Architektur der Leichtigkeit
»Bauen für die DDR«: Eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie würdigt das Werk Josef Kaisers
Mein Traumhaus steht in der Karl-Marx-Allee. Die Galeristin Gisela Capitain war schneller und zog mit ihrer Galerie »Capitain Petzel« ein. Das ist auch gut so. Ich bin froh, dass sie meine Begeisterung für den mit blauen und gelben Mosaiken geschmückten Pavillon teilt. Das Gehäuse ist klar und durchlässig gedacht, die Fenster sind so groß, dass ich die Einrichtung ganz leicht von draußen planen konnte. Erst jetzt erfuhr ich den Namen des Architekten. Die Berlinische Galerie widmet ihm vom 28. August 2026 bis 1. Februar 2027 eine Ausstellung: »Josef Kaiser. Bauen für die DDR.«
Der 1991 verstorbene Kaiser hat auch das Kino International, das Café Moskau und die Mokka-Milch-Eisbar entworfen, alle in unmittelbarer Nähe »meines« Pavillons. Dass sein Name nicht so geläufig ist, mag daran liegen, dass in der DDR in den 60er Jahren Wert auf die Arbeit des Kollektivs gelegt wurde, in der jeder einzelne seine Aufgabe erfüllte. Kaisers Handschrift ist dennoch erkennbar in dieser Architektur der Leichtigkeit, der klaren Linie, mit Ornamenten, Mosaiken und Wandbildern als sublimen Blickfängen. Doch auch die Galerie weist darauf hin, dass diese Gebäude Ergebnisse kollektiver Arbeit sind.
Josef Kaiser hatte mit seinen Entwürfen für den Kulturpalast der Maxhütte in Unterwellenborn auf sich aufmerksam gemacht. Später leitete er als Chefarchitekt den Aufbau des Wohnkomplexes II im heutigen Eisenhüttenstadt. Nach der klassizistischen Phase der DDR-Architektur prägte er den Wandel zur Moderne maßgeblich mit. Wegen seines ausgeprägten Sinns für das Repräsentative und der Eleganz seiner Entwürfe, auch als es darum ging, sparsamer zu bauen, wurde Kaiser 1962 mit dem Nationalpreis zweiter Klasse der DDR geehrt.
Doch er hat nicht nur für die DDR gebaut. Die Ausstellung thematisiert auch seine NSDAP-Vergangenheit. Der junge, erfolgshungrige Architekt, 1910 in Österreich-Ungarn geboren und in Prag ausgebildet, wollte vorankommen. Während der Naziherrschaft war Weimar seine erste Station. Dort entwarf er das Kreishaus der NSDAP. Später ging er nach Berlin. Nach dem Weltkrieg, nach Dienstverpflichtungen, Lazarett und schließlich dem schambesetzten Entnazifizierungsverfahren zog er sich aus der Architektur zurück und wurde Operettensänger. Doch das war nur eine Phase. Bald war der Tenor wieder am Reißbrett, dort, wo die neu gegründete Republik architektonisch gestaltet und aufgebaut wurde. Am Ende seiner Laufbahn war er beratend tätig und trug noch seine Ideen für den Bau des Palasts der Republik bei.
Josef Kaisers Werk ist hochpolitisch, doch ausgeführt von einem Menschen, der offensichtlich keine Lust hatte, sich mit Ideologien und daraus folgenden Moralfragen zu beschäftigen. Inwieweit diese Haltung verwerflich ist, steht dahin. Die Ausstellung wertet nicht. Anhand seines Nachlasses erzählt sie Zeitgeschichte, ergänzt mit Fotografien u. a. von Arno Fischer, Ute Mahler und Sibylle Bergemann. Auch ein restauriertes Stück des glimmernden, funkelnden Originalbühnenvorhangs des Kinos International ist zu sehen. Neben Bauzeichnungen und Schriftwechseln werden zwei farbige Collagen von Dieter Urbach gezeigt, der die wagemutigen Pyramidenhäuser von Kaiser in Szene setzte. Diese Häuser, im Grunde ganze Städte, wurden nie verwirklicht. Die Künstlerin Tracey Snelling nimmt in ihrer Installation »Großhügelhaus« Bezug auf Kaisers Utopie, ein humorvolles Highlight der Ausstellung, neben zwei weiteren zeitgenössischen Arbeiten von Veronika Kellndorfer und Karsten Konrad.
Die Berlinische Galerie begann mit der Erforschung des Werks von Josef Kaiser, als sie 2025 Teile des Nachlasses von den Erben übernahm. Andere Teile übernahm das Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), mit dem die Galerie, die in ihrer Sammlung einen Schwerpunkt auf DDR-Architektur legt, eng zusammenarbeitet. Besuchern sei unbedingt noch der Raum für die unbekannten DDR-Architektinnen in der neuen Dauerausstellung des Hauses ans Herz gelegt.
→ »Josef Kaiser. Bauen für die DDR«, Berlinische Galerie, bis 1. Februar 2027.
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