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Kunst

Das Vorspiel hat ein Nachspiel

Die Galerie Gesellschaft in Berlin-Mitte zeigt »Vertane Jahre« von Erik Seidel

Foto: Galerie Gesellschaft
Erik Seidel mit seinem Werk »Rauchfang« (2025)

Wer vertut schon gerne seine Zeit? Eigentlich niemand. Beim Künstler Erik Seidel ist das anders. Ihm entsprangen in jenen Jahren, auf die er keinen speziellen Fokus legte, Kunstwerke von besonderem Wert. »Vertane Jahre« heißt darum – fast ironisch – seine Ausstellung in der Galerie Gesellschaft in Berlin. Man sieht überwiegend Eisenplastiken, dazu Linolschnitte, Holzschnitte, Radierungen. Die Arbeiten stammen aus den letzten vierzehn Jahren, also aus einer Epoche, die den leicht morbiden Charme der Nachwendeära und die seltsame Aufbruchstimmung jüngeren Datums in sich vereint.

Eisen rostet. Das ist der Grund, warum der 1960 im Vogtland geborene, in Auerbach, Magdeburg, Dresden und Plauen ausgebildete Kunstpädagoge, Künstler und Steinmetz Seidel mit diesem Material arbeitet. Ansässig in Leipzig setzt er der sogenannten Neuen Leipziger Schule um Neo Rauch eine andere, weniger seichte, dafür deutlich expressiv gefärbte Figürlichkeit entgegen. Er knüpft an die »alte« Leipziger Schule mit Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke und Bernhard Heisig an, entwickelt sie weiter.

Wie bei diesen Altmeistern bewegt sich die Bild- und Formensprache von Erik Seidel zwischen Realismus, Ab­straktion und Surrealismus. Manches, wie der unikate Eisenguss »Gewächs« von 2015, trägt zusätzlich kubistische Züge. Aus locker aneinandergefügten, rostigen Eisenclustern ergibt sich die Silhouette eines Gebüschs mit einem hochragenden Ast neben der Krone. Oder ist es eine Tänzerin, die ein Bein erhoben hat?

Ebenfalls tänzerisch und mit dem Hautgout der Vergänglichkeit steht eine Figur von 2013 unter dem Motto »Ich fühle Mut« im Gegenwind. Sie hat einen Totenschädel zum Kopf, von dem eine Haarmähne, ähnlich wie bei Pferden, herabweht. Der Schädel sitzt auf einem Unterschenkel, und der wiederum steht in einem Schuh. Kopf, Bein, Fuß, Haar – was braucht der Mensch mehr? Rundum Rost ansetzend, passt diese Statue, einen knappen halben Meter hoch, auf jeden Schreibtisch: als moderne Antwort auf Shakespeares Hamlet-Motto »Sein oder Nichtsein«.

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Die »Fröhliche Begegnung« von 2025 scheint hingegen ein Zwitschern von sich zu geben, wenn man genau hinsieht und in der Imagination auch hinhört. Hier treffen sich Singvögel – vielleicht sind es die in Berlin rar gewordenen Spatzen oder auch die etwas größeren Amseln – an einem lauschigen Ort. Es gibt Körner zu picken, ihre Leib- und Magenspeise. Lebhaft pickt das eine Tier, während die beiden anderen den Schweif hochrecken, zum Zeichen ihrer Vitalität. Das ist ein nachhaltig im Gedächtnis bleibendes Momentbild, wie ein Symbolbild voller Hoffnung.

Unbedingt genießen sollte man auch den »Ersten Kreis«, der kürzlich in Bronze entstand: als Editionsstück der Galerie Gesellschaft. Ein Skelett hockt da an einer ammonitenähnlichen Scheibe, umarmt sie herzlich und sinniert munter übers Dasein, auf Neuigkeiten lauernd. Erik Seidel traf diesen Ausdruck auf den Punkt. Die Scheibe kann als Vorstufe einer Sonnenuhr, als Zeichen der fließenden Zeit, gesehen werden.

Außer einem »Künstlerheft« gibt es auch den dafür geschaffenen Linolschnitt »Vorspiel« zu sehen. Schwarz und Rost bilden hier als flächige Farben jenen skurrilen Neuanfang, den Ratten anzeigen, wenn sie sich über Reste hermachen. Quieken sie nicht vor Vergnügen? Dieses Vorspiel hat erst mal ein Nachspiel.

Außer Tiermetaphern gibt es in Seidels Schnitten solche des Reisens. Und weil häufig Skelette die Akteure sind, spielt der Tod immer mit. Oder sollte man sagen: die Ewigkeit?

→ Erik Seidel: »Vertane Jahre«, bis 30. August 2026 in der Galerie Gesellschaft, Auguststr. 83, 10117 Berlin, Do–Sa 14–18 Uhr, und nach Vereinbarung unter Tel. 0172/600 20 46

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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