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Desinformation

Alarmismus vom Dienst

Der Verfassungsschutz warnt vor der »proiranischen Terrorgruppe« HAYI. Dabei ist unklar, ob die Gruppe wirklich existiert

Foto: Joshua Bratt/News Licensing/IMAGO
Viele offene Fragen: Ausgebrannte Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes bei London (23. März 2026)

Seit Beginn des Angriffs der USA und Israels auf den Iran Ende Februar ist es in einigen europäischen Ländern zu mehreren Brandanschlägen und Vorfällen gekommen, die sich gegen angeblich mit dem Judentum in Verbindung stehende Einrichtungen gerichtet haben sollen. Schnell hatten Medien, Behörden und angeschlossene Terrorexperten einen Schuldigen gefunden: Die als Anschläge bezeichneten Vorfälle wurden einer Gruppe namens »Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia« (HAYI) zugeschrieben. Ebenso wird teilweise behauptet, diese kaum bekannte Organisation stehe mit dem iranischen Staat in Verbindung – wahlweise als von Teheran aus gesteuerte Gruppe von Kleinkriminellen oder gar als Frontorganisation der Islamischen Revolutionsgarden. Das Motiv scheint klar: Die Antikriegsstimmung in der europäischen Öffentlichkeit gegen die iranische Regierung zu wenden.

Auch der deutsche Inlandsgeheimdienst hat nun offenbar entschieden, auf diesen Zug aufzuspringen. Am Dienstag gab das Bundesamt für Verfassungsschutz (VS) per Handelsblatt die Warnung aus, es sei eine neue Eskalationsstufe zu erwarten. Unter Verweis auf angebliche Videobotschaften teilte der VS dem Blatt mit, HAYI habe angedroht, »sich nunmehr nicht mehr auf ›einfache‹ Angriffe zu beschränken, sondern langfristig auch gefährlichere Tatmittel einzubeziehen«. Dabei war von einem möglichen Übergang von Brand- zu Bombenanschlägen die Rede. Laut VS stehe hinter der Gruppe ein irakisch-schiitisches Netzwerk. Die Organisation nutze unterschiedliche Social-Media-Kanäle aus dem »schiitisch-extremistischen und pro-iranischen Bereich, um über ihre Aktivitäten zu berichten«.

Allerdings kommen bei genauerer Betrachtung dieser Aktivitäten in den vergangenen Wochen ernsthafte Zweifel an der tatsächlichen Existenz dieser Gruppe und an solchen Darstellung wie der des VS auf. Denn mehrere der HAYI zugeschriebenen Vorfälle schienen sich gar nicht direkt gegen jüdische Institutionen zu richten. Dazu kommt, dass es kaum Informationen über die mutmaßlichen Täter gibt. Auch fehlen – abgesehen von ein paar Behauptungen und Äußerungen von angeblichen Experten in den sozialen Medien – konkrete Beweise dafür, dass diese Organisation tatsächlich so existiert, wie sie beschrieben wird.

Der in Medienberichten als bislang schwerster Angriff der HAYI bezeichnete Vorfall war ein Brandanschlag auf vier Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes im Londoner Vorort Golders Green in der Nacht vom 22. auf den 23. März. Ein anschließend im Internet verbreitetes »Bekennerschreiben« in hebräischer, englischer und arabischer Schrift, das der HAYI zugeschrieben wird, wirft jedoch viele Fragen auf. So wird dort behauptet, der Anschlag sei nicht gegen den Hatzola-Northwest-Rettungsdienst, sondern gegen die Machzike-Hadath-Synagoge gerichtet gewesen, neben der die Krankenwagen geparkt waren. Weiter wird der Angriff begründet mit einer Verbindung zwischen besagter Synagoge und dem Großrabbiner Abraham Isaak Kook – obwohl der jüdische Gelehrte bereits 1935 starb. Mehrere Analysten weisen auch auf die untypische Verwendung der Phrase »Eretz Israel« (»Land Israel«) hin – eine Bezeichnung für Palästina, die sich Gegner des Zionismus niemals zu eigen machen würden.

Bei den anderen Angriffen in Griechenland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden, für die HAYI verantwortlich gewesen sein soll, kam es zu kaum nennenswerten Schäden. Teilweise ist nicht einmal einwandfrei belegt, ob die Anschläge wirklich stattfanden und tatsächlich gegen jüdische Gemeinden gerichtet waren. Zum Beispiel behauptete das israelische Diasporaministerium, dass am 23. März – kurz nachdem die Rettungswagen in Golders Green brannten – im jüdischen Viertel von Antwerpen ein Auto angezündet wurde. Niederländische Medien berichteten, der Besitzer sei Marokkaner. Einigen Angaben zufolge parkte das Fahrzeug auch nur am Rande oder in der Nähe des jüdischen Viertels. Die belgische Polizei teilte mit, zwei jugendliche Verdächtige festgenommen zu haben. In welchem Zusammenhang die beiden zu HAYI oder dem Iran stehen, bleibt das Geheimnis der Behörden. Auch die in den Niederlanden festgenommenen Verdächtigen waren zum größten Teil Teenager, der älteste war 23 Jahre alt. Auf Fotos von den Tatorten in Rotterdam und Amsterdam sind außer verrußten Wänden keine Schäden zu erkennen.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.04.2026, Seite 4, Inland

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