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Geopolitik

Zeit der Raubtiere

Vorabdruck. Die Hegemonie der USA ist in der Krise, eine multipolare Weltordnung zeichnet sich ab. Wird in dieser Gemengelage »Europa« zu einer Weltmacht unter deutscher Führung?

Von Frank Deppe
Foto: Stefan Boness/IPON
Für Europa oder für deutsche Profite? Drohnenwerbung des Rüstungskonzerns Hensoldt auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (Schönefeld, Brandenburg, 11.6.2026)

In diesen Tagen erscheint Heft 147 der Zeitschrift Z. Marxistische Erneuerung. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher ­Genehmigung des Autors und der Herausgeber vorab Frank Deppes Beitrag »Europa als Weltmacht – unter deutscher Führung?«. Die Hefte von Z können bestellt werden unter: zeitschrift-marxistische-erneuerung.de (jW)

Als der Kalte Krieg zu Ende ging und die bipolare Weltordnung mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zerfiel, verkündete der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama – mit Berufung auf den deutschen Philosophen G. W. F. Hegel – das »Ende der Geschichte«. Die ökonomische und politische Ordnung des demokratischen Liberalismus, die im 20. Jahrhundert sowohl durch den Faschismus als auch durch den Sozialismus – vor allem in Europa – herausgefordert wurde, habe sich behauptet. Im Übergang ins 21. Jahrhundert gäbe es keinen »Herausforderer« mehr, der die unipolare – von den USA (mit ihren Verbündeten in Europa und Ostasien) dominierte – Weltordnung in Frage stellen könnte. Die USA befänden sich jetzt in der Position der stärksten ökonomischen und politisch-militärischen Macht im Weltmaßstab. Sie müssten auch dank ihrer militärischen Übermacht als »Weltpolizist« diejenigen Staaten bestrafen, die sich als Autokratien oder schlicht als »Schurkenstaaten« dieser Ordnung widersetzen wollen (»unipolare Weltordnung«). In diesem Geiste wurden die Kriege der USA nach 1991 geführt: der zweite Golfkrieg (1990/91), der Krieg in Afghanistan (2001–2021), der Irak-Krieg (2003–2011) sowie die Kriege gegen Jugoslawien und Libyen.

Im Jahre 1994 veröffentlichte Giovanni Arrighi ein Buch mit dem Titel »The Long Twentieth Century: Money, Power and the Origins of Our Times«. Darin vertrat er die These, dass sich der lange Hegemoniezyklus des US-Kapitalismus, der innerhalb des kapitalistischen Weltsystems am Ende des 19. Jahrhunderts seinen Aufstieg nahm und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges seinen Höhepunkt erreicht hatte, in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im Niedergang befand. Wie bei früheren Hegemoniezyklen (z. B. des British Empire) wurde mit der Stagnation der Akkumulation und dem Ausweichen »überschüssigen« Kapitals auf die Finanzmärkte, das heißt mit der Ausweitung spekulativer Aktivitäten, die Niedergangsphase im Hegemoniezyklus eingeleitet. Im Jahre 2007 (kurz vor seinem Tod) veröffentlichte Arrighi eine Studie mit dem Titel »Adam Smith in Beijing. Lineages of the Twenty-First Century«. Darin analysierte er die gewaltigen Veränderungen in der Struktur des kapitalistischen Weltsystems, die sich durch den Aufstieg der Volksrepublik China sowie durch die Industrialisierungswelle in Ostasien vollzogen haben. Inzwischen hat sich diese Tendenz fortgesetzt und verstärkt: Das Zentrum des kapitalistischen Weltsystems hat sich vom Atlantik zum Pazifik verlagert; der von China bestimmte Hegemoniezyklus befindet sich noch in der Aufstiegsphase.¹ Ob China aber jemals eine ähnlich dominante Rolle einnehmen wird wie die USA ist umstritten. Sven Beckert spricht in seinem äußerst lesenswerten Buch »Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution« von der »dramatischsten Industrialisierungswelle, die die Welt seit dem Ende des 20. Jahrhunderts je gesehen hat«. Nun »kehrte das mit der Finanzwirtschaft eng verbundene Handelskapital mit voller Wucht zurück«. Damit war eine »riesige Welle neuer und rasch erfolgender Proletarisierung« verbunden.² Die seit dem Jahr 1500 beherrschende Stellung des »Westens« (Westeuropa, USA) im kapitalistischen Weltsystem (Immanuel Wallerstein) geht zu Ende!

Unvermeidliche Falle?

In der neuen Weltordnung gibt es Auf- und Absteiger. Die USA und ihre Verbündeten in Europa gehören eindeutig zu den Absteigern, deren Macht auf der globalen Ebene schwindet. Die USA verfügen zwar noch über eine außerordentlich große militärische Macht sowie weltweit über circa 800 Militärstützpunkte. Die jüngsten Kriege haben jedoch die Grenzen dieser Macht aufgezeigt. Die Europäer hingegen sind seit der großen Krise von 2008/09 mit ökonomischen Krisen, Stagnation, Staatsverschuldung, Regierungskrisen etc. befasst. Die Politik von Trump hat die »Sicherheitsgarantien« der Europäer im Rahmen der NATO aufgekündigt. Dagegen rücken China und Russland enger zusammen. China baut globale Führungspositionen nicht nur im Bereich der industriellen Fertigung (z. B. Automobilbau), sondern auch im Bereich der Spitzentechnologien (IT, KI) aus. Experten auf dem Felde der internationalen Politik denken darüber nach, ob die USA und China der »Thukydides-Falle«³ entgehen können – das heißt: ob ein militärischer Zusammenstoß der Absteiger (der alten Hegemonialmacht) mit dem Aufsteiger (der neuen Hegemonialmacht) quasi gesetzmäßig den Übergang in eine neue hegemoniale Ordnung markieren muss.⁴

Im frühen 21. Jahrhundert zeichnet sich der Übergang zu einer multipolaren Weltordnung ab, in der Großmächte – an der Spitze die USA und China, gefolgt von Russland (und vielleicht Indien) – miteinander um Spitzentechnologien, Einflusssphären, militärische Überlegenheit konkurrieren. Der neue Imperialismus ist durch Großmachtpolitik geprägt. Nach außen nimmt die Bereitschaft zu, ökonomische und geopolitische Interessen mit militärischer Gewalt durchzusetzen bzw. über die Androhung von Gewalt Deals zwischen den Großmächten zu ermöglichen. Im Inneren wird die Stärkung der Exekutivgewalt vorangetrieben. Die Großmächte tendieren zu autoritären politischen Systemen. Die Hochrüstung wird über den Abbau sozialstaatlicher Leistungen sowie über steigende Staatsschulden finanziert. Eine Spezifik der gegenwärtigen imperialen Epoche besteht freilich darin, dass im Ergebnis der vorangegangenen Periode des »Neoliberalismus« die weltweite Ausbreitung und Verflechtung des industriellen wie des Finanzkapitals enorm zugenommen hat.

Der Niedergang der reformistischen Arbeiterbewegung wird durch die Deindustrialisierung angetrieben. Sie begünstigt zugleich den Aufstieg antidemokratischer Kräfte. Diese werden von der Unzufriedenheit subalterner Klassenkräfte über die Wirkungen der Polykrisen (seit der Krise von 2008/09), der Angst vor sozialem Abstieg und Unsicherheit sowie von der Kritik an der Regierungspolitik der Parteien »der Mitte« getragen. Russland unter Putin verfolgt eine Großmachtpolitik, die den Krieg in der Ukraine als notwendige Antwort auf das Vorrücken des Westens (das heißt auch der NATO) an seine westlichen Grenzen bezeichnet. Durch das engere Bündnis mit China und dem »globalen Süden« hat Russland freilich die Politik der USA, Großbritanniens und der EU unter deutsch-französischer Führung vereitelt, den Ukraine-Krieg in einen Stellvertreterkrieg zu verwandeln, der letztlich Russland in die Knie zwingen soll.

Machiavelli Münkler

Die Politik der USA unter Donald Trump zerstört die alte Bündnisstruktur des Westens, zwingt die alten Freunde, die jetzt imperialistische Rivalen sind, zu vermehrter Aufrüstung, aber auch zur Auseinandersetzung mit der Frage, ob und wie »Europa« auf den Niedergang (vor allem der großen europäischen Staaten: Großbritannien, Frankreich, Deutschland) durch die Formierung »Europas« in das Konzert der neuen Großmächte auf der Weltbühne einsteigen kann. Der »Griff nach der Weltmacht« – so betonen die herrschenden Kräfte in der EU – wird ihnen gleichsam von außen aufgezwungen. Friedrich Merz, Bundeskanzler der »Zentralmacht« der Europäischen Union, hat das in seiner Rede bei der jüngsten Sicherheitskonferenz in München (Februar 2026) deutlich angesprochen: »Europa muss weltpolitischer Faktor werden, mit einer eigenen sicherheitspolitischen Strategie.« Dabei will bzw. muss Deutschland die Initiative ergreifen, muss dabei aber lernen, dass in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts nicht Recht und anerkannte Regeln, sondern die »Stunde der Raubtiere« geschlagen hat.⁵ Für die Deutschen, so verkündet der Philosoph Peter Sloterdijk, ist der »Urlaub von der Weltgeschichte« beendet!⁶ Europa braucht einen Machiavelli! In der multipolaren Ordnung muss die EU zu einem »relevanten Pol« werden. »Erst dann wird Europa von den Vereinigten Staaten und China als Mitakteur auf der Weltbühne ernstgenommen werden.«⁷

Unter den konzeptiven Ideologen des deutschen Imperialismus ragt neben dem ehemaligen Frankfurter Straßenkämpfer und Außenminister Joschka Fischer⁸ der »Wetterauer Welterklärer«⁹ aus Friedberg, Herfried Münkler, hervor. Er prophezeit eine »Weltordnung der großen fünf«, zu denen neben den USA, China, Russland und Indien die EU gehören soll. Es müsse den Europäern »gelingen, die EU aus einem umtriebigen Regelgeber und Regelbewirtschafter in einen machtpolitisch handlungsfähigen Akteur zu verwandeln«.¹⁰ In seinem neuesten Buch geht er der Frage nach, wie die EU dieses Ziel zu erreichen vermag. Die Institutionen der EU – Kommission, Rat, Parlament und EuGH – werden diese Aufgabe nicht erfüllen können. Es bedarf einer »Reform in Richtung Zentrumsbildung«; ein erster Schritt wäre die Aufhebung der Einstimmigkeitsregel bei wichtigen – vor allem außenpolitischen – Entscheidungen. Dieses »Zentrum« muss »mit realer Macht ausgestattet und schnell handlungsfähig« sein, bedarf daher einer »Führung von vorn«. Wo diese fehlt, »wuchert die Bürokratie; das Gestrüpp der Verordnungen und Ausnahmebestimmungen soll und muss verdecken, dass es der Union an politischer Entschlusskraft und Handlungsfähigkeit mangelt«. Dazu bedarf es »grundlegender Reformen« – und zwar solcher, »die zu strategischer Autonomie und politischer Handlungsfähigkeit führen. Dabei muss Deutschland eine initiative Rolle spielen… Kann Deutschland, die größte Macht des Kontinents und selbst in einem tiefen Umbruch begriffen, die EU politisch führen?«¹¹

Münkler versteht sich als eine Art »Machiavelli«, der den deutschen Kanzlern Olaf Scholz (SPD) und Friedrich Merz (CDU) Lehren zum politischen Überleben in der Welt der »Raubtiere« erteilt. Das Feld, auf dem diese Führung »von vorne« aufgebaut werden muss, ist die Sicherheitspolitik. Norbert Röttgen, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und verantwortlich für die Außen- und Sicherheitspolitik (bisher stets geradezu fanatischer Transatlantiker), formuliert es deutlicher: »Anders als wir haben unsere europäischen Nachbarn längst verstanden, dass die EU ohne Deutschland kein geopolitischer Akteur werden wird. Solange wir nicht bereit sind, hier Führung zu übernehmen, wird diese dringend notwendige Weiterentwicklung der EU nicht stattfinden. Für Deutschland ist dies nicht nur eine Frage der Sicherheit. Als Exportnation hängt auch unser Wohlstand davon ab, dass internationale Regeln gelten und eingehalten werden. Aber die regelbasierte Ordnung zerfällt momentan in atemberaubendem Tempo und Europa tut wenig, um diesem Verfall etwas entgegenzusetzen.«¹²

Hier wird klar davon ausgegangen, dass der Anspruch auf die Führung der EU mit den Interessen der »Exportnation Deutschland« als der stärksten wirtschaftlichen Macht in der EU zusammenhängt. Allerdings steht angesichts der Krise des deutschen Exportmodells heute die Aufrüstung im Vordergrund: Die Rüstungsausgaben steigen schnell. Auf der einen Seite soll die wirtschaftliche Stagnation überwunden werden. Auf der anderen Seite soll die Bundeswehr die stärkste konventionelle Armee Europas werden. Deutsche Truppen werden im Baltikum an der russischen Westgrenze stationiert. In den USA sind »Tomahawk«-Flugkörper bestellt. Ihre strategische Besonderheit liegt in der Kombination von extremer Reichweite, hoher Präzision und der Fähigkeit, tief im gegnerischen Raum hochwertige strategische Ziele auszuschalten.

Im Windschatten des Krieges

Unter den liberal-konservativen und sozialdemokratischen Eliten in Europa hat sich die Überzeugung festgesetzt, dass die Aufrüstung an erster Stelle steht und dass »Europa seine Macht finanzieren muss« – trotz der gewaltigen Staatsverschuldung und der großen Rückstände im Bereich der Infrastruktur, der Bildung, des Gesundheitswesens, der Pflege sowie der Anforderungen im Bereich der Klimapolitik. »Europa muss«, so heißt es in einer Stellungnahme der »Fondation Robert Schumann« vom 30. Juni 2026, »neue Wege zur Finanzierung seiner Aufrüstung finden, um seine Sicherheit und seine strategische Autonomie zu stärken – trotz der bereits stark angespannten Lage der öffentlichen Finanzen. Diese Bemühungen müssen mit einer besseren Koordinierung der Investitionen, einer verstärkten Unterstützung der europäischen Verteidigungsindustrie und einer Verringerung der Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten einhergehen, damit die Erhöhung der Militärausgaben zu einer echten strategischen Stärkung Europas führt.«¹³

Der Journalist Wolfgang Michal weist im Freitag darauf hin, dass die Verwandlung des Ukraine-Krieges in einen Stellvertreterkrieg der »Europäer« gegen Russland in einem engen Zusammenhang mit dem Anspruch auf die deutsche Führung in der EU steht. »Bundeskanzler Merz nutzt (…) den russischen Krieg, um in dessen Windschatten Deutschland als neue Großmacht zu etablieren. Anders als nach der Wiedervereinigung, als Frankreich und Großbritannien heftigen Widerstand gegen ein deutsches Europa leisteten und vor einem ›Vierten Reich‹ warnten, blicken jetzt alle ehrfürchtig zum Berliner Kanzleramt, das sich als Bollwerk gegen ein aggressives Russland feiert. Die Begleitpropaganda wird jedenfalls nicht müde, zu behaupten, dass die Europäer eine deutsche Führungsrolle geradezu herbeisehnen.« Der Ukraine-Krieg »ist einfach die ideale Gelegenheit, um ohne größere Widerstände ein deutsches Europa aufzubauen«¹⁴.

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Ob dieses Ziel erreicht werden kann, muss angesichts der zahlreichen Krisen und Konflikte auf dem Feld der nationalen und internationalen Politik mit vielen Fragezeichen versehen werden. Der Sozialhistoriker Hartmut Kaelble erinnert daran, dass »sich die europäische Integration aus guten Gründen gegen die Herrschaft eines einzigen Landes in Europa richtet. Es besteht kein Anlass, diese Errungenschaft aufzugeben und noch einmal eine alleinige Führungsrolle Deutschlands in Europa auszuprobieren, die in zwei Weltkriegen äußerst blutig scheiterte.«¹⁵ Die Protagonisten der Weltmachtstrategie berufen sich darauf, dass Deutschland heute nicht mehr von Feinden, sondern nur noch – als Ergebnis des erfolgreichen Weges von der EGKS und EWG (1952 und 1956) zur EU, das heißt zum Vertragswerk von Maastricht (1993) – von Freunden umgeben sei. Diese Sichtweise versperrt allerdings die Erkenntnis, dass dieser Weg nicht zur Gründung der Vereinigten Staaten von Europa geführt hat. Auch die Übertragung von partiellen, supranationalen Kompetenzen an die EU hat nicht verhindert, dass die Mitgliedstaaten – vor allem die großen Länder BRD, Frankreich, GB, Italien und Spanien – nicht nur ihre nationalen Interessen verfolgen, sondern auch darauf achten, dass keiner der Großen in eine Führungsposition gelangt. Nach wie vor betreiben diese nationale Politik und befinden sich in Konkurrenz zueinander. Die im Vertrag festgelegten komplizierten Regeln für die Bildung von Mehrheiten unter den 27 Mitgliedstaaten belegen dies sehr deutlich.

In der Periode der Polykrise seit der Finanzkrise von 2008/09 (der Flüchtlingskrise, dem »Brexit«, der Coronakrise) hat sich diese Tendenz ganz offensichtlich verstärkt. Das ist einerseits darauf zurückzuführen, dass innerhalb der erweiterten EU die sozialökonomische Ungleichheit zwischen Staaten und Regionen größer geworden ist und dabei die Dominanz der deutschen Wirtschaft im europäischen Binnenmarkt zugenommen hat. Andererseits resultieren die Blockaden und Rückschritte auf der Ebene der EU aus der Zuspitzung der sozialökonomischen und politischen Krisenprozesse in den Mitgliedstaaten selbst. Bei allen Meinungsumfragen wird die EU und deren Politik mehrheitlich – vor allem von den Angehörigen der unteren Klassen – als negativ eingeschätzt. Der Aufschwung der radikalen nationalistischen Rechten in den meisten Mitgliedstaaten der EU, die entweder einen Austritt aus der EU bzw. eine Rückkehr zum Konzept des »Europas der Vaterländer« (Charles de Gaulle) fordern, ist Ausdruck dieser Tendenz. In Polen wird dem deutschen Führungsanspruch stets mit Misstrauen begegnet. Ein erneuter deutscher »Griff nach der Weltmacht« wird solche Tendenzen eher fördern, zumal es in den mittel- und südosteuropäischen Mitgliedstaaten immer auch starke Kräfte gibt, die zum Beispiel eine Politik der friedlichen und wirtschaftlichen Kooperation mit Russland anstreben.

Schulden für Rüstung

Der imperiale deutsche »Griff nach der Weltmacht« wird nicht nur von konservativen, sondern auch von sozialdemokratischen und vor allem grünen Politikerinnen und Politikern getragen. Verteidigungsminister Pistorius (SPD) und die ehemalige Außenministerin Baerbock (Grüne) stehen bzw. standen da in vorderster Front. Sie repräsentieren noch breite Mehrheiten in der Bevölkerung, die der Kritik der Friedensbewegung und der politischen Linken mit dem Vorwurf begegnen, »Putin-Freunde« zu sein. Inzwischen wird diese Stigmatisierung durch den Vorwurf des »Antisemitismus« ergänzt, der der Legitimation des deutschen Schulterschlusses mit der Politik der israelischen Regierung – der Politik des »Völkermordes« in Gaza – dient. In der UNO ist die Regierung der BRD schon für diese skandalöse Parteinahme abgestraft worden. Um diese Politik zu kritisieren und zu verändern, bedarf es der Arbeit an einer gesamteuropäischen Friedenskonzeption, die – zumindest bei Teilen der SPD – auch an den politischen Vorstellungen unter anderem von Willy Brandt in den Hochphasen des Kalten Krieges anknüpfen kann. Die Erneuerung dieser Entspannungspolitik auf der Höhe der Zeit erfordert freilich, dass sie sich auch mit den weltpolitischen Vorstellungen der Volksrepublik China und ihren BRICS-Verbündeten auseinandersetzen muss. Dort wird das Projekt einer »neuen Weltordnung« vertreten, das sich darauf konzentriert, a) die Vorherrschaft des Westens in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu beenden und b) zwischenstaatliche friedliche Kooperationsbeziehungen im Kampf für Entwicklung und Überwindung der Armut in der Welt zu entwickeln.¹⁶

Die zweite Linie des Kampfes gegen den »Griff nach der Weltmacht« wird durch den Widerspruch erzeugt, dass die Regierungen in der EU angesichts der stagnierenden wirtschaftlichen Entwicklung sowie – insbesondere für Deutschland – angesichts massiver Prozesse der Deindustrialisierung sowie der damit verbundenen Arbeitsplatzverluste die schnell steigenden Rüstungsausgaben über die Erhöhung der Staatsschulden und eine Radikalisierung neoliberaler Politik aufbringen wollen. Dabei werden sozialstaatliche Leistungen abgebaut. Auch für die Gewerkschaften symbolisch hoch aufgeladene Themen (z. B. Infragestellung des »Achtstundentages« oder der »35-Stunden-Woche«) werden in aggressiver Form aufgeworfen. Damit verbunden ist ein weiterer Niedergang im Bereich der Infrastruktur und der öffentlichen Institutionen sozialer Reproduktion. Mit der Verschlechterung der Leistungen im Bildungs-, Hochschul-, Gesundheits- und Pflegebereich sowie mit Rückschritten im Bereich der Klimapolitik und der steigenden Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes nimmt die Unzufriedenheit der Menschen zu, vor allem derjenigen, die vom Verkauf ihrer Ware Arbeitskraft leben müssen. Die wichtigste Aufgabe der politischen Linken, die sich insgesamt in einem (auch globalen) Prozess der Neugründung befindet, wäre wohl darin zu sehen, dass sie – als »neuer Fürst« (so die aktuelle Machiavelli-Debatte¹⁷) – das Bündnis zwischen der Friedensbewegung und jenen Kräften in den Gewerkschaften stärkt, die gegen die Politik des Sozialabbaus Widerstand mobilisieren.

Anmerkungen

1 Ich habe diesen Wandel zur »neuen Weltordnung« – als »Ende der Bipolarität und Erosion der Pax Americana« – in den ersten beiden Kapiteln des vierten Bandes meines Buches »Politisches Denken im 20. Jahrhundert«. Hamburg 2010, S. 17–112, analysiert. Vgl. dazu: Peter Wahl/Erhard Crome/Frank Deppe/Michael Brie: Weltordnung im Umbruch. Krieg und Frieden in einer multipolaren Welt, Köln 2025

2 Sven Beckert: Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution. Hamburg 2025, S. 950 f.

3 Die »Thukydides-Falle« bezeichnet das hohe Risiko eines Krieges oder schweren Konflikts, wenn eine aufstrebende Macht eine bereits etablierte Großmacht herausfordert. Der Begriff stammt ursprünglich vom antiken griechischen Historiker Thukydides, der den Peloponnesischen Krieg (431–404 v. u. Z.) zwischen dem etablierten Sparta und dem aufstrebenden Athen beschrieb.

4 Vgl. Graham Allison: Destined to War. Can America and China escape Thucydides’s Trap? Melbourne/London 2018

5 Vgl. Giuliano da Empoli: Die Stunde der Raubtiere. Macht und Gewalt der neuen Fürsten. München 2025

6 Peter Sloterdijk: Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute. Berlin 2026

7 Luuk van Middelaar: Das europäische Pandämonium. Was die Pandemie über den Zustand der EU enthüllt. Berlin 2021, S. 173

8 Joschka Fischer: Wer sind wir? Deutschland auf der Suche nach seiner Identität. Köln 2026

9 So die Frankfurter Rundschau im Lokalteil »Wetterau« vom 1. September 2025.

10 Herfried Münkler: Welt im Aufruhr. Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert. Berlin 2023, S. 404

11 Herfried Münkler: Macht im Umbruch. Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Berlin 2025, S. 34/35

12 Norbert Röttgen: Europa braucht Deutschlands Führung, online unter: koerber-stiftung.de/projekte/the-berlin-pulse/europa-braucht-deutschlands-fuehrung

13 Jean-Marc Vigilant: Europe must finance its Power, info@lalettre.robert-schuman.eu vom 30.6.26

14 Wolfgang Michal: Ganz Europa lechzt nach deutscher Führung: Auf Merz’ Heuchelei wäre Bismarck neidisch, Der Freitag, 17.12.2025

15 Hartmut Kaelble: Kann Deutschland Europa führen? N-TV, 9.7.2022; zur Geschichte deutscher Politik zur Beherrschung Europas nach wie vor grundlegend: Reinhard Opitz (Hg.): Europastrategien des deutschen Kapitals 1900–1945. Köln 1977

16 Vgl. Z 146, BRICS plus, Juni 2026

17 Vgl. dazu den Artikel von Perry Anderson zum Buch von Luuk van Middelaar: The Passage to Europe: How a Continent became a Union. In: London Book Review, Vol 42, No 24, December 2020

→ Frank Deppe schrieb an dieser Stelle zuletzt am 4. September 2025 über die Aufwertung des Nationalstaates in der Krise der neoliberalen Ordnung: »Der Leviathan lebt«

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.09.2026, Seite 12, Thema

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 3. Sept. 2026 um 13:54 Uhr
    »Russland unter Putin verfolgt eine Großmachtpolitik, die den Krieg in der Ukraine als notwendige Antwort auf das Vorrücken des Westens (das heißt auch der NATO) an seine westlichen Grenzen bezeichnet« Besser bzw. schlechter hätte auch Merz die tatsächliche Lage nicht umdeuten können. Wer seine nationale Souveränität gegen den Imperialismus verteidigt, »verfolgt Großmachtpolitik« Nach dieser seltsamen Logik hätten auch Nordkorea, Vietnam und aktuell der Iran Großmachtpolitik betrieben. In diesem Sinne geht es weiter: »Dabei will bzw. muss Deutschland die Initiative ergreifen, muss dabei aber lernen, dass in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts nicht Recht und anerkannte Regeln, sondern die ›Stunde der Raubtiere‹ geschlagen hat.« Ausgerechnet Deutschland muss lernen wie Raubzüge gehen. Was der »neue Imperialismus« sein soll, wird nicht erklärt, nur angedeutet. Wenn Deppe auch China und Russland als imperialistisch einstuft, scheint er eine Imperialismustheorie zu verfolgen, die mit der von Lenin nichts zu tun hat. Zu diesem Thema: Artikel »Ist Russland ein imperialistisches Land?« KAZ Nr. 380
    • AG 6. Sept. 2026 um 03:33 Uhr
      Und hierin liegt der Kern für den Zerfall der westlichen Linken. Der Ukrainekrieg offenbart die Grenzen ihrer geopolitischen Kompetenz. Und das wird sich eben auch nicht mehr ändern. Siehe jede neue DIE LINKE Führung. Siehe die DSA in den USA (also AOC und alle links von ihr). Siehe Mélenchon. James Carden spricht das Problem bzgl. DSA an in seinem Videointerview durch Ian Proud. (Carden hat ein neues Buch veröffentlicht über die Geschichte vom Wandel der US-Demokraten zur »Party of War«.) 41 min. https://therealistreview.substack.com/p/my-talk-with-the-peacemonger-about Ich erinnere mich an ein Gespräch auf Democracy Now mit Matt Duss, dem damaligen außenpolit. Berater von Bernie Sanders, zum Ukrainekrieg. Das war kurz und schmerzlos ein Moment von Erkenntnisgewinn, der jedes Missverständnis, jede Illusion wegwischte. Die Linken leben weiter in ihrem Märchenschloss. Vom »Garten« will ich hier nicht reden, obwohl Barroso und die Linke sich verschwistert betrachten dürfen. Verwandte, auf die man herabblickt mit Verachtung, aber wenns drauf ankommt, gelten die Familienbande. Schlechterdings wird die Linke bei uns nur reagieren auf die Absetzbewegungen Russlands und Asiens. Eine eigene Initiative verunmöglicht durch den Moralismus, dem man offenbar nicht mehr entkommt. »Token-leftists« war mal nur eine Provokation. Aber inzwischen ist sie zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden. Ganz ehrlich: Warum empfiehlt Solty diesen eindimensionalen Text??? p.s. Dieser Ausschnitt offenbart den Mangel bereits in der Fußnotenliteratur: Münkler, Middelaar, Allison?! Selbst wenn sie als Gegenstandssubjekte zur eigenen Abgrenzung angeführt werden – jedes Zitat birgt auch immer die Affirmation. Bereits Merz’ Idiotie in München anzuführen oder Münklers infantile Raubtier-Analogie, ohne sofort klarzustellen, dass das nur ein Witz sein kann von Leuten, denen jede fachliche Grundlage fehlt. Es hapert schon an der Arithmetik der industriellen Basis: Weltmacht, womit?
  • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 1. Sept. 2026 um 15:13 Uhr
    Achim Deppes Analyse ist wichtig und sehr lesenswert. Allerdings wird sie immer dann unscharf, wenn sie die Sicht vor allem auf die westlichen Großmächte richtet und die Entwicklungsrichtungen der anderen mit ihnen faktisch gleichsetzt. Ein Blick hinter die Kulissen, als wessen politische Stellvertreter diese Mächte agieren, wäre wichtig gewesen. Es sind bestimmte Kreise des Kapitals, die nach autoritären Herrschaftsformen dürsten und militärische Überlegenheit anstreben, um ihre Interessen durchsetzen zu können. Deren Gewicht und Einfluss in den großen Ländern dieser Erde sind aber zu differenziert, um sie unter dem Banner eines angeblich einheitlichen neuen Imperialismus alle über einen Kamm zu scheren.
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