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Ukraine-Krieg

»Finnlandisierung« war einmal

Kiew und Helsinki bauen Beziehungen aus – Neutralität ist für beide keine Option mehr. Historische Erfahrungen spielen keine Rolle

Von Stefano di Lorenzo
Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Wo früher reger Grenzverkehr herrschte, wachen heute finnische Spezialeinheiten (Virolahti, 16.7.2026)

Der finnische Präsident Alexander Stubb gilt als einer der engsten Freunde von Wolodimir Selenskij und der Ukraine. Diese hat am Montag ihren Unabhängigkeitstag gefeiert, zu dem zahlreiche europäische Staatschefs eingeladen worden waren. Schon am Vortag hatte Selenskij mit Stubb bei einem Rundtischgespräch eine »vertiefte ukrainisch-finnische Zusammenarbeit in der Rüstung« beschlossen. Es gehe darum, »die Kampferfahrung der Ukraine mit finnischen Technologien zu verbinden«, wie der ukrainische Präsident im Anschluss auf X bekanntgab.

Finnland und die Ukraine haben eine gemeinsame Geschichte. Beide waren im 19. Jahrhundert Teil des Russischen Reiches, und beide führten nach der Oktoberrevolution 1917 Unabhängigkeitskriege. Mit einem Unterschied: Finnland gewann, die Ukraine verlor. In Kiew sprach Stubb auch von der Geschichte. Er bezog sich jedoch auf den Winterkrieg von 1939, als die Sowjetunion Finnland angriff, um Gebiete rund um die »nördliche Hauptstadt« Leningrad zu sichern, die damals nur 32 Kilometer von der finnischen Grenze entfernt lag. Kaum ein Ereignis des 20. Jahrhunderts hat die finnische Nationalmythologie so geprägt wie der Winterkrieg. Finnland verlor neun Prozent seines Territoriums, fügte der Roten Armee jedoch schwere Verluste zu, weshalb der Krieg oft als eine Art Pyrrhussieg für die Sowjetunion angesehen wird. Stubbs eigene Verwandte verließen damals Karelien, eine der von der Sowjetunion annektierten Regionen. In Kiew bemerkte der finnische Präsident, dass »Finnland vor allem seine Unabhängigkeit bewahrt hat«.

Diese historische Erfahrung wurde von manchen als mögliches Vorbild für eine Lösung des Ukraine-Kriegs angesehen. Wie Finnland im Winter 1939/40 könnte die Ukraine einen Teil ihres Territoriums aufgeben und dennoch den Sieg erklären, da sie ihre formale Unabhängigkeit bewahren würde. Weder wollte die damalige Sowjetunion noch will das heutige Russland das gesamte Territorium ihrer Gegner annektieren.

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Im Gegensatz zu Finnland im Winterkrieg weigert sich die Ukraine, territoriale Zugeständnisse zu machen. Selbst auf die Schwarzmeerhalbinsel Krim, die sie 2014 per Referendum verloren hat, erhebt Kiew nach wie vor Ansprüche. Die Ukraine könnte einem Waffenstillstand entlang der Frontlinie zustimmen, doch eine offizielle Anerkennung der verlorenen Gebiete – »die Realitäten auf dem Schlachtfeld«, von denen Moskau regelmäßig spricht – steht nicht zur Debatte. Selenskij erklärte in der Vergangenheit, die Ukraine würde versuchen, die Gebiete mit nichtmilitärischen Mitteln wieder zu integrieren.

Schon lange bevor der Ukraine-Krieg 2022 wiederaufflammte, stand eine finnische Lösung für die Ukraine im Raum. Wie Finnland während des Kalten Krieges hätte die Ukraine neutral bleiben können. Nach dem Ende der Sowjetunion war 1990 auch ein entsprechendes Gesetz verabschiedet worden. Die Idee einer »Finnlandisierung« der Ukraine klang für manche im Westen und in Russland verlockend und vernünftig. Doch für ukrainische nationalistische Kräfte wäre sie eine Kapitulation vor Moskau. Kurz vor den Wahlen 2019 wurde die ukrainische Verfassung geändert, um die Bestrebung einer NATO-Mitgliedschaft darin zu fixieren. Selenskij befürwortete einen Beitritt in das westliche Kriegsbündnis, versprach jedoch ein Referendum darüber. Als er gewählt wurde, legten ihm NGOs eine lange Liste von »roten Linien« vor, die nicht überschritten werden dürfen. Ein Verzicht auf eine NATO-Integration galt für sie als Einknicken vor Russland. Die Ukraine wollte nicht wie Finnland im Kalten Krieg werden.

Statt dessen ist Finnland in den vergangenen drei Jahren in gewisser Weise mehr wie die Ukraine geworden. Im April 2023 gab das Land seine jahrzehntelange Neutralität auf und trat der Kriegsallianz bei. Einige Monate später schloss es seine Grenze zu Russland vollständig. Um die NATO-Vorgabe von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für den Wehretat zu erfüllen, kürzte Finnland Sozialleistungen und andere Ausgaben, während die Erwerbslosigkeit auf 10,3 Prozent stieg – den höchsten Wert in der EU. Bis 2022 stammten 92 Prozent des importierten Gases aus Russland, heute sind es null Prozent. Nach der russischen Invasion in der Ukraine hat sich Finnland für Konfrontation entschieden, ungeachtet der Kosten. Während es im Winterkrieg noch Zugeständnisse machte, nimmt es nun eine harte Haltung ein, ähnlich wie die extremsten Elemente der ukrainischen »Zivilgesellschaft« seit 2014.

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.08.2026, Seite 7, Ausland

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