Zum Inhalt der Seite

Kalkül »Euroshima«

Mehr US-Atomwaffen in Europa

Foto: Fabian Sommer/dpa
Demonstration für eine Welt ohne Atomwaffen am 30. Juli 2020 in Berlin

Das ist ein Angebot, das die Führungskräfte der baltischen Staaten und Polens nicht ablehnen werden. Sie fordern seit längerem, atomare Zielscheibe zu werden. Dem kommen die USA jetzt offenbar nach: Unter Berufung auf drei anonyme Quellen in der US-Administration berichtete die britische Financial Times am Dienstag, die USA hätten in streng vertraulichen Gesprächen mit NATO-Verbündeten »Offenheit für zusätzliche Stationierung« von atomwaffenfähigen Bombern – selbstverständlich aus US-Produktion – in Europa gezeigt. Die Kampfjets plus Atomwaffen gibt es bisher in sechs Staaten – Belgien, Deutschland, Italien, Niederlande, Türkei und Großbritannien. Sie stehen unter US-Aufsicht, der Einsatz von Atomwaffen kann nur vom US-Oberbefehlshaber, dem Präsidenten, genehmigt werden. Die Atombomben werden seit Jahren »modernisiert«, d. h. durch sogenannte intelligente Waffen ersetzt. Sie haben unterschiedliche Sprengkraft und sollen taktisch auf dem Gefechtsfeld, aber auch strategisch gegen entscheidende Ziele eingesetzt werden. Die seit Jahrzehnten erträumte Erstschlagfähigkeit ohne sofortige atomare Antwort gegen eigene Anlagen von strategischer Bedeutung soll so (wieder) erreicht werden.

Dieser Wahn stand schon hinter der ersten Stationierung von US-Atomwaffen 1955 in der BRD – zehn Jahre nach Hiroshima und Nagasaki – und der nachfolgenden innerhalb kurzer Zeit in Westeuropa. Die Sowjetunion machte allerdings einen Strich durch die Rechnung: Das Kalkül war, auf diese Weise einen Atomkrieg nur in Europa – als »Euroshima« – stattfinden zu lassen. Die UdSSR demonstrierte 1957 beim »Sputnik-Schock«, dass sie in der Lage war, Interkontinentalraketen zu bauen, die dort einschlagen konnten, woher die Waffen kamen – in den USA selbst.

Anzeige

Seitdem versuchen USA und NATO immer wieder, den Zustand von 1955, die vermeintlich straflose Erstschlagfähigkeit, wiederherzustellen. Die Sowjetunion rüstete wiederholt nach. Die im Orwellschen NATO-Jargon »nukleare Teilhabe« genannte Stationierung von US-Atomwaffen in Europa ist eine besonders verlogene Variante. Deutschland verstößt damit vermutlich gegen den Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen, gegen den Zwei-plus-vier-Vertrag von 1990 nicht nur in dieser Hinsicht. Im Aberglauben der Kriegstüchtigen aber regelbasiert.

Sollte es zur Erweiterung der »nuklearen Teilhabe« gegen Russland kommen, erschließt sich der Sinn des von Trump angekündigten teilweisen Truppenrückzugs aus Westeuropa und der Absage, in Deutschland Mittelstreckenraketen zu stationieren. Die Devise lautet: GIs raus, Atombomben rein. Die Westeuropäer kaufen brav für Hunderte Milliarden Euro US-Kriegsgerät und stellen es zum Verglühen an die Ostfront. Nehmen sie aber mehr Atomwaffen ab, wird es kommerziell viel lukrativer für die USA. Und »Euroshima« wahrscheinlicher. Leuchtet ein.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 03.06.2026, Seite 3, Ansichten

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!