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Reserve hat noch Ruhe

AfD und deutsches Kapital

Foto: Sebastian Kahnert/dpa
AfD-Politiker Ulrich Siegmund gratuliert Alice Weidel zu iher Wiederwahl als Parteichefin (Erfurt, 4.7.2026)

Das deutsche Großbürgertum begegnet der AfD bislang mit relativer Zurückhaltung, anders als einige US-Milliardäre mit offen faschistischen Neigungen. Der alteingesessene deutsche Geldadel steht nach allem, was bekannt ist, mit seinen Millionen nicht hinter Höcke, Weidel oder gar Chrupalla. Ausnahme scheint die Finck-Dynastie zu sein, die lange vor 1933 schon Großfinanzier der Nazipartei war. Neureiche und steuerflüchtige Milliardäre wie Milch-Müller treten für eine Koalition von CDU/CSU mit der AfD ein, behaupten aber, nicht zu spenden. Das Gerücht, Springer-Chef Mathias Döpfner habe Friedrich Merz gedrängt, die AfD ins Boot zu holen, verstummt nicht. Passen würde das, Döpfner sah schon das Kalifat regieren, als es die AfD noch nicht gab.

Bei manchen gehört ein besonders großer Sprung in der Schüssel zur Grundausstattung im Klassenkampf. Zugleich besagt die Drängelei nach unten: Die AfD ist Druckmittel, um das amtierende politische Personal zu triezen, und damit Reserve. Das lohnt sich für die willigen Helfer: Unter den im Bundestag sitzenden Parteien verfügt die AfD mit etwa 40 Millionen Euro über das größte Vermögen – das reichte, um nicht mehr Hinterzimmerpartei zu sein. Eine sogenannte Volkspartei, wie Weidel auf dem Erfurter Parteitag meinte, ist die AfD nicht – ein Manko in den Augen von Herrschenden. Die Massenbasis ist noch »volatil«, wie die Börse. Ob die Idee, wieder einmal wie einst der »Untertan« Heinrich Manns das Nach-unten-Treten und Nach-oben-Buckeln zum innenpolitischen Renner zu machen, dauerhaft trägt, ist nicht ausgemacht. Zudem ist sie allen Parteien, die vor allem Diäten und Pöstchen als politisches Ziel haben, gemeinsam.

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Nun macht sich der Verwandte-zuerst-Verein AfD daran, im wahrscheinlich am meisten von den Kolonisatoren geplünderten Bundesland Sachsen-Anhalt eventuell die Regierung zu stellen. Das wurde von den Betriebsnudeln bereits abgehakt. Sie warten wie Jens Spahn mit Mätzchen auf, wie Entzug des passiven Wahlrechts für Höcke oder wie CSU-Deppen mit einem Teilverbot der AfD Thüringen. Das hat ungefähr denselben Gehalt wie die Behauptung der Anti-AfD-Demonstranten von Erfurt, ihre Aktionen seien ein Erfolg. Ernster wäre eine harte Stellungnahme der Kapitalverbände. Was aber BDI-Geschäftsführerin Tanja Gönner am Donnerstag äußerte, ging über »Du, Du« nicht hinaus: »fatal«, »keine überzeugenden Antworten«, erschwert Investitionen usw. Das Problem: Fast dasselbe sagte Gönner zum »Reformpaket« der Koalition.

Noch ist dem BDI egal, wer unter ihm regiert. Das kann sich schnell ändern. Wer dem Aufrüstungskurs von Merz, Klingbeil und Pistorius folgt, setzt alles im Land auf eine Karte. Die nächste Krise kommt, den von der Koalition angestrebten Krieg wird die treu zur Bundeswehr stehende AfD nicht verhindern. Bis dahin hat sie als politische Reserve Ruhe von oben.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.07.2026, Seite 3, Ansichten

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→ Leserbriefe
  • Ulrich Sander aus Dortmund 13. Juli 2026 um 10:37 Uhr
    Ohne die aktive Unterstützung der Großindustrie, der Großbanken, ihrer einflussreichen Verbände und der Großgrundbesitzer wäre es nie zur Machtübergabe an die Hitlerpartei gekommen. Das wurde nach 1945 selbst im bürgerlichen Lager nicht mehr bestritten. Wirkungen des Kapitalismus der dreißiger und vierziger Jahre sind bis heute spürbar. Die Firmen Quandt/Klatten (Hagen, Düren), Oetker (Bielefeld) und Schwarz (Lidl/Kaufland) gehören zu den reichsten Familien der Republik. Darüber hinaus sind sie Teil der Gruppe von 132 deutschen Milliardären. 71 Prozent dieser Milliardäre sind deshalb derartig reich, weil sie Milliardenvermögen geerbt haben. (Die Zahl der deutschen Milliardärserben ist prozentual doppelt so hoch wie weltweit üblich.) Sie sind es aufgrund des Raubzugs ihrer Vorfahren vor 1945 (Quelle: ARD Reschke Fernsehen, 16.1.2025). Diese braunen Erben sind zu enterben, fordert die VVN-BdA. Auch die in NRW ansässigen Konzerne ThyssenKrupp und Rheinmetall sollten zu Zahlungen zu Gunsten von Entschädigungsforderungen an Nachkommen der Naziziopfer, aber auch von Bildung, Klima und Sozialem herangezogen werden, so wird vielfach zu recht verlangt. Eine Maßnahme, um die Reichsten zur Kasse zu bitten, wäre die Verwendung der Erträge aus einer grundlegenden Reform der Erbschaftsteuer. Nun zur AfD: Sie weiß sich den Reichsten verbunden. Sie fordert die Abschaffung der Erbschaftssteuer. Damit macht sich diese Partei bei den Reichsten der Reichen beliebt. Nicht wenige deutsche Multimillionäre sind Mitglied im Verband »Die Familienunternehmer«, der sich in Fortsetzung alter Traditionen – Harzburger Front, Treffen im Industrieclub, Brief an den Reichspräsidenten für die Kanzlerschaft Hitlers oder auch Treffen bei Baron von Schröder am 4. Januar 1933 in Köln und Treffen der Ruhrlade am 7. Januar 1933 in Dortmund – offiziell dem Rechtsaußen annäherte. Diesmal Annäherung an die AfD und an die Forderung nach Beseitigung der Brandmauer. Der Protest und Austritt mancher Firmen aus dem Verband der Familienunternehmer führten zwar zu einer Korrektur der Entscheidung der Verbandsspitze, es blieben aber zahlreiche Mitglieder als Finanziers und Förderer der AfD weiter unerkannt und ungenannt – und im Sinne der AfD aktiv. Zudem: Es ist nicht übertrieben, die Entwicklung in Dortmund rund um die Kommunalwahl 2025 als eine Art Generalprobe im Kleinen und Lokalen zum Thema »Kapital und Konservative helfen der AfD in die Nähe der Macht« zu sehen. Großkapitalisten, Medienfirmen und CDU-Vertreter wirkten zugunsten der AfD und diese unterstützte in der Stichwahl den CDU-Mann, der dann OB wurde. Ein CDU-Mann als OB, das gab es nie seit 1945 in Dortmund. In Köln versuchte sogar Elon Musk, reichster Mann der Welt und führender Industrieller in Deutschland, ähnliches, indem er forderte, die AfD zu wählen, denn sonst gehe Deutschland zu Grunde. Und später kommt dann die ganze politische Macht von Faschisten und Kapital, ergänzt um das Militär, im ganzen Land hinzu.
  • Reinhard Hopp aus Berlin 11. Juli 2026 um 10:44 Uhr
    Großbürgertum, Kriegsgewinnler, Spekulanten und Faschisten: Sie suchen einander und finden immer wieder zusammen. Und das umso leichter, je willfähriger und beflissener die jeweilige Politik und die Mainstreammedien ihnen dabei sekundieren und assistieren oder sie öffentlichkeitswirksam normalisierend moderieren.
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