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Jazz in der jW-Maigalerie

Das Rülpsen der Flöte

Hannes Zerbe und Mitstreiter spielen Jazz zu Gedichten von Gottfried Benn in der Berliner jW-Maigalerie

Foto: privat
»Spritzt nicht das Blut von Chopin in den Saal, / damit das Pack drauf rumlatscht!« – Gottfried Benn »Nachtcafé«

Wenn eine beliebte Konzertreihe ihren sommerlichen Höhepunkt erreicht, sollten wirklich alle daran teilnehmen, denen das möglich ist. Gemeint ist das »Nachtcafé«, das die Jazzkoryphäe Hannes Zerbe Dienstag abend im Rahmen von »jW geht Jazz« in der Maigalerie der jungen Welt in Berlin veranstaltet. An jedem ersten Dienstag im Monat ist dort Jazz zu hören, kuratiert von Zerbe. Am Dienstag sitzt er selbst am Klavier, während Jürgen Kupke die Klarinette bedient und die Schauspielerin Heide Bartholomäus Texte verliest. Nicht irgendwelche, sondern Gedichte von Gottfried Benn. Eines davon gibt der Veranstaltung den Titel: »Nachtcafé«.

Darin komprimiert der Dichter seine Beobachtungen zu später Stunde in einem Café mit Livemusik. Zunächst sitzen die Musiker in der Pause: »Das Cello trinkt mal rasch«, heißt es, und: »Die Flöte rülpst tief«, und zwar drei Takte lang. Später gibt es eine Sonate in b‑Moll. Außerdem taucht eine Frau auf, die alle Blicke auf sich zieht. Aber: »Eine Fettleibigkeit trippelt hinterher.« Die Schöne ist also vergeben. In kurzen Sätzen fängt Benn Stimmungen und Aktionen ein, verschränkt Phantasien mit Fakten. Schräg und wahrhaftig sind alle für den Jazzabend ausgewählten Gedichte. Benns lyrische Tonart war expressionistisch, während sein Lebensstil zwischen bürgerlich und bohemienhaft schwankte.

Die Musik des Abends beruht auf Kompositionen von Hannes Zerbe sowie auf dem Prinzip der Improvisation. Manches ist melodisch-locker, anderes dramatisch-rhythmisch. Béla Bartók stand mitunter Pate, lieferte die Inspiration. Er entstammte derselben Generation wie der 1886 geborene, 1956 verstorbene Benn. Zwei Weltkriege haben diese Künstler durchlitten.

Im Gegensatz zu Bartók war Benn zunächst fasziniert von den Nazis, bekannte sich 1933 zum totalitären Staat. Bis er 1934 vor den Verbrechen zurückschreckte. Benn überlebte als Militärarzt und kultureller Außenseiter und konnte, obwohl er erst ab 1948 wieder publizieren durfte, bald nach dem Krieg Bedeutung erlangen. Seine Fühligkeit, sein Witz, seine Wortmacht zeichnen ihn aus und machen seine Gedichte zu kleinen Feuerwerken des Esprit.

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Hannes Zerbe und seine Mitstreiter haben Erfahrung mit der Kombination von Jazz und Dichtung. Jazz plus ­Goethe, Brecht, Bachmann, Heiner Müller, Volker Braun – von der Klassik bis zur Gegenwart reicht das literarische Spektrum, das Zerbe bei seinen originellen Events mit Musik angereichert hat.

Auch Benn ist für den hochkarätigen Jazzer, der ein eigenes Orchester hat und 2021 den Jazzpreis Berlin erhielt, keine neue Herausforderung: 2016 erschien bereits die CD »Nachtcafé«, bei der Zerbe mit Heide Bartholomäus und dem Duo Dirk Engelhardt kooperierte. Letzteres wird nun beim Konzert von Jürgen Kupke ersetzt. Kupke und Zerbe wiederum können auf eine langjährige Zusammenarbeit zurückblicken, was vor allem den Improvisationen zugute kommt.

Zehn Gedichte von Benn entführen mit der jazzigen Musik in verschiedenste Gefilde. In ein Restaurant, in die Natur, an den Küchenherd, bis zur »Tristesse«. Benn reflektiert in seiner lakonischen Art, was er sieht – und setzt Emotionen ein, um den Alltag metaphorisch aufzuladen. Auch sein Leben verbrachte er mehrgleisig: Er schrieb, praktizierte aber auch als Arzt. Privat war er, das darf man so sagen, ein ziemlicher Schürzenjäger, der sich mehrere Geliebte hielt und die Wohnung, in der er Frau und Kind untergebracht hatte, nur selten betrat.

Benns leichte Schwäche – zuviel Pathos mit Bitternis – wird in den sorgsam ausgewählten Gedichten nicht zu spüren sein. Vielmehr gibt der Jazz den Zuhörern die Möglichkeit, den verspielt-hintergründigen Assoziationen des Poeten weitere hinzuzufügen. Um voller Lust neue Gedanken zu finden, geleitet von den Planeten aus Zerbes Jazzuniversum.

→ »Nachtcafé – Jazz und Lyrik von Gottfried Benn« mit Hannes Zerbe, Jürgen Kupke und Heide Bartholomäus am Dienstag, 1. September 2026, um 19.30 Uhr (Einlass ab 19 Uhr) in der Maigalerie der jungen Welt, Torstraße 6, 10119 Berlin. Eintritt: 10 Euro (erm. 5 Euro), Anmeldung erbeten: telefonisch unter 0 30/53 63 55-54 oder via E-Mail an maigalerie@jungewelt.de

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.08.2026, Seite 10, Feuilleton

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