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Kino

Menschliche Fracht

Jason Statham zeigt sich in Jean-François Richets Actionfilm »Mutiny« von seiner humanistischen Seite

Foto: Landmark Media/IMAGO
Meutern für die Menschlichkeit: Jason Statham als britischer Expolizist Cole Reed

»Vermisst du den Polizeidienst?« fragt Tibu Campallo (Ramon Tikaram) seinen Bodyguard Cole Reed (Jason Statham). Der bringt es in der Antwort auf den Punkt: »Ich vermisse die Action dort, aber nicht die Intrigen.« »Mutiny« bietet beides: Handfeste Kämpfe und ein mörderisches Komplott. Bei aller Brutalität – und das mutet in diesem Genre geradezu neu an – ist unter der Regie von Jean-François Richet (»Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt«, »Public Enemy No. 1 – Todestrieb«, beide 2008) auch ein humanistisches Werk entstanden, das Themen wie Loyalität und Berufsethik verhandelt und das längst wieder florierende Verbrechen des Menschenhandels anprangert.

Cole Reed arbeitet seit fünf Jahren in Bangkok als Sicherheitschef für den reichen Reeder Tibu Campallo, den er kennenlernte, als er ihn vor einem Attentat rettete. Seitdem behandelt ihn der reiche Mann wie ein Familienmitglied. Doch als sein Sohn Kameron (Chaneil Kular) geschäftlich eigene Wege gehen will und der Unternehmer sich zum Verkauf seiner Firma entschließt, gerät er in einen Hinterhalt. Cole kann diesmal nicht verhindern, dass sein Ziehvater ermordet wird. Der Leibwächter beschließt, Tibus Tod zu rächen und folgt einer heißen Spur zum Frachtschiff Artemis. Dort stellt sich heraus, dass der Kapitän (Roland Møller) und seine Crew im Auftrag des eleganten Geschäftsmanns Daniels (Simon Kluth) heimlich Menschenhandel betreiben. Auf hoher See muss Cole nun gemeinsam mit der erst kürzlich angemusterten, integren Schiffsoffizierin Angie Ellis (Annabelle Wallis) versuchen, die menschliche Schmuggelware zu befreien, zu der auch Frauen und kleine Kinder gehören. Natürlich, während sie sich mit einer 20köpfigen Bande von als Schiffsbesatzung getarnten, gewissenlosen Söldnern herumschlagen.

Dennis Gansel, der schon 2010 für den erfrischend romantischen Action-Thriller »Mechanic: Resurrection« mit Jason Statham zusammenarbeitete, sagte mir im letzem November bei der Berliner Premiere seiners Films »Der Tiger«, dass Jason Statham ein besserer Schauspieler sei, als er selbst von sich denke. Recht hat er. Das wird in »Mutiny« deutlich. Statham, der bis in die 90er Jahre als professioneller Wasserspringer aktiv war, zeitweilig den zwölften Platz der Weltrangliste belegte, ist hier vor allem in den Szenen mit seinem Mentor auf dem besten Weg zum Charakterdarsteller. Die Chemie zwischen dem Briten und dem fidschianisch-malaysischen Schauspieler Ramon Tikaram stimmt einfach. Was im Film nicht auffällt: Beide sind quasi gleichaltrig. Statham wurde am 26. Juli 1967 in Shirebrook, Derbyshire geboren, Tikaram am 16. Mai 1967 in Singapur, doch durch seine kurzen, grauen Haare wirkt er älter.

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Überhaupt gibt es in »Mutiny« (nur: wer meutert hier eigentlich gegen wen?) erstaunlich gute Schauspielleistungen zu sehen. Der von Campallo abgöttisch geliebte »echte« Filmsohn ist um das Familienoberhaupt zwar ehrlich besorgt, hat aber selbst Dreck am Stecken. Sogar die Bösewichte wie der von Roland Møller verkörperte korrupte Kapitän, der auf der Kommandobrücke ein Foto seiner Frau und des gemeinsamen Kindes deponiert, werden komplex dargestellt.

Die Kämpfe sind von Godefroy Ryckewaert und Laurent Buson vor allem beim sogenannten Close-Quarters Combat phantastisch choreographiert und in ihrer Drastik nicht vorhersehbar. Jason Statham, der in den meisten Szenen ohne Double auskommt, geht dabei physisch an seine Grenzen und vielleicht darüber hinaus. Die klaustrophobe Atmosphäre auf dem Schiff erinnert sogar an Bernhard Wickis lange Zeit unterschätzten Spionagefilm »Morituri« (1965) mit Marlon Brando, Yul Brynner und Janet Margolin. Brendan Galvins superbe Farbfotografie kann sich hier mit der Schwarzweißfotografie eines Conrad L. Hall messen. Dass die Landaufnahmen für »Mutiny« hauptsächlich auf Malta gemacht wurden, sieht man ihnen nicht an. Der Zuschauer fühlt sich direkt nach Thailand versetzt. Bei aller handwerklichen Versiertheit sind auch die knackig-lakonischen Dialoge von Lindsay Michel und J. P. Davis hervorzuheben. Ohne zu spoilern: Auch das letzte Wortgefecht beim Showdown hat es in sich. »Mutiny« ist also von der ersten Sekunde bis zum überraschenden Techno-Rockabilly von Filmkomponist Marcus Trumpp im Abspann eine runde Sache.

→ »Mutiny«, Regie: Jean-François Richet, UK/USA 2026, 95 Min., bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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