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Kunst

Schule des Entdeckens

Ein Galerist, der die Kunstwelt veränderte: Die Ausstellung »Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus« in der Berliner Alten Nationalgalerie

Foto: Alte Nationalgalerie/Oliver Ziebe
Max Slevogt, »Porträt Suzanne Aimée Cassirer« (1901)

Kunst kann hochjubeln und runterziehen, schönreden und niedermachen, verherrlichen und in den Abgrund stoßen. Kunst kann eine Botschaft vermitteln – oder sie auch zunichte machen. Kunst kann erfreuen und erzürnen. Kunst ist immer härter als das Leben und dennoch zugleich erhebend. Sie kann verniedlichen, brachialisieren, die Wahrnehmung ändern. Sie kann sensibilisieren. Oder auch abhärten. Langfristig glücklich machen oder sofort frustrieren. Der Berliner Galerist Paul Cassirer, der ursprünglich Schriftsteller werden wollte, wusste das auch. Er gründete zusammen mit seinem Cousin Bruno Cassirer eine Galerie in Berlin, die rückblickend in den Rang eines großen Museums aufstieg. Denn Paul Cassirer hatte den entscheidenden Mut und den notwendigen Instinkt für die Weltkunst, zudem das Talent fürs Management sowie – durch sein begütertes Elternhaus – das nötige Kapital, um seine Visionen umzusetzen. Die Alte Nationalgalerie in Berlin ehrt ihn nun mit einer großangelegten Schau zu seinem 100. Todestag. Josephine Klinger, Kuratorin der Ausstellung, und Kokuratorin Franziska Lietzmann gelang damit ein überaus sehenswerter Coup. Die Entwicklung der bildenden Kunst rund um den Impressionismus wird spielerisch deutlich.

Am 7. Januar 1926 verstarb Cassirer kurz vor seinem 55. Geburtstag; er erlebte die Greuel der Nazis nicht mehr. Die Umstände seines Todes waren tragisch bis skurril, dazu später mehr. Er stammte aus Breslau (heute Wrocław), studierte Kunstgeschichte in München und gründete mit seinem Cousin 1898 die zunächst gemeinsam geleitete Galerie in Berlin-Tiergarten, den »Kunstsalon Cassirer«, nebst einem Buchverlag, den Bruno Cassirer später alleine führte. Paul blieb so aufsehenerregend wie erfolgreich im Kunsthandel tätig. Die Kunst, die er und die ihn bekannt machte, spiegelte die fortschrittliche Kunstauffassung seiner Zeit; es war der Beginn der Avantgarden.

Der Maler Max Liebermann, Jude wie Cassirer, war zunächst der Magnet, der für Zulauf sorgte. Aber man muss bedenken, dass der Impressionismus in Deutschland noch keine anerkannte Kunstrichtung war. Aus Frankreich kommend, wurden die stimmungsvollen, damals noch ungewohnten Bilder oft als »Zumutung« empfunden. Allen Ernstes beanstandeten Kritiker den »Mangel an Ausarbeitung« – das ist so, als würde man dem »Boléro« von Maurice Ravel eine Überbetonung des Rhythmus vorwerfen.

Rhythmisch wirken auch viele gemalte Details in den Werken der Impressionisten. »Der Fliederstrauß« von Édouard Manet, der um 1882 entstand, lässt die kleinen weißen Rispenblüten des Flieders sich wie aufgereihte Perlen unter ihrer eigenen Last beugen. Helles Licht fängt sich in ihnen, bringt das Gestrüpp zum Glitzern. Gleichsam als Melodie erkennt man dazu tröpfelnde, lyrische Klänge, auf der Basis von kräftigen Bässen, die sich in der Kristallvase mit den Blumenstängeln versinnbildlicht finden.

Auch die Naturauffassung von Liebermann war synästhetisch. Kräftig wiegen sich die Äste der Laubbäume, durch die sich der »Blick auf den Wannsee mit Segelbooten« öffnet, im sommerlichen Wind. In Edgar Degas’ Gemälde »Die Orchestermusiker« von 1872 wiederum übernehmen die Celloschnecken sowie die Köpfe der Musiker die Funktion der Bäume: Man späht über sie hinweg und entdeckt so die sich verbeugende Ballerina. Strahlend heiter, aber auch entrückt, nachgerade irreal wirkt sie im gleißenden Rampenlicht gegen die düsteren Schatten der Musiker. Kunst als Schule des Entdeckens.

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Die Ausstellung spannt einen weiten Bogen. Nicht nur klassischen Impressionismus zeigt sie, sondern auch Parallel- und Nebenströmungen. Vom Realismus und Symbolismus bis hin zum Expressionismus. Darin wirkt die »Familie Rumpf«, 1901 gemalt von Lovis Corinth, wie eine Sozialstudie. Die Künstlergattin, Ehefrau des Malers Fritz Rumpf, ist als Mutter mit den Kindern zu sehen. Sie blickt eher konsterniert als fröhlich drein. Man konnte damals leicht von heute auf morgen verarmen, und diese Angst scheint sich im Gegenlicht des Bildes unausgesprochen mit zu präsentieren.

Ludwig Meidner malte die »Revolution« (1912/13) als Barrikadenkampf, mit tapferen Verwundeten. Nachgerade hellsichtig wirkt das Bild, denkt man an die Novemberrevolution von 1918/19. Von Paul Cézanne stammen hingegen Versuche, die Arbeitswelt in Gemälden zu fassen. Fischer hantieren mit Gerätschaften, Hafenarbeiter mühen sich am Quai in Paris mit Lasten. Sie fügen sich in die jeweilige Landschaft ein, als seien sie Bestandteile einer inszenierten Kulisse.

Aber auch Porträts gibt es in vielen Formen und Formaten. »Im Sommer« von Auguste Renoir zeigt Renoirs Freundin Lise Tréhot in freier Natur, von der Hitze erschöpft, tief dekolletiert. Sehr sinnlich. Auf Karl Walsers »Varieté« schaut eine Tänzerin im roten Kleid lasziv über die Schulter. Max Slevogt porträtierte Paul Cassirers Tochter Suzanne Aimée inmitten ihrer Spielzeugwelt. Und der Bildhauer Georg Kolbe schuf 1925 eine Bronzebüste von Paul Cassirer, die ihn im Jahr vor seinem Tod als honorigen Bürger zeigt.

Privat hatte Cassirer allerdings wenig Glück. Seine Einsätze im Ersten Weltkrieg hatten Traumata hinterlassen, die er durch einen intensiven Lebensstil zu verdrängen suchte. »Dionysisch« sei er, urteilte der Bildhauer Ernst Barlach. Tatsächlich wollte Cassirer solider leben, als es ihm gelang. Seine erste Ehe wurde geschieden, der Sohn Peter starb 1919 durch Suizid. Die zweite Ehe – mit der österreichischen Bühnendiva Tilla Durieux – führte zum Freitod von Cassirer selbst, weil Tilla sich scheiden lassen wollte. Nachdem er vor ihren Augen beim Notar sein Testament unterschrieben hatte, ging er ins Nebenzimmer und schoss sich in die Brust. Die Scheidungspapiere hatte er nicht unterzeichnet. Was außer dem Verlustschmerz noch hinter seiner Depression steckte, weiß man nicht. Aber Zufall war es wohl nicht, dass Cassirers Tochter – das Kind auf dem Bild von Slevogt – Psychoanalytikerin wurde.

Der zeitweise illustren Ehe der prominenten »Gesellschaftstiere« Paul und Tilla spürt ein Vortrag der Expertin Daniela Gregori am 2. September in der Alten Nationalgalerie nach. Diese mittwochs stattfindenden Veranstaltungen unter dem Motto »Das Universum Cassirer« sind – als kurzfristig anberaumtes Rahmenprogramm – ohne Anmeldung und kostenfrei zu besuchen. Sie ermöglichen eine Stunde lang vorab (von 18 bis 19 Uhr) auch den kostenlosen Besuch der Ausstellung.

Die Reihe beginnt am 12. August mit dem Podiumsgespräch »Hinter den Kulissen der Forschung – Paul Cassirer als Unterstützer der Avantgarden«. Außer der Kuratorin Josephine Klinger und der Museumsdirektorin Anette Hüsch nimmt auch der Literaturwissenschaftler und Ausstellungsmacher Bernhard Echte teil. Echte publizierte 2016 zusammen mit dem Verleger und Kunsthändler Walter Feilchenfeldt die sechsbändige Ausstellungsgeschichte des »Kunstsalon Cassirer«.

Didaktische Hilfe wie diese ist für die Rezeption der Ausstellung sinnvoll. Denn die Fülle der über 150 Exponate macht es nicht einfach, den Geist jener Zeit einzugrenzen. Aber mit den Tierskulpturen von August Gaul, die sich wie ein Leitmotiv durch die Ausstellungsräume ziehen, entdeckt man auch einen Künstler, der weniger auffallend, dafür aber empathisch arbeitete. Das Credo von Paul Cassirer erfüllt sich auf jeden Fall: Kunst kann fast alles.

»Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus«, bis 27.9., Alte Nationalgalerie Berlin, Di. bis So., 10 bis 18 Uhr. Kostenloses Rahmenprogramm: ab 12. August

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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