Zum Inhalt der Seite
Beilage Nahost

Eine kleine Geschichte der iranischen Atombombe

Netanjahu hat Israel und die USA jahrzehntelang auf den Krieg gegen die Islamische Republik ausgerichtet – jetzt hat er sein Ziel erreicht

Foto: instagram.com/marahza91

Vor mehr als 34 Jahren, im Januar 1992, warnte Benjamin Netanjahu in einer Ansprache an die Knesset erstmals, dass Iran ohne drastisches Einschreiten der USA und der »internationalen Gemeinschaft« in drei bis fünf Jahren Atomwaffen besitzen würde. Das war, wohlwollend interpretiert, ein erwiesener Irrtum, der auf einem Konstrukt wilder Fehleinschätzungen beruhte. Im sachlichen Rückblick auf Jahrzehnte, in denen Netanjahu diese »Warnung« permanent wiederholte, bis er mit den Kriegen von 2025 und 2026 seinen Willen bekam, muss man vernünftigerweise von einer Lüge sprechen, die politischen und militärischen Zwecken diente.

Im Januar 1992 verfügte die Islamische Republik nicht einmal in Ansätzen über irgendwelche materiellen und technischen Voraussetzungen, die zum Bau von Atomwaffen erforderlich gewesen wären. Die fabrikmäßige Anreicherung von Uran wurde erst 2006 aufgenommen – zunächst mit ganz wenigen Zentrifugen und einem niedrigen Anreicherungsgrad unterhalb von fünf Prozent. 85 bis 90 Prozent werden für die Herstellung von waffenfähigem Uran benötigt. Bis 2019, als Teheran den Zugang der internationalen Inspektoren als Reaktion auf den Bruch des Wiener Abkommens durch US-Präsident Donald Trump schrittweise einzuschränken begann, stand das iranische Atomprogramm unter ständiger Kontrolle der Internationalen Atomenergiebehörde.

Nicht der erste

Als Netanjahu seine »Warnung« erstmals aussprach, war er ein einfacher Abgeordneter des Likud. Seine Wahl zum Parteichef (März 1993) und seine erste Amtszeit als Premierminister (1996–1999) lagen noch vor ihm. Auch wenn er sich später als weit vorausschauender einsamer Rufer stilisierte, der es immer schon gewusst hatte, stand er damals keineswegs allein. Im Oktober desselben Jahres bezeichnete Außenminister Schimon Peres von der sozialdemokratischen Arbeitspartei Awoda die Islamische Republik in einem Interview mit dem Fernsehsender France 3 als »größte Bedrohung und größtes Problem im Nahen Osten«. 1999 könne Iran im Besitz von Atomwaffen sein. Am 8. November 1992 ließ die New York Times Yossi Alpher, den stellvertretenden Leiter des Jaffee Center for Strategic Studies in Tel Aviv und ehemaligen Mossad-Funktionär, mit einer dringenden Mahnung an den wenige Tage zuvor zum Präsidenten der USA gewählten Bill Clinton zu Wort kommen: »Iran muss als Feind Nummer eins identifiziert werden.« Was Israel am meisten nervös mache, sei dessen Atomprogramm.

Es existierte zu dieser Zeit kaum etwas, das diesen Namen verdiente. Aber darauf kam es offensichtlich zu keinem Zeitpunkt an. Dramatische Warnungen lassen sich mindestens acht weitere Jahre zurückverfolgen. Am 24. April 1984 veröffentlichte die US-Nachrichtenagentur UPI eine lange Meldung unter der Überschrift »›Ajatollah‹-Bombe für den Iran in Produktion«. Im Wesentlichen wurde dort ein Bericht von Mitherausgeber Robert Hutchinson im Fachmagazin Jane’s Defense Weekly referiert, der am selben Tag erschienen war. »Iran ist mit der Herstellung einer Atombombe beschäftigt, die wahrscheinlich innerhalb von zwei Jahren bereit sein wird«, hatte Hutchinson geschrieben und sich dabei auf Darstellungen in der Presse der arabischen Golfstaaten berufen. Unter diesen waren damals einige, deren autokratische Herrscher der Islamischen Republik die Pest an den Hals wünschten und die USA drängten, »der Schlange den Kopf abzuschlagen«, wie man spätestens seit der Wikileaks-Veröffentlichung von US-Akten im November 2010 weiß. Hutchinson zitierte in seinem Artikel aber auch nicht näher bezeichnete »westdeutsche Geheimdienstquellen« mit der Behauptung, die Produktion einer iranischen Atombombe trete »in ihre letzte Phase ein«. Da diese Darstellung keineswegs den Tatsachen entsprach, könnte und müsste man nachträglich fragen, woher sie damals stammte. Aber in der Bundesrepublik wird definitiv zu wenig gefragt.

»Vereinigte Front«

Zurück zu Netanjahu. 1995 erschien sein Buch »Fighting Terrorism«, in dem er seine Prophezeiung wiederholte. Am 10. Juli 1996, rund drei Wochen nach seinem Amtsantritt als Premierminister, sprach Netanjahu zum ersten Mal auf einer gemeinsamen Sondersitzung beider Häuser des US‑Kongresses. Schwerpunkt war selbstverständlich der Aufruf zur gemeinsamen Frontbildung gegen die Islamische Republik. »Falls dieses Regime oder sein despotischer Nachbar Irak Nuklearwaffen erlangen würden, könnte das katastrophale Folgen nicht nur für mein Land und nicht nur für den Nahen Osten, sondern für die gesamte Menschheit haben.« »Die internationale Gemeinschaft« müsse »ihre Anstrengungen neu beleben, diese Regime zu isolieren«, und »nur die Vereinigten Staaten können diese entscheidende internationale Initiative anführen, um zu verhindern, dass Terrorstaaten in den Besitz von Atomwaffen gelangen«. Aber die dafür verbleibende Zeit sei sehr kurz, und gegen manche Bedrohungen sei Abschreckung nicht ausreichend, sondern müsse durch »Prävention, sofortige und wirksame Prävention« verstärkt werden. »Wir sind zuversichtlich, dass Amerika wieder einmal nicht versäumen wird, die Führung beim Schutz unserer freien Zivilisation vor diesem schlimmsten Schrecken zu übernehmen. Aber, Ladys und Gentlemen, die Zeit läuft ab. Wir müssen handeln – verantwortungsvoll, in einer vereinigten Front, international.«

Anzeige

Mit dem militärischen Aufmarsch gegen Irak, der mit Fälschungen und Lügen über angebliche Massenvernichtungswaffen begründet wurde, schienen Netanjahu und Co. am Ziel zu sein. Israels damaliger Regierungschef Ariel Scharon sagte der Londoner Times in einem Interview, das diese am 5. November 2002 veröffentlichte, nach dem Sturz Saddam Husseins und der Besetzung Iraks müsse man »gleich am folgenden Tag« Iran als nächstes Ziel in Angriff nehmen. So sehr Israel die US-amerikanisch-britischen Kriegspläne gegen Bagdad begrüße – der Angriff begann am 20. März 2003 –, müsse es doch darauf bestehen, dass die Islamische Republik eine nicht weniger große Gefahr darstelle.

Doch die Politik der USA entwickelte sich aufgrund sehr weitgehender iranischer Zugeständnisse, die zur Interimsvereinbarung vom 24. November 2013 und zum Wiener Abkommen vom 14. Juli 2015 führten, zunächst in eine andere Richtung. Während die Verhandlungen voranschritten, trat Netanjahu am 27. September 2012 mit einem großen Stück Papier, auf das grobschlächtig eine altmodische Bombe mit brennender Lunte gezeichnet war, vor die Vollversammlung der Vereinten Nationen. Das Fazit seines Vortrags: Um Irans Weg zur Atomwaffe zu verhindern, müsse es vor dem Überschreiten einer roten Linie gestoppt werden, die beim jetzigen Tempo der Anreicherung »im nächsten Frühjahr, spätestens im nächsten Sommer« erreicht würde.

Vorlauf zum Krieg

Es wurde Frühjahr, es wurde Sommer, die Welt drehte sich ohne iranische Atomwaffen weiter. Die Mission des weitblickenden Warners führte Netanjahu am 3. März 2015, während der letzten Phase der Verhandlungen, zu seinem triumphalsten Auftritt in einer gemeinsamen Sondersitzung des US-Kongresses. Der republikanische Oppositionsführer im Abgeordnetenhaus, John Boehner, hatte den ausländischen Regierungschef eingeladen, um dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Barack Obama, ein Bein zu stellen. Eine Konstellation, die in keinem anderen Land der Welt, und mit absoluter Sicherheit schon gar nicht in Israel, vorstellbar wäre. Nur eine Minderheit der Parlamentarier der Demokratischen Partei – etwa 50, sagt man – boykottierte die Provokation durch Abwesenheit. Die Republikaner, aber auch nicht wenige Demokraten, standen mehr zu Standing Ovations, als dass sie auf ihren Plätzen saßen.

Das geplante Abkommen wäre nicht nur eine Gefahr für das Überleben Israels, behauptete Netanjahu in seiner Rede, sondern auch für den Frieden der ganzen Welt. Es hindere Iran nicht am Erreichen der Atombombe, sondern ebne ihm den Weg dorthin. »Nun, das ist ein schlechter Deal. Das ist ein sehr schlechter Deal. Ohne ihn sind wir besser dran.« Die Alternative sei »ein viel besserer Deal«, in dem Iran seine »breite nukleare Infrastruktur« weggenommen würde und alle Restriktionen gültig blieben. Zu der sich aufdrängenden Frage, warum Teheran einem solchen »Deal« zustimmen sollte, schwieg Israels Premierminister.

»Aber dies kann ich Ihnen garantieren: Die Tage, als das jüdische Volk passiv angesichts genozidaler Feinde blieb, diese Tage sind vorbei. (…) Zum ersten Mal in 100 Generationen können wir, das jüdische Volk, uns selbst verteidigen. Das ist der Grund dafür, dass ich Ihnen eine Sache versprechen kann: Selbst wenn Israel alleinstehen muss, wird Israel stehen.« Aber, so schloss der Premierminister: »Ich weiß, dass Israel nicht allein steht. Ich weiß, dass Amerika zu Israel steht.«

Mit diesem Vertrauen und mit der sicheren Gewissheit, dass die israelischen Nachrichtendienste es sofort bemerkt hätten, falls jemand im Iran versucht hätte, heimlich an der Entwicklung von Atomwaffen zu arbeiten, kann man getrost 34 Jahre »fünf Minuten vor zwölf« spielen, bis endlich ein Präsident der USA bereit ist, sein Land in den begehrten Krieg mitreißen zu lassen.

Knut Mellenthin lebt und arbeitet als freier Journalist in Hamburg. Zum Dauerstreit um das iranische Atomprogramm schreibt er seit 2003 für die junge Welt.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Beilage vom 13.05.2026, Seite 5, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!