We Are Family
Unionsfraktionschef Jens Spahn ist Vater geworden – per Leihmutter in den USA. In Deutschland ist das illegal. Die Bundesrepublik, jedenfalls ihre Schreiberlinge, treibt nun um, was sonst Schülerinnen und Schüler in der dritten oder vierten Klasse umtreibt: Wo kommen die Kinder her?
Genauer: Unter welchen Bedingungen entstehen die Kinder? In der Süddeutschen Zeitung rezipiert man die gegen Spahn gerichteten Vorwürfe von »Doppelmoral und Egoismus« (Postillon: »Es ist keine Doppelmoral, wenn man generell keine Moral hat«, »Zwei mal null ergibt null«), denn der Politiker habe »2015 gesagt, ›als schwuler Mann und Christ‹ könne er sich mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs nur schwer anfreunden«, außerdem habe er noch 2020 als Gesundheitsminister die Forderung nach einer Teillegalisierung der Leihmutterschaft zurückgewiesen. Kritik? Berechtigt! Aber? Man unterschätze »die Macht der Sehnsucht nach einem Kind«. Altruistische Leihmutterschaft wie in Großbritannien – »ein Modell für Deutschland?«
Ansonsten stimmen alle in den Chor der Kritik ein. Aber die Welt gerät beinahe aus den Fugen, wenn Bürgerliche für ihre Argumentation gefährlich nahe an linken Weisheiten vorbeistreifen, auch wenn unabsichtlich. Das Private ist politisch, liest man (fast) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: »Privat ist privat. Und Gesetz ist Gesetz.« Privates sei aber nicht mehr privat, wenn öffentliches Interesse bestehe. Das da wäre: Kinderkriegen sei »keine Dienstleistung, das darf kein Service sein, den man kaufen kann«. Ähnlich sieht man das beim Tagesspiegel, wo man der Causa gleich Titelbild plus drei ganze Seiten widmet. Da heißt es: »Jens Spahns Babyglück ist ein politisches Desaster«, etwa für seine »Glaubwürdigkeit«. Aber die Gesetzesumgehung sei auch »Ausdruck einer fortgeschrittenen Entsolidarisierung dieser Elite mit der Bevölkerung«. Die im Grunde zentrale Frage: Was ist mit der »Lage der Frauen, die ihren Körper als Ersatzaustragungsleib geschäftsmäßig zur Verfügung stellen«?
»Ein Kinderwunsch begründet keinen Anspruch auf den Körper einer Frau«, buchstabiert man es ausgerechnet in Springers Welt aus. Die Fugen bröckeln. Leihmutterschaft – ein »blühender Geschäftszweig«, der auf »ungleichen Machtverhältnissen« basiert. »In dem System werden Frauenkörper und Babys zur Ware«, Agenturen machten »mit den Körpern der Frauen Profit«. Die Leihmütter würden »häufig aus ökonomisch benachteiligten Gruppen rekrutiert«, denn wo »Ungleichheit« – besser: Armut – »den Ausschlag gibt, verschwimmen die Grenzen zwischen Freiwilligkeit und Ausbeutung«. Fast marxistisch. Dennoch gratuliert der Welt-Autor »dem Paar von Herzen«. (mag)
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