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Interesse an Krieg?

Antikriegstag am 1. September

Foto: Hartenfelser/IMAGO

Der Aufruf des DGB zum Antikriegstag 2026 enthält zwei wichtige Forderungen an die Bundesregierung: Sie »muss endgültig von den Plänen zur Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland Abstand nehmen«. Und: »Es darf nicht zu der Wiedereinführung eines verpflichtenden Wehrdienstes sowie jeglicher anderer Form von Pflichtdiensten kommen.« Das Papier steht unter der Überschrift »Friedensfähig statt kriegstüchtig!«. Wer das ernsthaft verlangt, stellt den Kapitalismus in Frage. Das will der DGB nicht, im Gegenteil. Er verlangt, die EU zu stärken, »die verlässlich für eine europäische Politik der Friedensfähigkeit steht«. Das ist ein schlechter Witz. Das militaristische Geschrei aus Brüssel hat offensichtlich mit dazu geführt, dass die Mehrheit der Wähler Islands mit der EU nicht reden wollen.

Der DGB tut so, als könne es friedensfähigen Kapitalismus geben. Der Kalte Krieg zeigte: Er kann zum Frieden gezwungen werden. Seit dem Ende der Sowjetunion bedeutet das: endlose Kriege gegen Staaten, die sich vermeintlich nicht wehren können. Der Iran belegt vielleicht: Diese Zeiten sind vorbei.

Sein Präsident nimmt an diesem 1. September am Treffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) teil. Deren sechs Gründungsmitglieder erwirtschafteten 2001 ein Bruttoinlandsprodukt von rund 1,5 Billionen US-Dollar, heute kommen die zehn Vollmitglieder auf mehr als 25 Billionen US‑Dollar. Die EU mit rund 21 Billionen US-Dollar ist abgehängt. Aus Bischkek war am Montag von einem Vertreter Indiens zu hören, der globale Süden habe »genug von der Militarisierung der internationalen Beziehungen«.

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Das war höflich ausgedrückt, denn es geht erneut um Weltkrieg, und die Gefahr geht von den Räuberstaaten der G7 und der EU aus. Der Deutschland und die EU beherrschende Aufrüstungswahn sowie der NATO-Stellvertreterkrieg gegen Russland, den Friedrich Merz nun verschärfen will, folgen Interessen, vor allem denen des Großkapitals. Das deutsche lässt sich mit Hilfe der Aufrüstung subventionieren und durch »Reformen« die Kosten senken. Es gilt, was Brecht 1954 notierte: »Die Kapitalisten wollen keinen Krieg, sie müssen ihn wollen.« Ein Interesse des kapitalistischen Russlands an einem Krieg gegen die NATO und speziell gegen Deutschland hat allerdings noch kein »Zeitenwende«-Ausrufer nachzuweisen versucht. Weil es dieses Interesse nicht gibt.

Der DGB-Aufruf beginnt jedoch mit dem Vorwurf, die USA, Russland und China prägten mit Großmachtansprüchen das Weltgeschehen. Die Gleichsetzung ist Kriegspropaganda. Wer den Ukraine-Krieg nicht beenden will, ist seit April 2022 aktenkundig: die NATO‑Staaten. Sie haben zusammen mit den Trump-USA die NATO 3.0 ausgerufen, das heißt, sie wollen Konfrontation und Krieg. Wer aber den Hauptfeind nicht im eigenen Lager erkennt, kann nicht gegen den Krieg kämpfen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.09.2026, Seite 3, Ansichten

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→ Leserbriefe
  • Norbert Heckl aus Stuttgart 1. Sept. 2026 um 22:52 Uhr
    Es ist recht einfach, dem DGB vorzuwerfen, dass er den Kapitalismus nicht in Frage stellt. Es ist auch einfach, ihm vorzuwerfen, dass er die marxistische Analyse der Weltpolitik (die im übrigen auch uneinheitlich ist) nicht teilt und der Aufruf daher von »Großmachtansprüchen der USA, Chinas und Russlands« spricht. Es ist auch einfach, Veränderungen in der Einschätzung des DGB fast völlig zu ignorieren und damit auch die Arbeit vieler friedensbewegter Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter nicht zur Kenntnis zu nehmen – der DGB dagegen hat das schon in seinen zwei friedenspolitischen Beschlüssen beim Bundeskongress im Mai getan, und auch bei dieser Erklärung zum Antikriegstag. Man kann auch völlig ignorieren, dass sich der DGB in zentralen Punkten gegen die Politik der Bundesregierung (mit SPD-Beteiligung!) ausspricht (»Wir brauchen keine Politik, die … einer permanenten ›Kriegstüchtigkeit‹ das Wort redet.« »Wir fordern von der Bundesregierung eine Abkehr von ihrer Rhetorik der ›Kriegstüchtigkeit‹ und die Rückbesinnung auf eine an zivile Friedenssicherung ausgerich-tete Außen- und Sicherheitspolitik.«). Es ist dagegen leicht, sich an den Widersprüchlichkeiten und Halbheiten des Aufrufs abzuarbeiten. Sinnentstellend zu zitieren, der DGB verlange die EU zu stärken, »die verlässlich für eine europäische Politik der Friedensfähigkeit steht«, sondern macht den Kommentar noch ärgerlicher. Die zitierte Stelle lautet: »Der DGB u. seine Mitgliedsgewerkschaften rufen die deutsche Bundesregierung (…) dazu auf, sich für eine starke und handlungsfähige EU einzusetzen, die verlässlich für eine europäische Politik der Friedensfähigkeit steht.« Und er leitet daraus Forderungen ab, die alle im Gegensatz zur Politik der Regierung stehen. Man kann dem DGB generell (zu Recht) Illusionen, Naivität und eine falsche Bewertung der EU vorwerfen – zu sinnentstellendem Zitieren zu greifen, ist eines linken Journalisten unwürdig, das sollte bürgerlichen und rechten Medien überlassen bleiben.
    • Frank Graf 2. Sept. 2026 um 12:23 Uhr
      Es wäre zu klären, ob es sich bei dem frommen Wunsch der DGB-Kader, die Bundesregierung möge »sich für eine starke und handlungsfähige EU einzusetzen, die verlässlich für eine europäische Politik der Friedensfähigkeit steht«, lediglich um eine Illusion oder um eine absichtsvolle Täuschung handelt. Die Art und Weise, wie an Griechenland ein Exempel statuiert wurde, hat doch eindrücklich gezeigt, um was für ein Gebilde es sich bei der EU handelt. Für die EU gilt insgesamt das, was Lucas Zeise vor einigen Jahren in seiner Monographie »Euroland wird abgebrannt« zur Wirtschafts- und Währungsunion feststellte: »Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, warum die Europäische Währungsunion geschaffen wurde. Sie ist ein Projekt des europäischen Kapitals.« Eher geht ein Kamel durch das sprichwörtliche Nadelöhr, als daß aus der Maastricht- und Lissabon-EU eine friedensfähige Macht wird.
  • Mitter Albert aus Gmunden 31. Aug. 2026 um 21:00 Uhr
    Ist es einfach Dummheit oder nur die »Rechtfertigung« für eine Kritik an den USA: der VR China Großmachtansprüche gleich denen der USA anzudichten. Weil die Damen und Herrn des DGB natürlich keinen einzigen Beweis für eine imperialistische Politik der VR China haben, ersetzen sie für die verlogene Gleichsetzung Imperialismus mit Großmachtansprüchen, ein ganz unsinniger Vorwurf. Die VR China mit ihren 1,4 Milliarden Einwohnern und der beispiellos erfolgreichen Entwicklung innerhalb weniger Jahrzehnte zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, die nunmehr sogar mit an der Weltspitze bei verschiedenen Produkten und der technologischen Entwicklung steht, ist eine Großmacht, braucht keinen Anspruch darauf zu erheben. Sie erhebt aber im völligen Unterschied zu den USA und auch der EU eben keinen Anspruch auf Vorherrschaft über andere Staaten. Alle Beziehungen zu ihnen entsprechen dem Grundsatz der Gleichberechtigung, des gegenseitigen Respekts und Vorteils, daher der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Die Politik der Großmacht VR China ist den USA und auch der EU völlig entgegengesetzt. Soweit die VR China das Weltgeschehen prägt, dient dies nachweislich dem Frieden, der friedlichen Koexistenz, der politischen, diplomatischen Lösung von Problemen, Krisen und Kriegen. Es ist schon eine große Realitätsverweigerung der VR China, die noch nie einen Angriffskrieg geführt hat, sich strikt an das Völkerrecht hält mit den USA, die allein in diesem Jahr schon zwei Staaten militärisch überfallen haben, zuerst Venezuela (zum Zwecke des Öldiebstahls) und dann den Iran, mit einer kriminellen Blockade als brutalster Form eines Wirtschaftskriegs, das kubanische Volk wieder ihrer Ausbeutung unterwerfen wollen, gleichzusetzen. Entgegen allen Fakten die EU, die zweite imperialistische Macht und vielfach Komplizin des US‑Imperialismus, als Friedensmacht, der wirklichen Friedensmacht VR China aber Ansprüche zu unterstellen, die sie nie erhoben hat, ja strikt ablehnt.
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