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Rock

Tumbleweeds in Sulingen

Impressionen vom Reload-Festival

Foto: Friso Gentsch/dpa
Fast so schön wie Wacken: Sonnenschein in Sulingen (15.8.2026)

Sulingen liegt etwas oberhalb des in Niedersachsen weltbekannten Saurierparks Münchehagen. Hier gibt es wenig Menschen und viel plattes Land, Hafer, Gerste and all this shit. Bei gutem Wetter staubt es mächtig, bei schlechtem wird die Gegend zu einer riesigen Suhlekuhle. Kein Wunder also, dass die Betreiber des Wacken Open Air hier vor einem Jahrzehnt eingestiegen sind, um das hiesige ­Reload-Festival zu einem kleineren Ableger umzumodeln.

Das ist übrigens gelungen. Fast 20.000 treibt es mittlerweile hierher, die Überschneidungen zum Wacken-Billing sind hoch, und neuerdings schenken sie auch dieses Frühstücksbier Anheuser-Busch Bud aus, das den Metalheads auf dem Mutterfestival tiefe Sorgenfalten in die Stirn geschnitzt hatte.

»Damit kannste den Grill ablöschen oder Schnecken fangen«, meinte ein Metal-Veteran im abgetragenen ­Rose-Tattoo-Shirt, der am Beck’s-Stand festgekettet schien. Die Reload-Macher vor Ort hatten offensichtlich den Unmut in den Foren bemerkt und ein bisschen Konkurrenzbier eingekauft. »Beck’s ist natürlich was ganz anderes«, konterte ich und schob noch zur Bekräftigung ein Zitat meines verstorbenen Freundes Michael Rudolf nach. »Schmeckt immer so, wie man sich gerade fühlt – also meistens beschissen!«

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Das brach das Eis. Der Tatts-Apologet schmiss eine Runde und fragte bald darauf: »Wie fühlst du dich?« Just rüpelten die Kalifornier Stick to Your Guns agilen Hardcore mit Hooks von der Rampe herunter, und ich gab zu, mich durchaus an problematischere Momente in meinem Leben erinnern zu können. Wir vertauten uns also ebenfalls am Beck’s-Stand und bemerkten jetzt erst die strategisch günstige Position. Von hier aus konnte man beide Bühnen sehen, hören sowieso, und Orbit Culture, Deafheaven, Soulfly, Terror und Lamb of God liefen dann in etwa so rein wie das Bier an diesem heißen Wochenende Mitte August (13.–15.).

Der Klimawandel machte tatsächlich keinen Bogen um Sulingen. Es war schon wochenlang recht warm in der Gegend gewesen, das lokale Landvolk sprach von Tumbleweeds, die neuerdings über die Pläne eierten. Deshalb sahen viele Besucher auch aus wie Posträuber im Wilden Westen und zogen ihre Halstücher über die Nase. Als einer dieser Banditen sah, dass ich mir Notizen machte, schaute er mich aus myopischen Augen an und meinte nur: »Ich bin Daniel Berens, schreib das!«

Zakk Wylde war auch da. Er sprang mit Black Label Society auf der kleineren Bühne herum und erweckte ganz stark den Eindruck, dass die viele Imitatio Ozzy in seiner Covertruppe Zakk Sabbath seiner Stimme jetzt endgültig eine Richtung gegeben habe. Natürlich ließ er auch seine Gitarre wieder fiepen wie einen aufgeregten Dalmatiner, der ganz dringend mal Gassi muss. Wenn man das länger nicht gehört hat, nervt es nicht ganz so sehr.

Schließlich kamen Arch Enemy mit ihrer neuen Sängerin Lauren Hart und bewiesen dem Publikum, dass sie endlich wieder eine richtige Melodic-Death-Band sind. Alissa White-Gluz konnte noch so viele Nieten tragen, sie blieb trotzdem Schlumpfinchen. Hart dagegen wirkte in ihrem Gummipellenkampfdress wie Black Widow von den Avengers. Wenn ihre Stirnadern dick anschwollen beim Growlen, konnte man Angst bekommen, dass sie gleich platzt. Oder wir. Man weiß ja noch nicht, was sie kann. Ich wünsche mir zum Geburtstag eine Lauren-Hart-Action-Puppe.

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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