem Fehlen von Arbeitsplätzen zusammen und mit der Tatsache, dass die vorhandenen Jobs prekär sind. Das alles ist Teil einer Kette.
Warum glauben viele junge Leute eher an individuelle Lösungen?
Es herrscht eine gewisse Skepsis gegenüber der Organisation. Viele haben die Devise: »Was springt für mich dabei heraus?« Sie suchen kein Unterstützungsnetzwerk.
Warum verspottet der Präsident Menschen mit Schulden?
Er will, dass sich die Menschen schämen. Scham hat oft zur Folge, dass Menschen nichts unternehmen. Die Zahl der Schuldner hat sich in den letzten zwei Jahren verfünffacht.
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