Gegen jede Chance
Heiße Liebe, kaltes Milieu: Michel Francos Melodram »Dreams – Gefährliches Verlangen«
Eine heimliche Liebe, ein verbotenes Leben, ein heißer Tanz: Die Hauptperson Fernando in »Dreams – Gefährliches Verlangen«, dargestellt vom New Yorker Starballerino Isaac Hernández, hat den Zuschauern viel zu bieten – und als Filmheld macht er viel durch. Zu Beginn des Films (Regie: Michel Franco) sieht man den jungen Mann aus einem Lkw mit mexikanischen Geflüchteten steigen. Zielstrebig geht er los, durchwandert eine unwirtliche Region der USA, um in einem Reichenviertel in San Francisco an einer Tür zu klingeln. Niemand öffnet. Aber Fernando kennt sich aus und angelt sich den Schlüssel aus dem Gebüsch. Die Frau, die abends nach Hause kommt, kennt ihn. Er muss sie nicht erst verführen. Doch der mittellose Tänzer und die stolze High-Society-Dame – haben sie zusammen eine Chance?
Das ist die Leit- und Leidfrage des Films. Die Liebe zwischen dem Geflüchteten, der in den USA ein neues Leben anfangen will, und der Tochter eines Superreichen, die in der Kulturstiftung ihres Vaters arbeitet, brennt wie Zunder. Aber durch die beiden Protagonisten gewinnt man die unterschiedlichsten Perspektiven. Über Fernando erhält man Einblicke in das Leben der Mexikaner in den USA. Und über Jennifer – von der Oscar-Preisträgerin Jessica Chastain gespielt – lernt man die Sphäre der reichen Kunstfreunde kennen. Deren Toleranz ist begrenzt. Unmissverständlich macht Jessicas Vater (Marshall Bell) ihr klar, dass er keine Liebelei seiner Tochter mit einem Nachwuchskünstler duldet.
Ohnehin will sie, die eine gescheiterte Ehe hinter sich hat, Fernando am liebsten in ihrem Schlafzimmer verstecken. Der mittellose Lover ist ihr öffentlich peinlich. Und sei er künstlerisch noch so begabt. Tatsächlich schafft es Fernando auch ohne sie bis ins San Francisco Ballet. Der Ballettdirektor entdeckt ihn, als er vor dem Theater ein paar Sprünge absolviert. Prompt wird er als Romeo besetzt. Allerdings kann man ihm auch am Theater nicht sofort die notwendigen Papiere besorgen. Und Jessica ist alles andere als loyal: Sie verpfeift Fernando bei den Behörden zur Abschiebung, um ihn loszuwerden. Wie Macht den Charakter verderben kann, zeigt der Film exemplarisch.
In delikaten, auch sehr direkten Bildern sehen wir die Intimität zwischen Fernando und Jennifer. Eine Amour fou: Kaum sehen sie sich, begehren sie einander. Das »gefährliche Verlangen« aus dem Filmtitel ist mehrfach zu deuten. Es passt aber auch in rein sexueller Hinsicht.
Die Tanzszenen – teils im Ballettsaal, teils auf der Straße, teils auf der Bühne – zeigen uns dann die eigentliche Welt Fernandos. Hier wird seine Leistung anerkannt, ohne sexuelle Dienstleistung und ohne gültige Papiere. Er brilliert, aber auch die anderen Tanzenden sind sehenswerte Profis. Nur Jennifer sieht in ihm lediglich den Sexsklaven. Diese Liebe krankt von Beginn an: durch die mangelnde Achtung der Liebenden füreinander. Darum eskaliert die Beziehung schließlich und mündet in Gewalt. Beide zahlen einen hohen Preis. Die Schuld geht an die Gesellschaft, aber auch ans unfähige Individuum. Vor allem Jennifer ist nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen. Sie hegt ausschließlich Gefühle der Gier.
Auch wenn es in der Realität meistens Männer sind, die das dicke Portemonnaie und eine abschätzige Meinung von ihrer Sexpartnerin haben. Generell wird hier ein wichtiges soziales Problem vorgeführt, nämlich die Exklusivität der Eliten, die auf dem Ausschluss aller anderen beruht.
Die Geschichte von Jennifer und Fernando zeigt, dass manche Widerstände unüberwindbar erscheinen. Das ist realistisch. Schon gegenseitiger Respekt ist heute oft nicht mehr möglich, wenn der jeweilige Kontostand die Menschen trennt. Am Ende wird Fernandos materielle Existenz von Jennifers Bruder (Rupert Friend) in wenigen Sekunden vernichtet. Von der einst heißen Liebe bleibt nur noch Rachewahn. Liebe als ein auch politisches Menetekel.
→ »Dreams – Gefährliches Verlangen«, Regie: Michel Franco, USA/Mexiko 2026, 98 Min., Kinostart: heute
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