Krawall, KI und Kummer
150 Jahre Bayreuther Festspiele mit seltsamen Neuheiten und Rekorden
Wie feiert man heutzutage ein Jubiläum der Bayreuther Festspiele? Mit Krawall, KI und Kummer für Puristen. Das dachte sich wohl Katharina Wagner, Urenkelin des weltberühmten Komponisten Richard Wagner und Chefin der von ihm gegründeten Sommerspiele. Schon zum 150. Mal finden sie statt. Katharina Wagner hat seit 2015 die künstlerische Gesamtleitung und die Geschäftsführung des Spektakels inne; zuvor teilte sie sich beide Posten mit Eva Wagner-Pasquier, ihrer Halbschwester. Andere geschwisterliche Verhältnisse schildert ihr Urgroßvater in seiner »Walküre«: Da finden sich zweieiige Zwillinge zum heimlichen Liebesspiel mit Folgen. Ohne hervorragende Sänger kann man so etwas vergessen. Ungewöhnlich ist nun, dass die Festspiele dieses Jahr – am letzten Sonnabend – mit einem Konzert statt einer Oper eröffnet wurden. Von Wagner stammte nur ein Teil des Programms. Damit wurde der Weg geebnet für eine Spielplangestaltung, die nicht mehr nur Wagners Opern zeigt. Schrecklich.
Die Premiere der Festspiele funkelte dann am vergangenen Sonntag: mit »Rienzi«, einem Wagnerschen Frühwerk, von dem sich der Jahrhundertkomponist selbst in scharfsinniger Selbsterkenntnis – wegen der Unreife der Partitur – distanziert hatte. Wagner wollte ausdrücklich nicht, dass diese Oper jemals im Festspielhaus in Bayreuth gezeigt wird. Zum Jubiläum setzt sich seine Urenkelin aber einfach darüber hinweg. Ihr mutmaßliches Motto, einer Reklame von vor vierzig Jahren entlehnt: »Frech kommt weiter!«
Diskussionen und Terz, nicht nur Terzen, sind ihr wichtig. Ein Zank mit Michel Friedman heizte schon vorab die Konfliktfreude an. Schließlich durfte Friedman offiziell dazu einladen, darüber nachzudenken, ob und wie man »Rienzi«, weil sie Hitlers Lieblingsoper war, überhaupt genießen dürfe. Da das Werk weltweit immer dann aufgeführt wird, wenn ein Regisseur oder ein Dirigent dazu Lust verspürt, war die Diskussion nicht ganz so knackig.
Künstlerisch beeindruckt »Rienzi« als Inszenierung des ungarischen Damenduos Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka mit einer Vielzahl sinnstiftender Ideen. Leider wurden sie nicht zum konsequenten Konzept zusammengefügt. Der Anfang ist stark: Rienzi, Roms letzter Tribun und Diktator, sieht mit rotblondem Toupet aus wie Bill Gates. Er singt aber zum Glück wie Andreas Schager, der in vielen Nuancen schillernd den scheiternden Machtmenschen gibt. Die Regie schenkt ihm zudem einen an Keuchhusten versterbenden Sohn, und das Trauma Kindesverlust prägt hier Rienzis Untergang. Skurril. Nur was Weltkunst im Kern ausmacht, vermisst man. Obwohl Dirigentin Nathalie Stutzmann sich viel Mühe mit dem »Rienzi«-Steinbruch aus Melodien und Akkorden gibt.
Enttäuschend: der Parforceritt von Tenor Klaus Florian Vogt, der als erster Sänger überhaupt an allen vier Abenden von Wagners »Ring« auftritt. Welch Rekord: Die Partien von Loge, Siegmund (dem Zwilling in der »Walküre«) und Siegfried singt Vogt, soweit es schon lief, tadellos. Aber: Das plump-pathetische, auf lautstarke Bläser und auf Pausen zur falschen Zeit abstellende Dirigat von Christian Thielemann vermasselt viel. Seine Anhänger jubeln trotzdem.
Weniger gnädig ist das Publikum mit dem KI-Experiment, das die IT-Spezialisten Marcus Lobbes und Nils Corte anrichten. Statt einer Inszenierung bieten sie bunte Lichtprojektionen, die auf bisherigen Bayreuther »Ring«-Inszenierungen basieren. Ein Schlamassel. Die Sänger stehen darin stumpfsinnig herum, nicht gerade hilfreich, um die ohnehin verworrenen Handlungsstränge zu begreifen. Zum Jubeln gibt es also nicht so viel.
Die ARD-Mediathek zeigt »Rienzi«, BR Klassik überträgt den »Ring« und lässt ihn 30 Tage zum Nachhören online.
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